Apothek statt Praxis
Streit zwischen Ärzten und Apothekern eskaliert

Apotheker sollen in Diagnose und Behandlung von Krankheiten geschult werden. Die Ärzte wehren sich dagegen, obschon gerade sie dadurch entlastet würden. Zwischen den beiden Parteien reissen alte Wunden neu auf.

Anna Wanner
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Ein Arzt verschreibt ein Medikament.

Ein Arzt verschreibt ein Medikament.

KEYSTONE

Die Notiz ging fast unbemerkt an der Öffentlichkeit vorbei: Der Nationalrat hat am Mittwoch beschlossen, dass Pharmaziestudenten neu lernen müssen, Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Bisher gehörten solche Kurse fast ausschliesslich ins Curriculum von Medizinstudenten.

Was im Rat diskussionslos in ein neues Gesetz aufgenommen wurde, wirft unter den Hausärzten hohe Wellen. Sie kritisieren die zusätzlichen Kompetenzen der Apotheker. Dabei sollte die Massnahme darauf abzielen, Ärzte zu entlasten und dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Die Aargauer Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel (CVP) sagte im Nationalrat, beim ständigen Klagen wegen Überlastung irritiere sie der Widerstand der Ärzte. Offenbar seien sie nicht willens, Leistungen an andere zu delegieren.

Lieber keine «Pseudomediziner»

Der Widerstand hat mehrere Gründe. Zunächst machen Ärzte die Politik für den Mangel an Hausärzten verantwortlich. Über Jahre seien zu wenig Ärzte ausgebildet worden. Tatsächlich ist die Studentenzahl zwischenzeitlich gesunken. Doch seit zwei Jahren wurden zu den rund 700 Plätzen etwa 160 neue geschaffen.

Im Verhältnis zu den Hausärzten, die in Pension gehen, werden viel zu wenige ausgebildet. Doch weitere Plätze entstehen nicht aus dem Nichts. Eine Ausbildung in Medizin kostet eine halbe Million Franken, und weil die Mittel beschränkt sind, müssten andere Fakultäten kürzertreten.

Trotzdem halten es die Hausärzte prinzipiell für die falsche Lösung, den Mangel mit «Pseudomedizinern» zu beheben, wie ein Aargauer Hausarzt mitteilt. Neben Apothekern zählt er auch universitär ausgebildete Pfleger dazu. Das Medizinstudium sei mit jenen nicht vergleichbar, ausserdem fehle die Ausbildung der Assistenzzeit.

Für eine gemeinsame Zukunft

Die Apotheker lassen das nicht einfach auf sich sitzen und geben Gegensteuer. So würden auch Ärzte die Wirkung der Medikamente nicht in gleichem Masse kennen, wie dies Pharmazeuten tun. Ein Apotheker aus Solothurn sagt: «Zum Glück hat unser Verband Pharmasuisse nie den Versuch gemacht, Ärzte beim Erwerben der Arzneimittellehre an der Universität zu hindern!»

Für ihn ist klar, dass die Probleme einer alternden Gesellschaft nur gemeinsam zu bewältigen sind, ergänzend zueinander. Die neue Ausbildung beschränkt sich schliesslich auch auf jene Gebiete, in denen es heute schon einen Graubereich gibt: Im Impfen und in der Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten.

Die Wunden der Ärzte sind tief

Dass Apotheker in ihr Hoheitsgebiet eingreifen, lehnen die Ärzte aus einem weiteren Grund ab. Der lange währende Streit, ob nur Apotheker Medikamente an Patienten abgeben dürfen oder ob dies auch Ärzte tun dürfen (Selbstdispensation), hat tiefe Wunden hinterlassen, die nun wieder aufgerissen werden. Das Argument der Apotheker, dass zur besseren Kontrolle bei der Medikamentenabgabe vier Augen nötig sind (Arzt und Apotheker), droht nun auf sie zurückzufallen.

Initiative stärkt alle Grundversorger

Auch die Politik muss nicht jede Kritik auf sich sitzen lassen: Bundesrat und Parlament treiben den Masterplan Hausarztmedizin voran. So kamen am Mittwoch auch Anliegen der Hausärzte durch: Medizinstudenten müssen künftig obligatorische Hausarztkurse besuchen und eine Praxisassistenz absolvieren.

Kommt hinzu, dass die Hausarztinitiative den Grundstein für die aktuellen Entwicklungen legte. Denn sie verlangte nicht nur eine Besserstellung der Hausärzte, sondern eine Stärkung aller Grundversorger. Da gehören eben auch die Apotheker dazu.