Stadtpräsidium
Streit um Tschäppät-Nachfolge: Schluss mit Wohlfühlen bei den Berner Linken

Drei Alt-Nationalräte kandidieren fürs Stadtpräsidium. Zum Ärger der SP kommt die Konkurrenz aus dem eigenen Lager.

Anna Wanner
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Wollen ins Berner Stadtpräsidium: Ursula Wyss, Alec von Gaffenried und Franziska Teuscher.

Wollen ins Berner Stadtpräsidium: Ursula Wyss, Alec von Gaffenried und Franziska Teuscher.

Keystone

Bis vor kurzem galt die Nachfolgerin des abtretenden Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät als gesetzt.

Ursula Wyss, 42, Alt-Nationalrätin und frühere SP-Fraktionschefin hat auf das Ziel hingearbeitet. Nach 14 Jahren im Bundeshaus verabschiedete sie sich aus der nationalen Politik, weil sie mit Glanzresultat in den Gemeinderat gewählt worden war, in die Exekutive der Stadt Bern.

Da die SP seit Jahrzehnten in der Bundesstadt um die 30 Prozent Wähleranteil hat, war ihr Anspruch auf das Stadtpräsidium bis anhin unbestritten. Doch just auf den Rücktritt von Tschäppät hin melden ausgerechnet zwei Verbündete der SP Ambitionen auf das Amt an: Alt-Nationalrätin Franziska Teuscher, 57, ehemalige VCS-Präsidentin und wie Wyss heute Gemeinderätin der Stadt Bern, kandidiert für das Grüne Bündnis (GB).

Der zweite Konkurrent ist Alt-Nationalrat Alec von Graffenried, 53, der den Frauen in Sachen Popularität in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Von Graffenried, der nach dem Rücktritt aus dem Nationalrat mit der Politik abschliessen wollte, begründet seine Kandidatur so: «Heute kann ich in Bern kaum zehn Schritte machen, ohne dass ich aufgefordert werde, als Stadtpräsident zu kandidieren.»

Von Graffenried ist Mitglied der Grünen Freien Liste (GFL), die zusammen mit der SP und dem GB das Rot-Grün-Mitte-Bündnis (RGM) bildet, das seit bald 24 Jahren Bern regiert.

Zusammengerechnet kommen sie auf rund 50 Prozent Wähleranteil und sichern sich so eine linke Mehrheit im fünfköpfigen Gemeinderat.

Misstöne im linken Kuchen

Bis jetzt. Denn die Sozialdemokraten schauen der jüngsten Entwicklung mit Unbehagen zu. Stefan Jordi, SP-Co-Präsident der Stadt Bern, sagt: «Es war nicht unser Wunsch, dass die SP-Kandidatur konkurrenziert wird. Wir sind unseren Bündnispartnern aber entgegengekommen und akzeptieren eine zweite Kandidatur.»

Eine dritte toleriere man hingegen nicht. 24 Jahre Macht schlagen sich auch auf die Perspektive nieder. Die Junior-Partner geben sich hingegen erstaunlich verständnisvoll.

Teuscher: «Die SP ist die wählerstärkste Partei. Klar stellt sie Ansprüche.» Und von Graffenried sagt, es sei «bemerkenswert», dass die SP überhaupt zu Diskussionen bereit sei.

Wenn er sich da mal nicht täuscht. GB und SP sind sich nämlich bereits einig, dass der Stapi künftig weiblich sein und Exekutiverfahrung mitbringen soll. Teuscher spricht von einem Frauen-Zweierticket. Viel deutlicher kann man es nicht sagen: Von Graffenrieds Kandidatur ist unerwünscht.

Dieser lässt sich nicht so leicht beirren. Immerhin ist er der einzige Kandidat, der über die Mitte hinaus Stimmen holen könnte. Das hängt er freilich nicht an die grosse Glocke.

Elefanten und die Konkurrenz

Überhaupt sind die Bündnispartner bemüht, keinen Streit vom Zaun zu brechen. Alle drei haben beteuert, dass sie mit dem RGM-Bündnis in die Wahlen gehen wollen. Trotzdem stellt Franziska Teuscher fest: Das gemeinsame Ziel, die rot-grüne Mehrheit in Bern zu sichern, sei nur schwer mit drei Stapi-Kandidaten unter einen Hut zu bringen.

Den Elefanten im Raum – den absehbaren Streit – übersehen aber alle geflissentlich. Jordi sagt, von einem Zerwürfnis könne keine Rede sein. Teuscher sagt, die Situation sei «herausfordernd». Und von Graffenried verweist auf den zeitlichen Horizont: «Es sind noch zehn Monate bis zur Wahl, das Bündnis wird sich zusammenraufen.»

Auch der amtierende Stapi Alexander Tschäppät redet den Streit klein und spricht von einem «Vorwahlgeplänkel», um gleich darauf festzustellen: «Es ist unbestritten, dass die SP als grösste Partei eine Kandidatur stellt.» Dass es nun zu linker Konkurrenz komme, habe auch mit den Bürgerlichen zu tun, die selbst nicht geeint aufträten.

Tatsächlich scheinen FDP und SVP sich nicht zu finden und werden wohl auf Allianzen verzichten. Welchem Kandidaten dies am Ende hilft, ist allerdings offen.

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