Das grosse Streitgespräch
Suter: «Zu laute Töffs aus dem Verkehr ziehen!» – Wobmann: «Das ist eine Enteignung der Töfffahrer!»

Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter will besonders laute Motorräder verbieten. Die Töfffans sind in Aufruhr. Einer davon ist der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann. Das grosse AZ-Streitgespräch.

Rolf Cavalli
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Walter Wobmann und Gabriela Suter streiten sich über Töfflärm.

Walter Wobmann und Gabriela Suter streiten sich über Töfflärm.

Bildquellen: Alex Spichale, Keystone, Montage: sam

Am Dienstag bespricht die Umweltkommission des Nationalrates zwei parlamentarische Initiativen, die seit Monaten für Gesprächsstoff sorgen und die Motorradszene nervös machen: Es geht um ein Fahrverbot von Motorrädern mit über 95 Dezibel Standgeräusch sowie ein Gesetz, das den Einsatz von Lärmblitzern ähnlich wie Geschwindigkeitsradars ermöglicht.

Eingereicht haben die beiden Vorstösse die Aargauer SP-Präsidentin und Nationalrätin Gabriela Suter. Ihr grösster Gegner in der Nationalratskommission ist Walter Wobmann. Der Solothurner SVP-Politiker ist Präsident der Föderation der Motorradfahrer der Schweiz. «Es geht um alles», sagt er.
Herr Wobmann, Sie sind leidenschaftlicher Töfffahrer: Was gibt Ihnen den besonderen Kick dabei?

Walter Wobmann: Es ist die Mischung aus Freiheit und Kameradschaft. Wir sind ein Vorbild für die Gesellschaft. Bei uns sind alle gleich, ob Banker oder Büezer. Und dazu kommt natürlich der Fahrspass.

Den Motorensound haben Sie jetzt nicht genannt. Fänden Sie Töffs also auch leise spassig?

Wobmann: Natürlich gehört der Sound des Motors dazu. Aber er muss selbstverständlich verträglich sein.

Frau Suter, was für Sie ohrenbetäubender Lärm ist, ist für Töfffans wie Walter Wobmann Musik in den Ohren. Motorengeräusche scheinen eine subjektive Sache.

Gabriela Suter: Walter Wobmann vertritt die Position einer absoluten Minderheit. Die grosse Mehrheit stört sich am Lärm. Und der nimmt zu. Die Töffflotte ist in den letzten zehn Jahren massiv vergrössert worden. Leider ist der Dezibelpegel dabei nicht runtergegangen, obwohl es technisch möglich wäre, leisere Töffs zu bauen. Viele Töfffahrer kultivieren die Soundkulisse.

Wobmann: Ja, es gibt mehr Töfffahrer. Weil Töfffahren eben so schön ist (schmunzelt). Aber die Töffs sind nicht lauter geworden. Im Gegenteil: Es gibt einen Test des TCS, der klar zeigt, dass Autos und Motorräder insgesamt leiser werden.

Sind die Menschen generell empfindlicher geworden auf Lärm?

Wobmann: Ja, das glaube ich. Dieses Jahr besonders. Das hat auch mit Corona zu tun. Auch weil man dieses Jahr zeitweise nicht ins Ausland durfte und darum mehr Töfffahrer auf Schweizer Strassen unterwegs waren.

Suter: Corona hat das Problem vielleicht akzentuiert, aber es hat sich schon in den letzten Jahren verschärft. Das Lärmproblem ist sicher nicht erst diesen Frühling aufgekommen.

Wobmann: Nein, aber die Sensibilität ist grösser seit den Einschränkungen der Coronamassnahmen. Viele müssen frustriert zu Hause bleiben, und dann ärgern sie sich doppelt, wenn ein paar Töfffahrer vorbeifahren mit Freude an ihrem Hobby.

Suter: Es ist die schiere Menge, die den Töfflärm unerträglich macht. Ich erhalte Mails von Leuten, die an Passstrassen wohnen und ihren Balkon oder ihren Garten nicht mehr benutzen können, weil bei schönem Wetter täglich Hunderte von Töffs vorbeifahren.

Wobmann: Die Intoleranz gegenüber Geräuschen nimmt generell zu: Es gibt auch Klagen gegen Kuhglocken, Mähdrescher, gegen Restaurants, die draussen wirten usw.

Suter: Das Lärmthema ist seit Jahren im Parlament. Und Sie gehören zu jenen Politikern, die jeden Vorschlag für mehr Lärmschutz bekämpfen.

Wobmann: Ich bekämpfe die Diskriminierung der Motorradfahrer. Das ist ein Unterschied. Ich bekämpfe nicht neue Grenzwerte.

Suter: Sie sind also für tiefere Grenzwerte? Lassen Sie uns zusammen einen Vorstoss machen!

Wobmann: Nein, liebe Gabriela Suter, das bringt nichts. Wir in unserer kleinen Schweiz produzieren gar keine Töffs. Die werden alle importiert, nach einer gesamteuropäischen Zulassung, die auch für die Schweiz gilt. Und da geht ja was: Die EU kommt mit tieferen Lärm-Grenzwerten ab 2023.

Suter: Ja, aber die Verschärfungen betreffen immer nur die neuen Fahrzeuge, nicht die bereits zugelassenen. Die Alten bleiben ein Problem.

Wobmann: Sie sind also dafür, dass jemand, der ganz legal einen Töff gekauft hat, ihn nicht mehr brauchen darf, wenn nächstes Jahr ein Dezibelgrenzwert eingeführt werden sollte, der tiefer ist als die seines Töffs?

Suter: Es würde sicher eine Übergangslösung geben, wie das bei vielen Gesetzen der Fall ist. Niemand wird von heute auf morgen eine «illegale» Maschine in der Garage stehen haben.

Wobmann: ... das heisst, er muss den Töff dann halt in zwei Jahren wegschmeissen. Eine rückwirkende Regelung geht einfach nicht!

Konkret geht es um ein Verbot von Töffs mit einem Standgeräusch von mehr als 95 Dezibel. Wie kommen Sie genau auf diese Grenze, Frau Suter?

Suter: Das Standgeräusch zeigt das Lärmpotenzial eines Töffs: So laut heult er, wenn er hochtourig, beispielsweise nach einer Kurve, gefahren wird. Es gibt ein Pilotprojekt im Tirol mit dem Ziel, die lautesten Töffs zu entfernen. Das durchschnittliche Standgeräusch ist 85 Dezibel. Plus zehn Dezibel nimmt der Mensch als doppelt so laut wahr. So kam man auf den Wert.

Walter-Wobmann mit seiner Kawasaki 750.

Walter-Wobmann mit seiner Kawasaki 750.

Keystone

Herr Wobmann, Sie fahren eine Kawasaki 750. Wären Sie überhaupt betroffen von einem Verbot nach dem Gusto von Frau Suter?

Wobmann: Mein Töff hat offiziell 94 Dezibel Standgeräusch nach europäischer Zulassung, inklusive Sportauspuff.

Es trifft Sie also gar nicht?

Wobmann: Das Problem ist doch: Jeder Mensch empfindet Lärm anders. Sportauspuffe zum Beispiel werden lauter wahrgenommen, als sie gemäss Dezibel vielleicht sind.

Der Lärm mache nachweislich krank, hielt die Lärmliga Schweiz letzte Woche nochmals fest. Anerkennen Sie das Problem, oder ist das in Ihren Augen übertrieben?

Wobmann: Es besteht sicher Handlungsbedarf. Aber in allen Bereichen. Die Eisenbahn etwa produziert mit weit über 100 Dezibel viel mehr Lärm als Motorräder. Aber eben, es ist unterschiedlich, was jemanden stört. Wie gesundheitsschädlich Lärm wirklich ist, ist umstritten. Allein am Lärm stirbt niemand.

Was bedeutet Dezibel?

Kurz gefasst ist Dezibel (dB) eine Einheit, die zur Messung von Schallintensität verwendet wird. Die Dezibel-Skala geht von 0 Dezibel (Hörschwelle) auf 120 Dezibel (Schmerzgrenze) und darüber hinaus. Aufgrund des logarithmischen Massstabs wird eine Steigerung um 10 Dezibel als Verdoppelung der Lautstärke wahrgenommen. Ein paar konkrete Anhaltspunkte:

- 10 dB: Blätterrascheln

- 30 dB: Flüstern

- 60 dB: normales Gespräch

- 70 dB: Staubsauger

- 95 dB: Holzfräsmaschine

- 110 dB: Rockkonzert

- 140 dB: Flugzeugstart

Geräusche mit gleichem Schalldruck, aber anderen Tonhöhen werden unterschiedlich laut wahrgenommen. Besonders tiefe und hohe Töne werden vom menschlichen Gehör als leiser empfunden. Auch die Dauer der Belastung spielt eine Rolle.

Mehr Infos der Suva zu Lärm finden Sie hier.

Frau Suter, warum gehen Sie gerade auf die Töfffahrer los und nicht auf Autoposer, laute LKW etc.?

Suter: Ich fordere ja in einem zweiten Vorstoss auch Lärmblitzer, die erfassen alle Fahrzeuge. Und bei Töffs ist das Problem einfach sehr gross. Alle, die schon in den Bergen in der Nähe eines Passes wandern oder Velofahren gingen oder an einer Strasse zu einem Juraübergang wohnen, wissen, wie belastend Töfflärm ist.

Wobmann: Das ist eine Hexenjagd gegen Töfffahrer!

Was ist grösser: Ihr Ärger über schwarze Schafe, die den Ruf der Töfffahrer beschädigen oder die Solidarität mit lauten Töfffahrern?

Wobmann: Wer illegale Auspuffe verwendet oder so, den verteidige ich sicher nicht. Wir machen auch Aufrufe, anständig zu fahren. Wir wollen nicht zu laute Töffs. Wir akzeptieren, dass 2023 tiefere Grenzwerte kommen. Das bekämpfen wir gar nicht.

Dann müssten Sie für Lärmblitzer sein?

Wobmann: Nein, definitiv nicht. Es gibt keinen Lärmblitzer, der funktioniert, und den wird es auch nicht so schnell geben. Wenn vier, fünf Töffs um die Kurve fahren, finden Sie gar nicht raus, welcher Töff zu laut war. Lärmblitzer sind darum nicht brauchbar und rechtlich nicht umsetzbar.

Suter: Es gibt sehr wohl funktionierende Lärmblitzer, beispielsweise in Paris. Das Bedürfnis ist da, nun braucht es die gesetzlichen Grundlagen. Die Hersteller wären gefordert, leisere Töffs zu bauen. Aber die Nachfrage nach sogenanntem kernigen Sound ist offenbar ungebremst. Es ist absurd: Töfffahrer tragen unter dem Helm oft Ohrschützer, weil es ihnen zu laut ist.

Im Video erklärt ein Experte, wie ein Lärm-Messgerät funktioniert:

Wäre es nicht zielgerichteter, die Lärmgrenzen konsequent durchzusetzen, statt laute Töffs zu verbieten? Es gibt ja auch Autos, die 200 fahren könnten, aber nicht verboten sind.

Suter: Die Polizei hat zu wenig Ressourcen, um ständig und überall zu kontrollieren. Notabene verhindert gerade die SVP regelmässig die Aufstockung der Polizeikräfte. Darum braucht es Lärmblitzer und müssen überlaute Töffs verschwinden.

Herr Wobmann, als Präsident der Motorrad-Vereinigung Schweiz haben Sie einen offenen Brief gegen Suters Vorstösse verfasst mit dem Titel «Es geht um alles». Geht es wirklich um Sein oder Nichtsein des Töfffahrers?

Wobmann: Hier geht es um die Enteignung des Eigentums, wenn ein Töfffahrer sein legal erworbenes Fahrzeug nicht mehr brauchen darf. Dagegen wehre ich mich resolut.

Suter: Enteignung? Das ist jetzt sehr weit hergeholt.

Wobmann: Was soll man denn mit dem Töff noch machen, wenn man ihn nicht mehr fahren darf?

Suter: Das ist bei Waffen auch so. Man darf gewisse Waffen zwar besitzen, aber deswegen nicht einfach damit schiessen.

Es gab am Gotthardpass sogar eine Töffdemo gegen Sie, Frau Suter. Macht Ihnen das auch etwas Angst, oder sind Sie sogar etwas stolz darauf?

Suter: Diese Demo war sehr klein und eher kontraproduktiv. Jedenfalls erhielt ich danach sehr viel positives Feedback zu meinen Lärmschutz-Bemühungen.

Walter Wobmann kämpft als leidenschaftlicher Töfffahrer gegen Verbote und Lärmblitzer. Sind Sie umgekehrt auch persönlich betroffen vom Töfflärm?

Suter: Nein, ich wohne zum Glück in einem ruhigen Quartier. Aber Lärm ist auch ein soziales Problem: An ruhiger Lage sind die Wohnungen wesentlich teurer als an einer lärmbelasteten Strasse. Es haben aber alle das Recht auf Ruhe und Erholung. Und von wegen Abwertung des Eigentums: Wenn jemand ein Haus an einer lärmigen Strasse hat, verliert dieses auch an Wert.

Herr Wobmann, sogar alte SVP-Kämpen wie Maximilian Reimann unterstützen Suter, weil sie genug von «unnötigem Lärm» haben. Beunruhigt Sie das?

Wobmann: Klar, Lärmbekämpfung geht quer durch die Parteien. Aber wir sind ja dran, die Töffs leiser zu machen. Das wird kommen, ohne Zweifel.

Suter: Das betrifft aber immer nur die neuen Fahrzeuge.

Wobmann: Wollen Sie alle Oldtimer verschrotten?

Suter: Man kann Fahrzeuge umrüsten, andere Auspuffanlagen und Schalldämpfer montieren. Da sind auch die Hersteller gefragt.

Frau Suter, wie wollen Sie Ihre Kollegen im Nationalrat von Ihrer Dezibelgrenze überzeugen?

Suter: Die Regelung ist einfach umsetzbar und sehr wirkungsvoll: Das Standgeräusch steht auf der Töff-Plakette. Töffs mit über 95 Dezibel Standgeräusch machen nur sieben bis zehn Prozent aller Motorräder aus, verursachen aber die Hälfte des Lärms. Wenn man die aus dem Verkehr zieht, erreicht man viel. Zudem könnten wir viel Geld sparen: Die Folgen von Verkehrslärm kosten jährlich etwa 2,7 Milliarden.

Herr Wobmann, was ist Ihr wichtigstes Gegenargument?

Wobmann: Keine Enteignung, keine neuen Grenzwerte für bestehende Fahrzeuge! Meine Hoffnung ist, dass es eine sachliche Diskussion gibt und keine Schnellschüsse. Suters zwei Vorstösse sind Wildwest-Stil: Man zieht zwei Revolver und zielt aus der Hüfte auf Töfffahrer.

Könnten Sie beide sich für einen Kompromiss erwärmen? Zum Beispiel: Lärmblitzer einführen und die bestehenden Lärmgrenzen schärfer durchsetzen, dafür kein Verbot von Töffs über 95 Dezibel.

Wobmann: Zuerst will ich einen Blitzer sehen, der funktioniert.

Suter: Die Grenzwerte müssten noch etwas weiter runter. Und es wäre an den Töffverbänden, das Umsteigen auf E-Bikes zu propagieren.

Wobmann: ... E-Bikes?

Suter: Elektro-Töffs.

Sind Sie schon mal auf einem Töff gesessen, Frau Suter?

Suter: Früher mal auf einem Ciao-Töffli. Und später einmal auf einem Grossen, einem Gold Wing. Aber das war keine so gute Erfahrung.

Hätten Sie Vertrauen, mal bei Walter Wobmann auf den Sozius zu steigen?

Suter: Nein, also nicht wegen ihm persönlich, aber ich bleibe lieber beim Velo. (lacht)

Herr Wobmann, würden Sie umgekehrt mal mit Frau Suter Tandem fahren?

Wobmann: (lacht) Nein, lieber nicht.

Zwei Welten treffen aufeinander: Walter Wobmann und Gabriela Suter im AZ-Streitgespräch zum Thema Töfflärm.

Zwei Welten treffen aufeinander: Walter Wobmann und Gabriela Suter im AZ-Streitgespräch zum Thema Töfflärm.

Alex Spichale

So wehren Aargauer mit Petitionen gegen Töff- und Autolärm

Gegen Töfflärm und Autoposer wehren sich im Aargau immer mehr Menschen mit Petitionen. Auf der von der AZ betriebenen Plattform petitio.ch sind in den letzten Monaten zahlreiche Petitionen zum Thema lanciert worden. Eine Auswahl:

Wettingen: "Stoppt Autoposer auf der alten Landstrasse"

Küttigen: "Motorradfahrverbot zwischen Küttigen und Erlinsbach"

Erlinsbach: "Schluss mit absichtlich erzeugtem Autolärm"

Buchs: "Stoppt die Lärmbelästigung durch Autoposer"

Auenstein: "Auto- und Töff-Fahren ohne Motorenlärm - ein Wunschtraum?"

Brunegg: Gegen Lärm auf Strecke zwischen Brunegg und Möriken und Brunegg-Othmarsingen

Aarburg: "Stoppt die Lärmbelästigung durch Autoposer"