Die Schweizerische Bischofskonferenz will heute Mittwoch in St. Gallen neue Zahlen zum Ausmass des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und Richtlinien zu dessen Bekämpfung präsentieren. Das Thema hat in den vergangenen Tagen an Bedeutung gewonnen, nachdem im US-Gliedstaat Pennsylvania sexuelle Missbrauchsfälle in enormem Ausmass bekannt geworden sind. Mitten in die ohnehin erhitzte Debatte platzt nun Marian Eleganti, Weihbischof im kirchenpolitisch konservativen Bistum Chur von Bischof Vitus Huonder. Homosexuelle, so Elegantis Forderung, müssten aus den Priesterseminaren entfernt werden.

Eleganti hatte bereits vor gut einer Woche in einem Interview auf einem katholischen Fernsehsender die sexuellen Missbräuche in der Kirche in Zusammenhang mit der Homosexualität von Priestern gestellt. «Der Missbrauchsskandal zeigt halt doch: Es hängt mit der Homosexualität zusammen», sagte Eleganti. Und weiter: «Vielleicht bringt uns das auch wieder ein bisschen näher zu einer neuen Nüchternheit, bevor wir einfach die Homosexualität als eine ebenso wertvolle Variante der Schöpfung anschauen, wie die heterosexuelle Ehe.»

«Vorwiegend homosexuelle Täter»

Elegantis Sätze schlugen ein wie eine Bombe. Die Bistümer Basel und St. Gallen – im Gegensatz zu Chur kirchenpolitisch eher progressiv – distanzierten sich umgehend (die «Nordwestschweiz» berichtete). Elegantis Äusserungen seien «das Gegenteil von seriösen Anstrengungen, künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern», heisst es in der von den Bischöfen Felix Gmür und Markus Büchel verbreiteten Erklärung. Und ganz besonders verletzen sie «homosexuelle Menschen in ihrer Würde, das ist nicht akzeptabel». Und in einem Interview mit der «SonntagsZeitung» sagte der Kanzler des Bistums St. Gallen, Claudius Luterbacher, wer eine Verbindung zwischen Homosexualität und Missbrauch herstelle, lenke vom Thema ab. Es gehe «um Machtmissbrauch – und nicht um Homosexualität».

Wie sich jetzt zeigt, ist der kircheninterne Streit um Schwule damit allerdings noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: Eleganti legt, pünktlich zur heute geplanten Medienorientierung der Bischöfe, in einer schriftlichen Erklärung nach und schiesst zurück. Auch Kirchenverantwortliche in der Schweiz, so schreibt Eleganti, betrieben «Vertuschung», indem sie verschwiegen, dass es sich in der Kirche «erwiesenermassen vorwiegend um homosexuelle Täter» handle. Gewiss spiele der Klerikalismus, also die Machtentfaltung der katholischen Kirche und damit das Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern, eine Rolle, fügt Eleganti an. Doch internationale Untersuchungen zeigten, dass die Täter zumeist Schwule seien. «Wer immer diese Tatsache öffentlich ausspricht, wird diffamiert und als homophob psychopathologisiert», so Eleganti in seiner klaren Kampfansage an die Bistümer Basel und St. Gallen weiter.

Chur verlangt Eingeständnis

Eleganti bezieht sich dabei unter anderem auf den so genannten «Jay Report» aus den USA. Gemäss dieser Untersuchung waren in einem Zeitraum von 60 Jahren über 80 Prozent der Opfer von sexuellen Übergriffen in der Kirche männlich. Die jüngsten verfügbaren Zahlen aus der Schweiz zeigen ein etwas ausgeglicheneres Bild: Von 22 bis 2015 bei der Schweizerischen Bischofskonferenz gemeldeten Übergriffen waren in 13 Fällen Knaben oder junge Männer die Opfer. Der Schluss, dass bei einem Übergriff auf Knaben und Männer die Täter zwingend homosexuell sind, ist allerdings umstritten. Dass die sexuellen Übergriffe vor allem in der Vergangenheit Knaben und jungen Männern galten, könnte auch damit zu tun haben, dass Priester früher im kirchlichen Kontext kaum mit Mädchen und jungen Frauen in Kontakt kamen.

Von dieser These hält Marian Eleganti indes wenig. Er fordert in seinem Schreiben von der Kirche «das öffentliche Eingeständnis, dass wir es im Klerus der Kirche seit Jahrzehnten mehrheitlich mit homosexuellen Straftätern zu tun haben». Es helfe «bei allem Respekt gegenüber homosexuell veranlagten Menschen» nicht weiter, «die Augen vor den Fakten zu verschliessen». Es sei zudem an der Zeit, Massnahmen zu treffen und einer bereits von Papst Benedikt festgeschriebenen und von Papst Franziskus erneuerten Weisung Nachachtung zu verschaffen. Männer, die Homosexualität praktizierten, «tiefsitzende homosexuelle Tendenzen» hätten, oder die «homosexuelle Kultur» unterstützten, müssten von Priesterseminaren ausgeschlossen werden. Franziskus postuliert in seiner Weisung hierfür psychologische Tests. Der Ausschluss von Homosexuellen aus der Priesterschaft sei keine ungebührliche Diskriminierung, heisst es in dem päpstlichen Dokument. Es gebe «kein Recht» des Kandidaten, zum Priester geweiht zu werden. Im Gegenteil stehe es alleine «der Kirche zu, die Eignung dessen festzustellen, der in das Priesterseminar eintreten will» und zu überprüfen, ob «er über die erforderlichen Eigenschaften verfügt».