Gesundheitswesen

Strafverfahren wegen Behandlungsfehlern nehmen zu – das Alter der Chirurgen bleibt ein Tabu

Wann ist ein Chirurg zu alt?

Wann ist ein Chirurg zu alt?

Schweizer Ärzte stehen vermehrt wegen Behandlungsfehlern vor Gericht – doch eine Frage wird dabei kaum gestellt.

Er ist ein Chirurg alter Schule, der sich an Konferenzen ganz in Weiss präsentiert. Weisser Kittel, weisses Hemd, lange weisse Haare, buschiger weisser Schnauz. Wird er als Redner angekündigt, heisst es im Werbetext, er habe schon in 29 Ländern Operationen durchgeführt, in über 40 Ländern Vorträge gehalten, er sitze in den Gremien wichtiger Fachzeitschriften und er habe die Richtlinien seines Fachgebiets geprägt.

Obwohl er schon 69 Jahre alt ist, steht er weiterhin im Operationssaal. Fragt ihn der Richter nach seinen Hobbys, antwortet er: «Chirurgie, Chirurgie und Chirurgie.» Der Einsatz zahlt sich aus. Obwohl er eigentlich pensioniert ist, verdient er nach eigenen Angaben bis zu 180 000 Franken pro Jahr.

Den unrühmlichen Höhepunkt seiner Karriere erlebt der Mann am Freitag im Raum 4 des Zürcher Bezirksgerichts. Zwei Stühle neben ihm sitzt die Witwe eines Patienten, den er in der Zürcher Hirslanden Klinik Im Park operiert hat. Es handelt sich um ein vornehmes Privatspital, das mit seiner idyllischen Lage am linken Zürichseeufer wirbt. Noch heute arbeitet der Chirurg dort. Damals, als er die verhängnisvolle Operation durchführte, war er 63 Jahre alt.

Der Patient war ein 42-jähriger Familienvater, gesund und sportlich, nur sein Magen bereitete ihm Probleme. Er hatte einen sogenannten Zwerchfellbruch, der Magen war in den Brustraum gerutscht. Der Star-Chirurg war gefordert: 7 Stunden und 20 Minuten dauerte der Eingriff.

Am Tag darauf wandte sich der Operateur dem nächsten Eingriff zu. Als er aus der Intensivstation einen Anruf erhielt, wischte er die Bedenken beiseite. Der Intensivmediziner teilte ihm mit, dem Patienten gehe es miserabel. Es müsse sofort eine zweite Operation durchgeführt werden. Auf einem Röntgenbild würden sich Unregelmässigkeiten zeigen. Der Chirurg konnte sich das aber nicht vorstellen.

Ohne die Aufnahme anzuschauen, lehnte er den Vorschlag ab. Eine Reihe von Komplikationen begann. Die Ärzte entschieden, eine Magensonde einzuführen. Eine heikle Prozedur angesichts des schweren Eingriffs erst wenige Stunden zuvor. Sie ging schief. Die Speiseröhre wurde beschädigt. Eine Blutvergiftung entstand. Diese machte eine Blutverdünnung nötig. Eine Woche später starb der Patient an einer Hirnblutung.

Die Staatsanwältin ist überzeugt, dass der Chirurg den Tod hätte verhindern können. Sie hat ihn wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Hätte er sofort eine Computertomografie veranlasst, hätte er gesehen, weshalb es seinem Patienten nach der Operation so schlecht ging. Der Magen war zurück in den Brustraum gerutscht. Der Anwalt der Witwe sagt: «Der Chirurg sah sich als Gott in Weiss und hörte nicht auf die anderen Ärzte in seinem Team.»

Von Kunst- zu Behandlungsfehlern

Strafverfahren gegen Ärzte wegen Behandlungsfehlern nehmen zu. Die Rechtsabteilung des Ärzteverbands FMH stellt fest, dass das Bundesgericht vermehrt mit Prozessen des Arztstrafrechts befasst sei. Die Verhandlungen zeigen, wie sich der Umgang mit Fehlern in der Medizin verändert hat. Noch vor einem Jahrzehnt sprach man von «Kunstfehlern». Die Ärzte galten als Künstler, ihre Fehler als Folge von Künstlerpech.

Mittlerweile ist es üblich, dass sich Kollegen gegenseitig auf Fehler hinweisen, sogar in Gutachten vor Gericht. Die Staatsanwälte erhalten dadurch besseres Beweismaterial und können schärfere Anklageschriften formulieren.

Eine Organisation, die mit dem alten Denken in der Medizin aufräumt, ist die Stiftung Patientensicherheit, ein ThinkTank, der massgeblich vom Bundesamt für Gesundheit finanziert wird. Die Stiftung stützt sich auf Hochrechnungen, wonach in der Schweiz jedes Jahr 700 bis 1700 Menschen wegen Fehlern in der stationären Gesundheitsversorgung sterben.

David Schwappach, der wissenschaftliche Leiter, stellt Fortschritte fest. Doch ein Thema werde kaum angesprochen: «Bisher wurde noch keine breite Diskussion über das kritische Alter von Chirurgen geführt. Vielleicht ist die Zeit nun reif dafür.» Fachpersonen in der Chirurgie hätten einen extrem stressigen Beruf, der körperlich, geistig und sozial anstrengend sei. Mit dem Alter nehme die Erfahrung zu und die körperliche Leistungsfähigkeit ab: «Irgendwann kann der Zeitpunkt kommen, in dem das Verhältnis nicht mehr stimmt.»

Sicherheitsspezialist Schwappach zieht einen Vergleich zur Aviatik: «Wie Piloten sollten auch Chirurgen ab einem gewissen Alter darüber nachdenken, ob sie noch voll leistungsfähig sind.» Es gehe ihm nicht darum, dass Chirurgen wie Piloten ab einem bestimmten Alter in Pension gehen sollten.

Aber: «Ab Mitte 50 bis 60 sollten sich Chirurgen Gedanken machen, ob sie besonders anstrengende, lange Operationen nicht abgeben und stattdessen vermehrt Assistenten anleiten oder sich auf andere Arbeiten konzentrieren wollen.»

Daniel Candinas, 57, ist Direktor der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin des Berner Inselspitals. Er sieht in jeder Altersphase Nachteile: «In jungen Jahren fehlen die Erfahrung und das technische Know-how, in der mittleren Phase ist oft die Überlastung ein Thema, und die Selbsteinschätzung kann leiden, in der älteren Phase hat man zwar viel Erfahrung und man hinterfragt vielleicht mehr, aber andere Fähigkeiten mögen nachlassen.» Er befürworte deshalb durchmischte Teams hinsichtlich Alter, Geschlecht und Background. Die Mediziner müssten in einer transparenten und effizienten Organisationskultur miteinander arbeiten.

Unfehlbare Ärzte?

Der Zürcher Fall des Hirslanden-Arztes gibt einen Einblick in das Denken der alten Ärztegeneration. Der Richter fragt: «Ist aus Ihrer Sicht etwas falsch gelaufen?» Der Chirurg verneint: «Falsch nicht, aber ungünstig.» Mitangeklagt ist der Chefarzt der Intensivstation. Der 63-Jährige antwortet auf die gleiche Frage: «Es ist nichts falsch gelaufen, es ist katastrophal verlaufen.» Das ist für ihn kein Widerspruch. Er spricht von «einem schrecklichen Krankheitsverlauf». Da könne man nichts machen.

Der Richter sieht das anders. Er sagt zu beiden Männern: «Sie haben Ihre Sorgfaltspflichten verletzt.» Es sei unverständlich, dass sie keine Computertomografie durchgeführt hätten. Gerade weil sie nicht einer Meinung gewesen seien, wäre eine zusätzliche Diagnostik nötig gewesen.

Dennoch kommen die beiden Mediziner mit einem Freispruch davon. Denn die Wahrscheinlichkeit, mit der sich der Tod mit besseren Massnahmen hätte vermeiden lassen, beträgt gemäss einem Gutachter 65 bis 70 Prozent. Der Richter stützt sich auf das Bundesgericht, das in einem vergleichbaren Fall eine Wahrscheinlichkeit von 60 bis 70 Prozent als zu wenig hoch eingestuft habe. Da den Ärzten grobe Fehler nachgewiesen werden, müssen sie sich an den Verfahrenskosten beteiligen.

Beide Ärzte geloben vor Gericht, sich in den nächsten Monaten von den Operationstischen zu verabschieden. Der Intensivmediziner will ins Hotelgeschäft einsteigen. Der Star-Chirurg will sich auf die Weitergabe seines Fachwissens konzentrieren.

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