Suizidbeihilfe

Sterbehilfe-Tourismus: Doppelt so viele Sterbewillige in der Schweiz

Der Sterbehilfe-Tourismus hat sich in vier Jahren verdoppelt (Symbolbild)

Der Sterbehilfe-Tourismus hat sich in vier Jahren verdoppelt (Symbolbild)

Die Zahl der Sterbehilfe-Touristen in der Schweiz hat sich zwischen 2008 und 2012 verdoppelt. Dies berichten Schweizer Forschende in einer Pilotstudie im «Journal of Medical Ethics».

In diesem Zeitraum haben sich 611 im Ausland wohnende Menschen hier zu Lande das Leben genommen.

Sie stammten aus 31 verschiedenen Ländern. Fast zwei Drittel aller Sterbewilligen reisten aus Deutschland (268) und Grossbritannien (126) in die Schweiz. Es folgten Frankreich (66), Italien (44), die USA (21), Österreich (14), Kanada (12), Spanien und Israel (je 8).

Mit der Pilotstudie wollten die Wissenschaftler Alter, Geschlecht und Herkunftsland der Menschen herausfinden, die in die Schweiz kommen, um zu sterben. Ferner wie sie das tun und an welchen Krankheiten sie leiden. Sie suchten dazu in den Datenbanken des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich nach Untersuchungs- und Obduktionsberichten zu assistierten Suiziden von Personen aus dem Ausland.

Es zeigte sich, dass die Sterbetouristen zwischen 23 und 97 Jahre alt waren, im Mittel 69 Jahre. Mit 58,8% waren mehr als die Hälfte der Sterbetouristen Frauen. Sie nehmen assistierten Suizid mit einer 40 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit in Anspruch als Männer, wie es der Mitteilung des Fachjournals heisst.

Fast alle gehen zu Dignitas

Die Suizidwilligen litten in fast der Hälfte der Fälle an neurologischen Erkrankungen wie Lähmungen, motorischen Nervenkrankheiten wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Parkinson und Multiple Sklerose (MS). Es folgten Krebs und Rheuma-Erkrankungen. Alle bis auf vier dieser Menschen schieden mit der Sterbehilfeorganisation Dignitas aus dem Leben.

Fast alle Betroffenen starben durch das Schlafmittel Natrium-Pentobarbital, vier durch inhaliertes Helium. Diese Todesart erhielt 2008 grosse mediale Aufmerksamkeit und wurde als langwierig und belastend beschrieben - was laut den Studienautoren der Grund für eine Abnahme des Sterbetourismus in die Schweiz zwischen 2008 und 2009 sein könnte. Bis 2012 folgte dann ein starker Anstieg.

Rechtslage der Ursprungsländer

Die Forschenden haben sich ausserdem die bestehende Rechtslage zur Suizidbeihilfe in den Ursprungsländern der Suizidtouristen angesehen. "Die Zahlen sprechen dafür, dass es sich lohnt, bestimmten Fragen vertieft nachzugehen", sagte Mitautor Julian Mausbach vom Kompetenzzentrum Medizin - Ethik - Recht Helvetiae der Universität Zürich auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Die Autoren wagen zwar keine Schlüsse, aber doch Vermutungen über die beobachteten Trends. "Wenn wir die drei wichtigsten Herkunftsländer ansehen, finden wir politische Debatten über assistierten Suizid in allen drei", schreiben sie.

Die Beispiele Grossbritanniens und Deutschlands bestätigten ihre Hypothese, dass Suizidtourismus in den Herkunftsländern Diskussionen über die Rechtslage zur Sterbehilfeanstossen kann. Der Prozess einer an MS leidenden Britin, die zum Sterben in die Schweiz reisen wollte, führte laut den Autoren zu neuen Richtlinien und veränderter Strafpraxis bei der Suizidbeihilfe.

Neue Gesetzesvorlage in Deutschland

In Deutschland habe die Debatte um Suizidtourismus eine neue Gesetzesvorlage angeregt. "Wir wagen nicht zu schliessen, dass allein der Suizidtourismus dafür verantwortlich ist", erklärte Mausbach. Doch es sei plausibel, dass dieser zu einer grösseren Aufmerksamkeit für das Thema geführt hat.

Diese und weitere Fragen - etwa ob der Trend zur Zunahme des Sterbetourismus anhält oder sich stabilisiert - müssten nun detaillierter untersucht werden. Dies wird in mehreren Projekten im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Lebensende" (NFP 67) geschehen.

Harsche Kritik

Die fünf Schweizer Selbstbestimmungs-Organisationen kritisieren in einer Stellungnahme die zahlreichen Ungenauigkeiten, welche die Pilotstudie aufweise. Sie verschweige wichtige Tatsachen und Hintergrundinformationen. Einer der Kritikpunkte betrifft den gewählten Zeitraum 2008 bis 2012.

Dies gebe ein verzerrtes Bild und suggeriere ein dramatisches Resultat. Hätten die Autoren den repräsentativeren Zeitraum 2006 bis 2012 gewählt, hätten sie "nur" konstante Fallzahlen vorweisen können. 2006 begleitete Dignitas 195 Menschen, 2012 198.

Es stimme also nicht, dass sich Sterbehilfe für Ausländer verdoppelt habe, die Studie vermittle ein falsches Bild. Kritisiert wird auch der Zynismus der Autoren der Studie, welche die schwer leidenden Patienten, konsequent und ohne Anführungszeichen "Suizidtouristen" nennen würden.

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