Überall an der Schifflände Locarno hängen Transparente. Und das Wort «Sciopero» – Streik – lernen dieser Tage viele Touristen kennen, die ein Linienboot der Schifffahrtsgesellschaft Lago Maggiore (NLM) nehmen wollen. Denn seit Sonntag geht nichts mehr. Die Angestellten im Schweizer Becken des Lago Maggiore protestieren damit gegen ihre Entlassung auf Ende Jahr. Die italienische Gesellschaft NLM, die zur staatlichen Gestione Governativa Navigazione Laghi (GGNL) gehört, hatte diese Mitte Juni kollektiv mitgeteilt. Inzwischen hat jeder Einzelne einen blauen Brief erhalten: 14 Ganzjahresangestellte und
20 Saisonangestellte. Die Streikenden verlangen eine Rücknahme der Entlassungen sowie eine Fortführung der Anstellung bei gleichen Bedingungen ab Januar 2018.

Hohes Betriebsdefizit

Hintergrund der Entlassungen ist ein hohes Betriebsdefizit im Schweizer Seebecken, das die italienische Gesellschaft nicht länger tragen will. Die Rede ist von 500 000 Franken. Obwohl die Gesellschaft einen öffentlichen Liniendienst erbringt, etwa im Winter Locarno und Magadino verbindet, hat sie von Schweizer Seite keine finanzielle Unterstützung erhalten. Hingegen wurde sie ständig kritisiert, etwa wegen der alten Schiffe und der Tatsache, dass Halbtax-Abos und GAs nicht anerkannt werden. Daher hat die Gesellschaft nun die Reissleine gerissen.

Die Situation ist vertrackt. Im Mai 2016 hatten Verkehrsministerin Doris Leuthard und ihr italienischer Amtskollege Graziano Delrio im Vorfeld der Gotthard-Basistunneleröffnung eigentlich eine Absichtserklärung unterzeichnet, gemäss der sich beide Staaten für eine attraktivere Schifffahrt auf dem Langensee einsetzen wollen. Im Dezember 2016 erhielten die beiden Schifffahrtsgesellschaften auf dem Lago Maggiore (NLM) und dem Lago di Lugano (SNL) die Konzessionen für die nächsten 10 Jahre. Ein Staatsvertrag regelt, dass der Schiffsverkehr für den Luganersee von einer Schweizer Gesellschaft, für den Langensee hingegen von einer italienischen Gesellschaft erbracht wird.

Touristisch heikel

Momentan ist allerdings unklar, wie mehr Attraktivität erreicht werden kann. Es soll ein neues Konsortium gegründet werden, gemeinsam mit der Schifffahrtsgesellschaft SNL von Lugano, das im Schweizer Becken des Lago Maggiore aktiv ist. «Doch das Ganze bleibt nebulös», sagt Angelo Stroppini von der Gewerkschaft SEV. Auch ein Treffen mit dem Tessiner Staatsrat am Montagabend brachte nicht mehr Klarheit. Denn Garantien wollte und konnte Regierungspräsident Manuele Bertoli (SP) nicht geben.

Der Streik fällt aus touristischer Sicht in einen besonders heiklen Moment. Denn momentan ist Hochsaison im Locarnese. Wichtige touristische Ziele wie die Brissago-Inseln mit dem dortigen Botanischen Garten können nun nicht erreicht werden. VR-Präsident Paolo Senn beziffert den Einnahmeausfall bei den Brissago-Inseln auf 3000 bis 5000 Franken pro Tag. Weitere touristische Angebote wie der Lago-Maggiore-Express, der eine Bahnfahrt von Locarno nach Domodossola und Stresa mitsamt Rückfahrt auf dem Seeweg beinhaltet, lassen sich momentan nicht verkaufen. «Und dies alles in einem Moment, in dem der Tourismus gerade wieder ein wenig angezogen hat», sagt Luisa Guaglieri, die normalerweise in den Bars auf den Linienschiffen arbeitet. Ironie des Schicksals: Auf der italienischen Seite läuft der Schiffsverkehr normal.

Im Bundesamt für Verkehr (BAV) verfolgt man die Vorgänge «mit Sorge», wie Sprecher Gregor Saladin sagt. Zugleich betont er, dass das BAV nicht in der ersten Reihe stehe.