Deutsche Bahn

«Streik ist das letzte Mittel, um Forderungen Nachdruck zu verleihen»

Solche Szenen spielten sich diese Woche an deutschen Bahnhöfen ab.

Solche Szenen spielten sich diese Woche an deutschen Bahnhöfen ab.

Der oberste Eisenbähnler Giorgio Tuti äussert sich im Interview zum Lokführerstreik seiner deutschen Kollegen und erklärt, ob es auch in der Schweiz zu einem solchen Streik kommen könnte.

Der Arbeitsfrieden ist in der Schweiz ein hohes Gut. Was halten Sie vom kompromisslosen Vorgehen Ihrer deutschen Kollegen?

Giorgio Tuti: Ich will das Vorgehen der Lokführergewerkschaft GDL nicht werten. Die deutschen Lokführer nehmen von einem Mittel Gebrauch, das ihnen zusteht: Sie streiken für fünf Prozent mehr Lohn.

Es geht doch nicht um Lohn, sondern vor allem um ein Machtpoker zwischen einer kleineren und einer grösseren Gewerkschaft. Rechtfertigt das einen Streik?

Primär bezieht sich der Streik auf die Lohnforderungen. Er ist ein legitimes Kampfmittel, ein Grundrecht. Was nun hinter den Kulissen vor sich geht, ist auch ein Machtkampf zwischen einer kleineren und einer grösseren Gewerkschaft. In der kleineren GDL sind die meisten Lokführer organisiert, in der EVG jedoch sind insgesamt mehr Angestellte der Deutschen Bahn angestellt. Solche Machtkämpfe kommen vor, leider. Wir Gewerkschafter müssen uns aber bewusst sein: Gehen wir zerstritten in Verhandlungen, so lacht die Arbeitgeberseite. In diesem Fall die Deutsche Bahn.

Die Gewerkschafter nehmen Kollateralschäden in Kauf: In Berlin jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Das Verkehrsnetz droht wegen des Streiks zu kollabieren. Würden Sie in einer solchen Situation zum Streik rufen?

Über Zeitpunkt und Dauer muss man sich gründlich Gedanken machen. Wenn man in einen Streik geht, dann muss man auch wissen, wie man wieder hinauskommt. Auch die GDL wird sich das überlegt haben. Entscheidend ist, wie die Streikenden die Öffentlichkeit auf ihre Seiten ziehen.

Dieser Schuss scheint nach hinten loszugehen. Die deutsche Volksseele kocht.

Ob erfolgreich oder nicht, wird sich erst später zeigen. Klar bringt es nichts, wenn am Schluss alle schäumen vor Wut. Andererseits muss ein Streik auffallen: Ein Streik, den man nicht bemerkt, bewirkt nichts. Wichtig zu wissen ist: Nicht der Gewerkschaftspräsident allein entscheidet, wann gestreikt wird, sondern die Basis.

Dann ist der GDL-Führer Claus Weselsky nur der Sündenbock?

Nein, klar trägt er die Verantwortung. Er wird seine Empfehlungen abgegeben haben. Man darf dabei aber nicht ausblenden, dass ein ganz wichtiger nichtgewerkschaftlicher Akteur auch Verantwortung an einem solchen Streik trägt: Die Deutsche Bahn mit ihren Arbeitsbedingungen, womit die Lokführer unzufrieden sind.

Wie ist es denn in der Schweiz? Sind Schweizer Lokführer zufrieden mit ihren Löhnen?

Generell sind sie zufrieden mit den Anstellungsbedingungen, die den Lohn umfassen. Das zeigt der neue Gesamtarbeitsvertrag, den wir vor kurzem mit der SBB ausgehandelt und unseren Mitgliedern vorgelegt haben. Er wurde einstimmig verabschiedet. Probleme orten wir vor allem bei den Arbeitsbedingungen: Die Lokführer sind in unserem dichten Verkehrsnetz immer mehr Stress ausgesetzt. Es besteht zudem Personalknappheit.

Offensichtlich ist der Leidensdruck tief im Gegensatz zu Deutschland. Ist ein Streik hierzulande möglich?

Einen Streik werde ich niemals von vornherein ausschliessen. Das würde mich zu einem schlechten Gewerkschaftsführer machen, verzichtete ich doch damit auf ein in der Verfassung garantiertes Recht. Der Streik ist das letzte Kampfmittel, um Forderungen Nachdruck zu verleihen.

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