Abstimmung
Stimmbeteiligung über 40 Prozent: Junge sind doch nicht so stimmfaul

Nur 17 Prozent der 18- bis 30-Jährigen hätten an der Abstimmung vom 9. Februar teilgenommen, heisst es. Neue Erhebungen zeichnen ein anderes Bild: In Genf, Neuenburg und der Stadt St. Gallen gingen über 40 Prozent dieser Altersgruppe an die Urne.

Drucken

Seit einer Woche sorgt die Zahl für hitzige Diskussionen: Nur gerade 17 Prozent aller Stimmberechtigten der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren hätten an der Abstimmung über die SVP-Zuwanderungsinitiative teilgenommen. So vermeldete es die von der Uni Genf und dem Meinungsforschungsinstitut GfS Bern von Claude Longchamp gemeinsam erstellte Vox-Analyse.

Diese Zahl ist deutlich zu tief. Das belegen Daten aus den Kantonen Genf und Neuenburg sowie aus der Stadt St. Gallen. In allen drei Orten betrug die Stimmbeteiligung der Jungen über 40 Prozent; bei den 18- und 19-jährigen sogar bis über 45 Prozent. Dies berichtet die «NZZ am Sonntag» unter Berufung auf offizielle Angaben der Statistikbehörden, die auf anonymisierten Auswertungen der Stimmregister beruhen.

Kritik an Messmethode

Den 17 Prozent in der Vox-Analyse liegen 200 Befragungen über Festnetztelefonie von Stimmbürgern unter 30 Jahren zugrunde. Laut Longchamp sind allerdings bloss 100 Befragungen nötig, um Aussagen zu einer Teilgruppe machen zu können.

Gleichwohl wird jetzt aus der Wissenschaft deutliche Kritik an den Autoren der Vox-Analyse laut. Die angebliche Stimmbeteiligung von lediglich 17 Prozent bei den Jungen sei «sehr wahrscheinlich falsch», schreiben der Zürcher Politologieprofessor Marco Steenbergen und sein Assistent Kushtrim Veseli in einer Stellungnahme laut «NZZ am Sonntag».

Auch die Aussage, dass die Zahl der stimmabstinenten Jungen ansteige, bestreiten sie. Die Höhe der Beteiligung schwanke zwar je nach Abstimmungsvorlage stark, doch weise sie «auf keinen Fall einen sinkenden Beteiligungs-Trend auf». Die Wissenschafter stellen fest: «Etwas muss bei der Befragung schiefgelaufen sein.»

Urbane Regionen mit Universitäten

Das GfS Bern hat in einer Stellungnahme bereits auf die unterschiedlichen Abstimmungszahlen reagiert. Die neuen Angaben seien nicht gesamtschweizerisch und stammen aus städtischen Regionen mit Universitäten, wo die Stimmbeteiligung generell höher sei.

«Solange es keine gesamtschweizerische Statistik zur Stimmbeteiligung nach Alter (und anderen Kategorien) gibt, bleibt alles ein wenig spekulativ», heisst es beim Meinungsforschungsinstitut. Man nehme die Zweifel jedoch ausserordentlich ernst. Die einfachste Möglichkeit für genauere Daten wäre laut GfS, wenn das Bundesamt für Statistik die Stimmbeteiligung nach Merkmalsgruppen ausweisen würden.

Aktuelle Nachrichten