Sichtbarkeit, so heisst die neue Losung der Frauen im Parlament. Wenn immer der männerdominierte Ständerat über sogenannte Frauenthemen diskutiert, dann setzen sich Nationalrätinnen in den Ständeratssaal, um der Debatte beizuwohnen. Abgeschaut haben sie sich diese Art von Druckaufsetzen bei den Bauernvertretern, die diese Praxis seit Jahren erfolgreich anwenden. Der Ständerat stand diese Woche unter besonderer Beobachtung, am Mittwoch entschied er über eine Soft-Frauenquote für Firmen.

Gestern über eine Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub und einen indirekten Gegenvorschlag von zwei Wochen. Im Nachgang zum Frauenstreik – ja, auch er war wieder ein Thema – eine besonders delikate Angelegenheit. Es war wohl kein Zufall, dass der Debatte auf der Zuschauertribüne Familien mit Kindern beiwohnten: Druck durch Sichtbarkeit eben.

«Tiefstes 19. Jahrhundert!»

Heute haben Väter keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Dass sich dies ändern soll, war im Ständerat unbestritten. Nur Peter Föhn (SVP/SZ), selbst Unternehmer, sah in der aktuellen Situation kein Problem: «Gute Arbeitnehmer mit ebenso guten Arbeitgebern finden immer tragbare Lösungen, wenn sie nur irgendwie wollen.» Er appellierte an die Eigenverantwortung und an flexible Lösungen.

Föhn stand mit dieser Haltung ziemlich alleine da. Zwar lehnten auch die FDP-Ständeräte – ausser Raphaël Comte (NE) und Olivier Français (VD), Ruedi Noser (ZH) enthielt sich, – den Gegenvorschlag von zwei Wochen ab. Als gesellschaftlich rückständige Männer wollten sie aber nicht dastehen. Im Gegenteil: Sie warfen der Mitte-links-Mehrheit vor, mit dem Vaterschaftsurlaub alte Rollenbilder zu zementieren. Weshalb? Die FDP-Vertreter setzen sich für einen Elternurlaub von 16 Wochen ein. Die ersten acht Wochen nach der Geburt wären reserviert für die Mutter. Die weiteren acht Wochen könnten sich Vater und Mutter aufteilen. Einigen sich die Eltern nicht, sind 14 Wochen gesetzlich der Mutter zugesichert. Mit diesem Modell scheiterten die Freisinnigen allerdings in der vorberatenden Kommission. Gestern nun reichten sie eine entsprechende Motion ein, um ihren Willen zu unterstreichen.

«Ich will das traditionelle, ja als patronal zu bezeichnende Rollenbild nicht zementieren, sondern den Weg freimachen für einen Elternurlaub, der das moderne und partnerschaftliche Familienbild stärkt», sagte etwa Joachim Eder (FDP/ZG). Hans Wicki (FDP/NW) meinte: «Wenn wir der aktuellen Gender-Diskussion folgen, bewegen wir uns hier im Saal mit der Vorstellung von Mann und Frau im tiefen 19. oder 20. Jahrhundert!» Er zeige sich gar offen für einen Elternurlaub von 18 oder 20 Wochen.

«Ein Witz!»

Paul Rechsteiner (SP/SG) nannte den Elternurlaub zwar ein «anzustrebendes Ziel», doch er müsse eine Dimension von Monaten haben, nicht von Wochen: «Es ist ein Witz, wenn hier Modelle von Elternurlaub vorgestellt werden, die darauf hinauslaufen, dass die Rechte der Mütter beeinträchtigt werden.» Seine Aargauer Parteikollegin Pascale Bruderer erinnerte daran, dass der Elternurlaub gar nicht zur Debatte steht, sondern der Ständerat die Wahl habe zwischen dem Status quo und zwei oder vier Wochen Vaterschaftsurlaub.

Für die Initiative setzten sich nur die linken Vertreter und der Freisinnige Comte ein. Für Anita Fetz geht es beim Vaterschaftsurlaub auch darum, dass junge Männer gegenüber jungen Frauen nicht mehr im Vorteil sind, weil auch bei ihnen das Risiko besteht, wegen der Geburt eines Kindes auszufallen. Die CVP verhalf dem zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zum Durchbruch. Für Pirmin Bischof (CVP/SO) eine Notwendigkeit, weil die Verantwortung nicht nur bei den Firmen liegt: «Der Staat gibt in der Schweiz ein kaltherziges, ein schlechtes Signal ab.»

Elternzeit kommt auf die Agenda

Es zeichnet sich ab, dass auch der Nationalrat dem Kompromiss von zwei Wochen zustimmen wird. Zwar haben SVP und FDP in der grossen Kammer eine knappe Mehrheit. Doch innerhalb der FDP-Fraktion gibt es Befürworter des Gegenvorschlages. Die Initianten werden ihr Begehren aber auch dann kaum zurückziehen: «Wir entscheiden nach der Debatte im Nationalrat. Aber wir sind bereits daran, die Kampagne zu organisieren», sagt Adrian Wüthrich, SP-Nationalrat und Präsident der Gewerkschaft Travail Suisse. Es gebe keinen Grund zum Rückzug. Die positiven Effekte für die Gleichstellung und die bessere Bindung zum Kind würden sich erst ab einer Länge von vier Wochen einstellen, sagt Wüthrich.

Das Modell der Elternzeit wird in der nächsten Legislatur wieder auf die Agenda kommen. GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy wird heute einen Vorstoss einreichen. Sie fordert eine Elternzeit von je 14 Wochen für beide Elternteile, sofern beide erwerbstätig bleiben: «Ein Vaterschaftsurlaub ist ein wichtiger Schritt zur Entlastung der Mutter. Für echte Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt braucht es aber eine Elternzeit», sagt die Co-Präsidentin von Alliance F. Ursache für die Lohndiskriminierung sei das ungleiche Ausfallrisiko von Männern und Frauen. Der Vaterschaftsurlaub reiche nicht, um die traditionelle Rollenteilung aufzubrechen.