Siebeneinhalb Wochen nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative herrscht Klarheit, wie der Ja-Anteil von 50,3 Prozent zustande gekommen ist. Das Forschungsinstitut GfS Bern und die Universität Genf haben gestern die Ergebnisse ihrer Vox-Analyse vorgestellt.

Abstinente Jungwähler: Die Bedeutung der Abstimmung möglicherweise unterschätzt haben die jüngsten Stimmberechtigten. Bloss 17 Prozent der 18- bis 29-Jährigen schritten zur Urne. Weil diese Altersgruppe die Initiative am klarsten verwarf (42 Prozent Ja-Stimmen), ist gut möglich, dass das Resultat bei besserer Mobilisierung anders gelautet hätte. So wurden die Jüngeren von den Älteren überstimmt. Bei den 50- bis 59-Jährigen, die sich zu 74 Prozent an der Abstimmung beteiligten, votierten 62 Prozent für die Initiative. Von den 60- bis 69-Jährigen und Über-70-Jährigen nahmen gar 82 respektive 77 Prozent an der Abstimmung teil.

Bewusster Entscheid: Die Stimmbürger waren sich der Bedeutung der Abstimmung bewusst. Sie hielten sie für wichtiger als die Abstimmungen über die Ausweitung der Personenfreizügigkeit in den Jahren 2005 und 2009 oder die Ausschaffungsinitiative vor dreieinhalb Jahren. Die Konsequenzen einer Annahme der Initiative nahmen die Befürworter sehenden Auges in Kauf: Zwar bestreitet die Mehrheit von ihnen (62 Prozent), dass das Ja zwingend zur Kündigung der bilateralen Verträge führen müsse, doch gleichzeitig ist die grosse Mehrheit der Ja-Stimmenden (86 Prozent) bereit, das Ende der Bilateralen zu riskieren. Ihnen ist die Steuerung der Zuwanderung wichtiger als die Beibehaltung der Verträge.

Links-Rechts-Gegensatz: Während die SVP-Anhänger die Initiative fast einhellig unterstützten (95 Prozent Zustimmung), wurde sie von den Sympathisanten der SP massiv verworfen (16 Prozent Zustimmung). Die Mitte-Parteien waren naturgemäss gespaltener. 40 Prozent der Basis der FDP befolgten die Nein-Parole ihrer Partei nicht – und dies in der wohl wichtigsten Abstimmung des Jahrzehnts. Eine Zahl, die dem Freisinn Bauchschmerzen bereiten muss.

Mobilisierung Politikverdrossener: Personen, die sich nie, selten oder nur gelegentlich an die Urne begeben, stimmten überdurchschnittlich oft Ja. Die Masseneinwanderungsinitiative nutzten sie, um ein Zeichen zu setzen, um also ihren Unmut über die Politik von Bundesrat und Parlament kundzutun. Aussergewöhnlich stark wurden Angehörige der unteren Einkommens- und Bildungsschichten mobilisiert. Genauso jene, die von der Zuwanderung – zumindest im subjektiven Empfinden – negativ betroffen sind, nämlich Landwirte, Arbeitslose, Arbeiter, Angestellte und Selbstständigerwerbende. Sie alle stimmten mehrheitlich Ja.

SVP-Argumentation gewinnt: Die Befürworter haben viel besser mobilisiert als die Initiativgegner. Zwar fiel der Stimmentscheid bei den meisten Wählern relativ früh. Doch je später die Stimmenden entschieden, desto höher lag der Ja-Anteil zur Initiative. Die SVP setzte sich mit ihrer Argumentation durch. Nicht nur pflichtete eine überwältigende Mehrheit der Befürworter den drei Hauptargumenten bei, auch eine ziemlich grosse Minderheit der Initiativgegner tat dies. Insgesamt zwei Drittel der Abstimmenden glauben: «Wir müssen die Einwanderung wieder selbst steuern können», «Die unkontrollierte Zuwanderung führt zu Lohndruck, Wohnungs- und Verkehrsproblemen» und «Wenn die Kontrolle der Zuwanderung zu einer Kündigung der bilateralen Verträge mit der EU führt, müssen wir dieses Risiko eingehen».