Oster-Dilemma

Suppentopf statt Biogas: Schweizer sollen mehr Suppenhühner essen

Eigentlich können Legehennen uns Menschen nach ihrer ersten Karriere als Eierlieferantinnen noch als Suppenhuhn eine letzte Freude bereiten. Stattdessen werden sie heute meistens zu Biogas verarbeitet

Eigentlich können Legehennen uns Menschen nach ihrer ersten Karriere als Eierlieferantinnen noch als Suppenhuhn eine letzte Freude bereiten. Stattdessen werden sie heute meistens zu Biogas verarbeitet

Weil Schweizer nicht genug Suppenhühner essen, werden jährlich eine halbe Million Legehennen zu Biogas. Dabei wäre das Fleisch der Hennen qualitativ gut. Organisationen und Köche kämpfen für das Revival des Suppenhuhns.

Gelb, grün, rot, blau: In allen Farben stehen die Ostereier in den Lebensmittelläden in den Regalen. Und dieses Wochenende werden sie beim Osterbrunch wieder getütscht. Der Wettkampf um das härteste Ei verwandelt dabei so manchen Küchentisch in ein Schlachtfeld.

So schön die Tradition des Eier-Tütschens, das Geschäft mit Legehennen ist knallhart. Bauern bereiten sich akribisch auf die Osterzeit vor, denn während den Ostertagen essen Herr und Frau Schweizer etwa 20 Prozent mehr Eier als sonst, heisst es vom Eierverband Gallosuisse.

Um der Nachfrage nach Ostereiern gerecht zu werden, planen Bauern ihren Hennen-Bestand genauestens voraus, sodass die Legehennen vor Ostern in Topform sind und das Lege-Optimum herausgeholt werden kann. Doch selbst das reicht für die Nachfrage an Ostern nicht aus. Viele Eier werden importiert, nicht nur an Ostern, sondern das ganze Jahr über. Gerade mal 56 Prozent des Gesamteierverbrauchs stammte 2013 aus Schweizer Produktion.

Nach einem Jahr ausgewechselt

Die Hühner vollbringen Höchstleistungen, legen praktisch jeden Tag ein Ei. «Für die Hennen ist das körperlich sehr anstrengend. Das zeigt sich auch an deren Gesundheit. Viele werden krank, leiden an Osteoporose, weil sie das Kalzium statt in ihre Knochen in die Eierschalen einlagern. Auch gebrochene Beine kommen vor», sagt Tanja Kutzer von KAG Freiland, einer Organisation, die sich für artgerechte Haltung von Nutztieren einsetzt. Studien von Berner Tierschutzforschern berichteten von Knochenbrüchen bei bis zu 97 Prozent aller Hühner. Durch weiche Sitzstangen könnte man die Verletzungen um 15 Prozent reduzieren, sagen die Forscher.

Nach einem Jahr haben die Hühner ausgedient. Sie rentieren nicht mehr, weil die Eier immer grösser werden, ihre Schalen aber brüchiger, beides wird von den Konsumenten nicht toleriert. «Nach den Feiertagen werden vielerorts die Herden ausgewechselt», sagt Oswald Burch von Gallosuisse. Doch was geschieht mit den ausgedienten Hennen?

Die von Eierproduzenten gegründete Genossenschaft «GalloCircle» betreibe eine nationale Plattform zur Verwertung von Althennen, so Burch weiter. Sie setzen sich dafür ein, dass mehr Althennen-Fleisch konsumiert wird. «In Form von Suppenhennen und mittels Fleisch für Wurstwaren, Aufschnitt und dergleichen gelingt dies mittlerweile für gut 70 Prozent.

Die übrigen Herden werden energetisch genutzt.» Das bedeutet, dass eigentlich qualitativ gutes, antibiotikafreies Fleisch für die Erzeugung von Biogas zweckentfremdet wird. Für eine halbe Million Legehennen jährlich bedeutet dies das Ende in der Biogasanlage.

Männliche Eintagesküken

Schlechter als die weiblichen Legehennen haben es deren Brüder. Etwa 2.5 Millionen männliche Küken werden einen Tag nach ihrer Geburt aussortiert, erstickt und landen ebenfalls in der Biogasanlage. Sie legen keine Eier und eignen sich nicht zur Mast, da sie nicht genug Fleisch ansetzen, um zu rentieren.

Doch die Geflügelbranche versucht, diese Umstände zu verbessern. So arbeiten Forscher aus Deutschland daran, das Geschlecht des Kükens noch vor dem zehnten Bruttag bereits im Ei zu identifizieren. «So können die männlichen Küken wenigstens schmerzfrei entsorgt werden, und man kann die Eier noch als Industrieeier verwenden», sagt Tanja Kutzer von KAG Freiland. Die Sache hat aber einen Haken: «Im Moment ist dieser Vorgang noch in der Entwicklung. Das Testen verläuft noch zu langsam und ist zu teuer. Je nach Methode benötigt man bis zu vier Stunden, um ein Ei auf das Geschlecht zu testen. Das rentiert nicht.» Aber in einigen Jahren würde die Technik reif sein, um diesen Vorgang flächendeckend durchzuführen.

Auch gibt es den Versuch, eines Zweitnutzungshuhns, bei dem Weibchen Eier legen und Männchen gemästet werden.

Suppenhuhn soll auf den Teller

Um Legehennen von der Biogasanlage zu bewahren, sollten wieder mehr Schweizer Suppenhühner essen. Ihr Verzehr war in den letzten Jahrzehnten rückläufig. Fälschlicherweise heisst es, das Fleisch sei zäh.

Das kommt daher, dass die Hühner zu Grossmutters Zeiten erst nach dem sie keine Eier mehr legten, im Suppentopf landeten; heute jedoch gehören die Hühner schon mit einem Jahr zum Ausschuss.

Ausserdem muss man das Fleisch lange köcheln lassen – und wer hat schon die Zeit dafür? Doch würde jede Familie, die Eier konsumiert, auch ein Suppenhuhn pro Jahr essen, müsste keine einzige Henne mehr kompostiert werden. Der Eierverbrauch einer Familie entspricht nämlich in etwa der jährlichen Eierproduktion einer Legehenne.

So setzen sich denn vermehrt Organisationen und Köche für das Suppenhuhn ein und wollen seinen schlechten Ruf wieder aufpolieren. Die KAG Freiland beispielsweise bietet Suppenhuhn-Pakete an, welche unter anderem mit Cordon bleu, Brätkügelchen und Geschnetzeltem gefüllt sind – alles aus dem Fleisch von Suppenhühnern.
Auch bekannte Köche wollen das Suppenhuhn wieder unter die Leute bringen.

Der Aargauer Spitzenkoch Siegfried W. Rossal widmete dem Suppenhuhn ein Kochbuch, und auch Louis Bischofberger tischt seinen Gästen im Gasthof Kreuz im solothurnerischen Egerkingen Suppenhuhn-Kreationen auf.

Wer also am Osterzmorge die Eier tütschen will – nur zu. Zum Znacht gibt's dann ein Suppenhuhn.

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