Prostitution

Strassenstrich statt Striplokal - ältestes Gewerbe verlagert sich

Immer mehr ungarische Prostituierte mischen das Sexgewerbe in Zürich auf. Der Strassenstrich breitet sich aus, während Rotlicht-Lokale auf dem Rückzug sind. Und der Polizei fehlt es an Ressourcen, um den Menschenhandel zu bekämpfen.

Matthias Scharrer

Feierabend an der Langstrasse: An einer Strassenecke stehen junge Frauen in engen Hosen und sprechen männliche Passanten an. Eine nähert sich dem Schreibenden. Sie ist dick geschminkt, sehr jung, bestenfalls volljährig, und versucht es mit einem «Hoi, Schatzi, du hast schöne Augen.» Als sie trotz bescheidener Deutschkenntnisse realisiert, dass das von ihr gesuchte Geschäft nicht zustande kommt, runzelt sie die Stirn und fragt enttäuscht: «Nix ficki-ficki?» - ehe sie wieder zu ihren Berufskolleginnen auf der anderen Strassenseite schlendert.

Eine Rekordzahl an Prostituierten schafft derzeit in Zürich an, da ist sich Peter Rüegger, Chef des Ermittlungs-Kommissariats der Stadtpolizei Zürich, sicher. Wie hoch die Gesamtzahl liegt, ist zwar nicht erfasst. Doch die Zahl der Neueinsteigerinnen, die die Polizei bei Kontrollen registrierte, stieg seit Inkrafttreten des Personenfreizügigkeits-Abkommen mit der Europäischen Union sprunghaft an. Im Jahr 2006 waren es noch 499 Neueinsteigerinnen, letztes Jahr bereits 795. Die meisten von ihnen kommen aus Ungarn, darunter viele Roma. Warum gerade Ungarn? «Ich weiss es nicht und will auch nicht spekulieren», sagt Rüegger. In einigen Fällen am Sihlquai gebe es Anzeichen auf Menschenhandel. Der Grossteil der Neueinsteigerinnen sei auf dem Strassenstrich tätig, primär am Sihlquai, neuerdings vereinzelt auch in Zürich Tiefenbrunnen.

«Die Leute wollen nur noch ficken», sagt der Betreiber eines Striplokals im Langstrassenquartier und zeigt auf die Frauen, die draussen in der Nähe seines Lokals gelangweilt herumstehen: «Alles Nutten.» Den Cabaretbesucher, der «ein bisschen verliebt sein» und sein Bier trinken wolle, gebe es zwar auch noch. Aber immer weniger. «Es läuft schon lange nicht mehr gut», sagt der Cabaretbetreiber, der aus Angst vor Ärger mit den Behörden anonym bleiben will. Er resümiert die jüngste Entwicklung: «‹Le Privé› ist zugegangen, viele andere Cabarets werden folgen.»

Als Grund dafür nennt er das Vorgehen der Behörden: «Sie kommen kontrollieren wegen einer Türfuge. Aber wenn 50 illegale Strichmädchen an der Strasse stehen, machen sie nichts.» Er sei schon mindestens sieben Mal kontrolliert worden. Die Folge dieser Politik liegt für ihn auf der Hand: Das Sexgewerbe verlagere sich auf die Strasse und gerate ausser Kontrolle. Seine These verblüfft: Es gebe mehr Gewalt wegen des städtischen Quartieraufwertungs-Projekts Langstrasse plus, das unter anderem darauf abzielt, Häuser dem Rotlicht-Milieu zu entziehen.

Chefermittler Rüegger winkt ab. «Keine einzige der Prostituierten, die wir auf dem Strassenstrich kontrolliert haben, stammt aus einem Bordell oder Cabaret.» Er bestätigt indes: Die Anzahl an Cabarets und Bordellen in der Stadt nehme tendenziell ab. Und: Die Brutalität rund um das Sexgewerbe habe, verglichen mit dem Stand vor fünf Jahren, deutlich zugenommen. Allerdings nicht, weil die Polizei Cabarets kontrolliere. Das Problem sei vielmehr, dass es schlicht zu viele Prostituierte in Zürich gebe.

Die Folgen seien vielfältig: «Die Preise sind im Keller. Es kommt vermehrt zu Geschlechtsverkehr ohne Präservativ, Syphilis, ungewollten Schwangerschaften», sagt Rüegger. Die Polizei habe zwar grundsätzlich genug Ressourcen, um Kontrollen durchzuführen. Aber nicht, um den Menschenhandel nachhaltig zu bekämpfen. Von der neuen Verordnung zur Prostitution, die die Stadt Zürich derzeit erarbeitet, erhofft sich Rüegger vor allem eines: «Wir wären froh, wenn es weniger Prostituierte gäbe. Die hohe Zahl macht den Markt kaputt. Und schadet den betroffenen Quartieren.»

Im Langstrassenquartier hat man sich ans Sexgewerbe längst gewöhnt. «Den Strich gabs schon immer», sagt Thomas Angst, alteingesessener Wirt der «Schweizer Weinstube». «Geändert hat sich einfach die Nationalität. Früher waren es Schweizerinnen, jetzt sind es Osteuropäerinnen.» Ideal fände er es, wenn einzelne Häuser als Puff angeschrieben wären. «Dann wären die Prostituierten nicht mehr so ausgesetzt.»

Quartiervereinspräsidentin Renata Taiana fügt an: «Keine Prostitution, das wäre eine Illusion. Aber wir sind froh, wenn der Strich auf ein quartierverträgliches Mass zurückgedrängt wird.»

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