Strompreise

Strompreise verwirren die Kunden

Strompreis: Der Weg vom Kraftwerk zur Steckdose beim Konsumenten wird für die Netznutzung jetzt separat berechnet. (Bild: Walter Schwager)

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Strompreis: Der Weg vom Kraftwerk zur Steckdose beim Konsumenten wird für die Netznutzung jetzt separat berechnet. (Bild: Walter Schwager)

Die Politik hat im Blick auf die Marktöffnung transparente Stromrechnungen verlangt. Das Resultat kommt jetzt bei den Konsumenten an – und verwirrt die meisten. Statt 2 bis 3 hat die Rechnung jetzt 16 bis 20 Positionen.

Hans Lüthi

Die Aufschläge beim Strompreis haben die Konsumenten im Voraus massiv beunruhigt und zu viel Kritik geführt. Mit zwei Korrekturen hat die AEW Energie AG die Preiserhöhung gedämpft, zum Teil nach kurzfristigen Änderungen auf Bundesebene. Was das auf Franken und Rappen genau bedeutet, sehen die Konsumenten erst jetzt: Die konkreten Rechnungen für das Winterhalbjahr von Anfang Oktober bis Ende März treffen vielerorts erst jetzt ein. Allerdings vermag die transparentere Darstellung keine Freude auszulösen, die Gemeindewerke ärgern sich über einen riesen Zusatzaufwand. Eindeutig sind die Reaktionen der Strombezüger: Bei der AEW Energie AG und den Gemeinden nimmt die Zahl der Reklamationen laufend zu.

Über den Kopf des Volkes

«Wir haben das Schlimmste befürchtet, unsere Befürchtung ist eingetroffen», sagt der EW-Vertreter Christoph Riek in Klingnau. Das Volk habe das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) 2002 deutlich abgelehnt. Das Bundesparlament strebte praktikable Lösungen an, mit wenig Erfolg. Die laufend geänderten Verordnungen treiben viele Fachleute der Strombranche auf die Palme: «Wir müssen den Handstand, den Kopfstand und den Seiltanz gleichzeitig machen», sagt Geschäftsführer Andreas Gertsch vom Verband Aargauischer Stromversorger (VAS). Mit der schwierigen Umsetzung der neuen Rechnung kämpfen viele kleinere Elektrizitätswerke von den 111 Wiederverkäufern. Die Mehrheit der Aargauer Gemeinden verlange unveränderte Abgaben. Das bedeutet: Sie nutzen die Konfusion nicht zu einem versteckten Aufschlag aus.

Aufteilung in drei Kategorien

«Es ist gewöhnungsbedürftig bis schwierig, die neuen Rechnungen zu verstehen», sagt CEO Peter Bühler von der AEW Energie AG. Bei den vom Kantonswerk verschickten 75 000 Rechnungen an die Direktbezüger gibt es immer Reaktionen, «jetzt kommen noch jene zur mangelhaften Verständlichkeit dazu». Obwohl: Die AEW Energie AG hat eine vierseitige Kundeninformation nur zum Strompreis beigelegt, für mehr Transparenz. Aufgeführt sind die separaten Kostengruppen für Netznutzung, Abgaben, Energielieferung, Stromlieferung und frei wählbare Zusatzprodukte.

Zusatzgebühren am Laufmeter

Hat der Zählerableser die effektiv im letzten Winter verbrauchten Kilowattstunden (kWh) notiert und ans EW gemeldet, wird für die Netznutzung und die bezogene Energie nach Hochtarif (HT) und Niedertarif (NT) die Basis für die Stromrechnung erstellt. Eine Grundgebühr rundet diesen Bereich ab und führt zu einem ersten Zwischenstand.

Bei grossen Verbrauchern, wie das Beispiel eines Hauses mit Elektroheizung in Klingnau zeigt, läppern sich die Abgaben fast unanständig hoch zusammen. Bei einer Gesamtrechnung von 3700 Franken machen sie allein 480 Franken aus. Es sind: Konzessionsgebühr der Gemeinde Fr. 305.10 (0,9 Rp/kWh), Systemdiensleistungen Swissgrid bis Ende Dezember Fr. 16.95 und bis Ende März Fr. 67.80 Franken (0,4 Rp/kWh). Bei der Mehrkostenfinanzierung (MFK) von Fr. 13.55 bis Ende 2008 geht es um die alte Förderung der erneuerbaren Energien. Seit Anfang 2009 gilt die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV, 0,45 Rp/kWh), die mit Fr. 76.30 Franken zu Buche schlägt. Die schon vorher eingerechnete Mehrwertsteuer ist in diesen Zahlen schon enthalten.

Freiwilliger Aufpreis für Ökostrom

Aber das ist noch längst nicht alles: Gegen Aufpreis gibt es bei der AEW Energie AG eine breite Palette von Ökostrom. Die Flussperle aus einheimischer Wasserkraft ist für plus 1 Rappen je kWh zu haben, bei der Windkraft kosten 1000 Kilowattstunden 180 Franken oder inklusiv Mehrwertsteuer Rp. 19,73 je kWh. Der Axpo Naturstrom Blue aus Wasserkraft ist für plus 2 Rappen erhältlich, Azur kostet plus 8 Rappen und kommt aus kleinen Wasserkraftwerken, Biomasse und Solar zusammen. «Am teuersten ist Axpo Sky für Rp. 25,8 je kWh, aber der ist zu teuer und wenig nachgefragt», betont ein AEW-Sprecher zum Mix aus Solar, Biomasse und Kleinwasserkraft. Begehrter ist der Aargauer Naturstrom aus den gleichen Kategorien, weil für eine Pauschale von 25 oder 50 Franken 200 oder 400 Kilowattstunden zu bekommen sind. Es gibt übrigens auch noch «Blindstrom», aber das macht den Strompreis nur noch komplizierter.

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