Strasse
Vom Ende eines Kampfbegriffs: Warum Sommarugas Beamte nichts mehr vom «Langsamverkehr» wissen wollen

Für die einen ein beliebtes Feindbild, für die anderen «unzutreffend und abwertend»: Der Langsamverkehr wurde zum politischen Reizwort. Nun macht der Bund damit kurzen Prozess.

Sven Altermatt
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Für manche ist der Langsamverkehr eine Drohkulisse.

Für manche ist der Langsamverkehr eine Drohkulisse.

Bild: Christian Beutler/Keystone

Es ist eine kleine Revolution. Still und leise ging sie vonstatten, ohne Aufsehen zu erregen. Die Verkehrsbeamten von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) tilgten ein Wort, das ihnen lästig geworden war. Ein Wort, das sich zum Kampfbegriff entwickelt hatte: Langsamverkehr.

Bisher wurden damit alle Formen der Fortbewegung zu Fuss oder auf Rädern bezeichnet, die von der eigenen Muskelkraft angetrieben werden. Gehen und Wandern. Velofahren natürlich. Oder auch Inlineskaten. Es war Sommarugas Vorgänger Moritz Leuenberger, der einst durchgesetzt hatte, dass sich der Bund stärker für diese Verkehrsteilnehmer engagiert. Der Langsamverkehr sollte zum «gleichberechtigten dritten Pfeiler des Verkehrs» werden. In den 1990er-Jahren schuf er dafür eigens eine Amtsstube – die «Fachstelle für Langsamverkehr». Das klang sympathisch.

Förderer des Langsamverkehrs: der frühere Bundesrat Moritz Leuenberger (SP).

Förderer des Langsamverkehrs: der frühere Bundesrat Moritz Leuenberger (SP).

Bild: KEY

Doch der Begriff hat seine Unschuld verloren. In den jüngsten Überlegungen der Verkehrsplaner spielt er keine Rolle. Im neuen «Sachplan Verkehr» des Bundes ist nicht mehr von «Langsamverkehr» die Rede. Dabei handelt es sich um ein massgebliches Planungsinstrument, das für Kantone und Gemeinden verbindlich ist. Im Sachplan ist festgeschrieben, wie sich der Verkehr in der Schweiz entwickeln soll. Die zentrale Stossrichtung: Der motorisierte Individualverkehr soll «wo immer möglich ersetzt werden». Der ÖV, der Velo- und der Fussgängerverkehr haben Vorrang.

Dass im Sachplan nicht mehr von Langsamverkehr gesprochen wird, ist ein bewusster Akt, wie das zuständige Bundesamt für Raumentwicklung bestätigt. «Wir haben auf den Begriff ‹Langsamverkehr› verzichtet, weil der Velo- und Fussverkehr nicht wirklich langsam ist», erklärt ein Sprecher. Schliesslich sei man mit dem Velo oder dem E-Bike im urbanen Raum oft viel schneller unterwegs als mit den anderen Verkehrsmitteln. Zudem sei der Begriff zu pauschal. So hätten Velofahrer teilweise nicht die gleichen Bedürfnisse wie Fussgänger, und je nach Situation bestehe nicht der gleiche Handlungsbedarf.

Die SVP und die links-grünen Städte

Der Langsamverkehr, einfach aus der Welt geschafft? Die Affiche birgt freilich auch politischen Zündstoff. Der Begriff ist ideologisch aufgeladen. Beim links-grünen Verkehrs-Club der Schweiz, dem VCS, störte man sich zusehends an ihm. «Unzutreffend und abwertend» sei das Wort, hiess es.

So fordert der Verband unter anderem schon seit längerem, dass die Abteilung für Langsamverkehr im Bundesamt für Strassen in Abteilung für Fuss- und Veloverkehr umbenannt wird. Dass im neuen Sachplan jetzt Tatsachen geschaffen werden, ist dem VCS denn auch «positiv aufgefallen».

Bürgerliche Politiker dürften das indes anders sehen. Aus ihrem Mund tönt «Langsamverkehr» oft wie eine Drohkulisse. Nach bedrohlich langsamen Vorwärtskommen eben. Namentlich SVP-Vertreter nutzen den Begriff gerne wörtlich und übergreifend. Sie subsumieren darunter all das, was sie an der Verkehrspolitik der links-grünen Städte stört: weniger Parkplätze und mehr Temporeduktionen, bessere Veloverbindungen und «autofeindliche» Begegnungszonen.

So befürchtete die Stadtzürcher SVP einen Umbau der Stadt «in ein Reservat des Langsamverkehrs». Im Kanton Bern geisselte die Volkspartei die «Propagierung des Langsamverkehrs» als «Verkehrsvertreibungspolitik». Und auf nationaler Ebene warnte sie in einem Positionspapier davor, dass Gelder aus den Strassenkassen «im grossen Stil für Langsamverkehr» abgezweigt werden könnten.

Nun also sollen die Bürgerlichen ihres Reizworts beraubt werden – jede Revolution muss Opfer bringen.