Strafverfahren
Neue Indizien belasten den Schweizer Freund des Wiener Terroristen: Was die Ermittler bisher wissen

Eine Datenspur führt von Wien nach Winterthur und liefert neue Erkenntnisse zu den Schweiz-Bezügen des Attentats vom November.

Andreas Maurer
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Polizisten kontrollieren nach dem Attentat in Wien eine Passage in der Nähe der Oper.

Polizisten kontrollieren nach dem Attentat in Wien eine Passage in der Nähe der Oper.

Joe Klamar / AFP (Wien, 2. November 2020)

D.C. ist 25 Jahre alt und sitzt als Terrorverdächtiger in Untersuchungshaft. Dabei hat sein Leben ganz normal angefangen. Er verbrachte eine unauffällige Kindheit am linken Zürichseeufer und absolvierte später eine Lehre als kaufmännischer Angestellter bei einem Bauzulieferer in Winterthur. Das Auffälligste war seine Fussballkarriere, die ihn bis in ein Nachwuchsteam des Grasshopper Clubs führte.

Zum Bruch in seiner Biografie kam es erst als junger Erwachsener. Er schloss sich der Jugendgang der mittlerweile geschlossenen An'Nur-Moschee in Winterthur an und konvertierte zum Islam. 2016 war er dabei, als die Bande zwei Verräter im Gotteshaus zur Rede stellte und verprügelte. Als der Fall 2018 vor Gericht verhandelt wurde, hatte D.C. aber Glück. Seine Beteiligung konnte nicht bewiesen werden, weil er sich in den entscheidenden Minuten in einem Nebenraum aufgehalten haben könnte. Während acht Kollegen verurteilt wurden, durfte er sich über einen Freispruch freuen und kassierte dafür sogar 34'400 Franken Entschädigung für Lohneinbussen.

Er entwischte den Strafverfolgern und radikalisierte sich

Nach dem Freispruch fand er aber nicht den Weg zurück in sein bürgerliches KV-Leben. Stattdessen radikalisierte er sich. Er heiratete eine Konvertitin, wurde Vater und nahm Kontakt mit einem Dschihadisten auf, der aus Syrien zurückkehrte. Zusammen mit diesem verbreitete er Propaganda für die Terrororganisation IS und sammelte Spenden für diese. So geriet D.C. in ein Strafverfahren der Bundesanwaltschaft. Sie eröffnete es am 16. Mai 2019. Ein sogenannter Zufallsfund führte dazu. D.C. blieb jedoch auf freiem Fuss und als Online-Dschihadist aktiv.

Die Reise nach Wien und die drei Indizien

Am 17. Juli 2020 fuhr D.C. in seinem Audi A3 nach Wien. Im Auto hatte er einen Kollegen dabei. Sie trafen sich mit dem Mann, der später das Attentat von Wien mit vier Toten und 22 Verletzten verüben sollte, und übernachteten bei diesem in der Wohnung. Dazu liegen mittlerweile drei Indizien vor, wie aus einem Zwischenentscheid des Bundesstrafgerichts hervorgeht.

1. Fotos von Ermittlern zeigen, wie die jungen Männer gefüllte Reisetaschen aus dem Auto holen und in die Wohnung tragen. Auch ein deutscher Islamist ist darauf zu sehen. Danach fuhren sie im Audi A3 durch Wien und trafen sich an mehreren Orten mit weiteren Islamisten.

2. Eine rückwirkende Auswertung von Mobilfunkdaten zeigt, dass sich das Handy von D.C. mit Antennen in dieser Gegend verbunden hat.

3. Zudem hat einer dieser Islamisten in einer Einvernahme ausgepackt. Er identifizierte D.C. auf den Überwachungsfotos.

Am 20. Juli fuhren D.C. und sein Kollege im Audi zurück in die Schweiz. Am Tag darauf versuchte der spätere Attentäter, in der Slowakei Munition für eine Kalaschnikow zu beschaffen. Die Ermittler gehen davon aus, dass ein Zusammenhang zum vorangehenden Treffen besteht.

Der Datenverkehr vor und nach dem Attentat

Am 1. November erhielt D.C. über die Nachrichten-App Telegramm ein Video mit dem Titel «Im Namen Allahs» und der Botschaft, alle zu töten, die den Propheten beleidigen.

Am 2. November geschah das Attentat von Wien.

Eine Stunde nach der Tat erhielt D.C. auf seinem Nokia-Handy neun Videos, die Szenen des Anschlags zeigten, und einen Stadtplan mit den eingezeichneten Tatorten. Die Bundeskriminalpolizei konnte den Absender jedoch bisher nicht identifizieren.

Er bestreitet alles und schweigt

Am Tag darauf wurde D.C. von einer Spezialeinheit verhaftet. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. In den Einvernahmen hat er die Aussage verweigert. Das Einzige, was er sagt: Er bestreite alles und wolle aus der U-Haft entlassen werden, um zu seiner Familie zurückkehren zu können.

Doch damit hat er nicht den Hauch einer Chance. Das Bundesstrafgericht lehnt seine Beschwerde nicht nur ab, sondern stuft sie als von vornherein aussichtslos ein. Deshalb muss er seinen Anwalt selber bezahlen. Dieser spricht nicht mit den Medien.

Dass D.C. nun schon bald vier Monate in Untersuchungshaft sitzt, findet das Gericht in Ordnung. Denn es sei eine längere Freiheitsstrafe zu erwarten und die Terrorermittlungen seien aufwendig.