Im Internet findet sich eine Seite namens www.kondolieren.ch. Mit Todesanzeigen. Eine der Anzeigen lautete so (der Name des Verstorbenen, hier mit A. angegeben, ist der Redaktion bekannt): «An seinem 68. Geburtstag hat sich A. entschlossen, seine letzte Reise anzutreten.»

Unter dem Satz standen die Lebensdaten: 3. März 1946 bis 3. März 2014. «Die letzte Reise» – am Geburtstag: warum? Eine Antwort deutete folgende Passage an: «Nach schwerer Krankheit, die keine Hoffnung auf Leben mehr übrig liess ...»

Offenkundig hatte A. seine Vorkehrungen getroffen: Er starb «wie geplant». Mit Exit, obwohl er kein ordentliches Mitglied der Sterbevereinigung war. A. wusste darum auch, dass Exit für die Sterbebegleitung rund 3000 Franken in Rechnung stellen würde – die lebenslange Mitgliedschaft kostet 800 Franken.

Die 3000 Franken fordert nun ein Bestatter zurück. Nicht für sich, natürlich nicht. Sondern für die Nachkommen des Kollegen. Oder als Spende – für die Krebshilfe zum Beispiel. Sein Argument: «Wenn die Krankenkasse die Abtreibung zu Beginn eines Lebens bezahlt, sollten auch das letzte rezeptpflichtige Medikament und die Verabreichung durch Exit in der Grundversicherung Platz finden.»

Darüber wollten wir reden. Deshalb fuhren wir zum Bestatter – und es ist statthaft, es in dem Zusammenhang zu erwähnen: an einem sehr schönen Frühlingstag.

Ricco Biaggi heisst der Kollege von A. Biaggi (65) ist Bestatter in Gipf-Oberfrick – und Mitglied bei Exit. Vorbereitet aufs Ende, mit dem er täglich lebt: «In der Stunde unserer Geburt beginnt das lebenslange Sterben.»

Ein Mann, den man gern besucht, weil man noch lieber Abschied von ihm nimmt. In der kurzen und so dichten Zeit, die man mit Biaggi verbringt, kann er wie kaum ein anderer den Gast so stark seines Lebens versichern, dass dieser künftig keine tote Zeit mehr zu verplempern glaubt. Obwohl Biaggi – besser gesagt: indem Biaggi das Unausweichliche offen auf den Tisch legt.

Auf dem Tisch aber stehen auch Früchte und Gebäck, Kaffee und Wein. Und manchmal, wenn Biaggi kocht, auch ein wunderbares Steak. Zwei Stunden ist die Rede vom Tod. Zu jeder Stunde schlagen dröhnend gleich mehrere Wanduhren an – Biaggi hat sie extra auf laut gestellt.

Dann steht man auf und tritt hinaus, wo der Himmel blau ist wie zwei Stunden zuvor, wo er sich über einem wölbt. Wie vorhin schon, wie gewöhnlich. Was von der Nacht ohne Wiederkehr her gesehen ja so ungewöhnlich ist. Da steht man drum, für einen Augenblick, schaut hinauf und schaut hinein, erfüllt von einfachster Dankbarkeit. Einen Augenblick, der seinerseits flüchtig ist.

Bestatter haben in der Schweiz wegen des Vorabend-Fernsehens, gerade Konjunktur. Auch die Sterbehilfe-Organisation Exit findet Zulauf: Ihr Stand an der Muba letztes Jahr verzeichnete lebhaften Andrang. Ihr «Tag der offenen Tür» an der Aussenstelle in Binningen wurde «regelrecht überrannt», wie die Lokalpresse schrieb. Nach eigenen Angaben begleitete Exit rund hundert Mitglieder mehr als im Vorjahr in den Tod.

Gesellschaftlich wohl bedeutsamer noch: Eine Befragung der über 70 000 Exit-Mitglieder ergab jüngst, dass eine satte Mehrheit eine Statutenergänzung begrüsst, wonach Sterbebegleitung künftig noch liberaler geregelt werden soll (darüber soll an der Generalversammlung von Exit im Mai diskutiert werden).

Auch Gesunden, nicht nur äusserst Gebrechlichen, soll das Recht zustehen, «die letzte Reise» anzutreten, wie es A. an seinem Geburtstag beschlossen hat. Sein Kollege in Gipf-Oberfrick, Ricco Biaggi, fügt an: «Nicht lebensmüde soll beim selbstbestimmten Sterben das vorherrschende Gefühl sein, sondern das Gefühl: Ich bin lebenssatt.»

Genau davon sprach im letzten Herbst der Theologe und Papstkritiker Hans Küng. Er hat Parkinson und wird blind. Den Moment seines Todes will er selber wählen, mit Exit. Dazu habe er sich schon 1955 entschlossen; damals starb Küngs Bruder qualvoll an einem unheilbaren Gehirntumor.

Vom Gleichen sprach an Ostern auch der ehemalige Glarner Ständerat This Jenny, nachdem er noch einmal das Parlamentarier-Skirennen gewonnen hatte. Der 61-Jährige hat Magenkrebs. Auf die letzten vier Wochen seines Lebens werde er verzichten. «Wenn alle wissen, dass ich sterbe, alle nur noch um mich weinen, gehe ich – mit Sterbehilfe.»

Wird Exit salonfähig? «Viele würden gehen wollen», sagt Biaggi, «wenn man ihnen auch die religiöse Angst nimmt.»

Das ist das Stichwort: Gilt es nicht als Sünde, das von Gott geschenkte Leben wegzuwerfen? «Man gibt», antwortet Biaggi, «Gott das Leben zurück.» Weiter im religiösen Argumentarium: Darf man Gott ins Handwerk pfuschen? «Man tut es längst», sagt Biaggi, «indem man zum Beispiel einer Patientin mit 89 noch eine Hirnoperation aufschwatzt.»

Der Bestatter greift zu einem Vortrag, den er vor Spitex-Angestellten gehalten hat. Ein Katalog des Grauens. Eine Sammlung unvorstellbar unwürdiger Methoden von Verzweifelten, Junge und Alte, die sich umbrachten, weil es keine andere Möglichkeit gab. Es ist ein Blick in Höllenwaben, in einen Tabubereich.

Nichts oder kaum etwas davon dringt jemals an die Öffentlichkeit. Alles bleibt unter denen, die als Erste zu diesen letzten Tragödien gerufen werden: Behörden, Sanitäter, Arzt und Bestatter. «Das Sterben», sagt Biaggi, «sollte wieder menschenmöglich sein.»

Wer aber dreht an der Zeitschraube, zu guter oder unguter Letzt? Wer schwingt sich auf zum Machthaber über Leben und Tod?

Für Biaggi stecken «knallharte wirtschaftliche Interessen» hinter der hochgerüsteten Verlängerung des Lebens: «Das Geschäft wird mit Ethik und Moral, mit Religion verbrämt.» Doch dagegen steht der Eid der Ärzteschaft, der Eid des Hippokrates, worin es u.a. heisst: «Ich werde niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht, wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten.»

«Einst war das ein gutes Mittel», sagt Biaggi, «für die Armen. Eine Art Sozialversicherung. Darauf vereidigte Ärzte konnten Mittellose nicht abweisen. Heute hat sich das geändert. Hippokrates wurde zum Hypokrit», zum Heuchler.

Der Bestatter erzählt: Eine 94-jährige Frau stürzte. Sie hatte blaue Flecken, ihr Zustand schien nicht weiter schlimm. Ihren 95. Geburtstag aber, sagte sie, «will ich auf der anderen Seite feiern». Ins Pflegeheim wollte sie nicht. Auch keine weitere Operation. Wo war der Ausweg? «Die Medizin», sagt Biaggi, «verunmöglicht es dem Menschen heute fast, zu sterben.»

Gesetzt, man lockert die Regeln der Sterbehilfe: Würden da Angehörige und Erbschleicher nicht Druck ausüben auf alte Leutchen, sich zu schleichen? «Da lobe ich den Altersstarrsinn», antwortet Biaggi, «er erzeugt Gegendruck.» Kann die Mitgliedschaft bei Exit einen falschen Anreiz bieten, davon zu profitieren?

Jetzt kommt der Berglerwitz des ursprünglichen Wallisers aus Visp zum Tragen: «Nicht jeder, der am Skilift ein Tagesabo hat, will es auch ausfahren.»

Bleibt der letzte Punkt, unser Ausgangspunkt: die «Abgangsentschädigung». Jeder soll «entschädigt» werden, der sich auf die letzte Reise begibt. Das war die Idee von A. gewesen; Biaggi, der Kollege im Fricktal, trägt sie weiter.

Es handelt sich um die 3000 Franken, die Exit für Nichtmitglieder verrechnet. Wer soll den Betrag vergüten? Die Krankenkassen, fordert Biaggi und erläutert: Mit Chemotherapie und langwieriger Pflege könne ein Patient bald eine Million Franken kosten. Sterbewillige ersparen den Kassen solche Kosten. Darum dürften sich die Kassen bei der Sterbehilfe konzilianter zeigen.

Auf dem Tisch zieht der Bestatter ein weiteres Papier hervor: «Infos, die helfen, eine Rechnung im Todesfall Suizid korrekt zu gestalten.» Angehörige, die in der Familie einen Selbstmord beklagen, denken kaum daran, bei der Suva anzuklopfen.

Die Schweizer Unfallversicherung versichert zwei Millionen Berufstätige und Arbeitslose «gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten». Artikel 37 der Unfallverordnung besagt wörtlich: «Hat der Versicherte den Tod absichtlich herbeigeführt, so besteht kein Anspruch auf Versicherungsleistungen …» – hier legt Biaggi den Finger auf den Zusatz – «… mit Ausnahme der Bestattungskosten.» Angesetzt sind diese aktuell auf 2422 Franken. «Und jetzt: Auch organisiertes Sterben mit Exit ist ein Suizid.»

Biaggi lehnt sich zurück, zufrieden wie nach dem entscheidenden Zug in einer Schachpartie. Gegen wen aber hätte er gespielt? Nicht gegen den Tod, geschweige denn gegen das Leben. Vielleicht gegen all jene, die ständig versuchen, die Grenze zwischen Leben und Tod zu ihren Gunsten etwas zu verschieben.