Die Schweiz, ein einig Volk von Nichtwählern: Kein Land in Europa hat eine derart tiefe Wahlbeteiligung wie die Schweiz. Zwar sinken die Wählerzahlen in allen Demokratien Europas, doch die Unterschiede zur Schweiz sind frappant: In Deutschland bricht Alarmstimmung aus, wenn die Beteiligung unter 50 Prozent fällt. In der Schweiz hat seit 1975 nie mehr als die Hälfte der Bürger an einer National- und Ständeratswahl teilgenommen (siehe Grafik). 2007 waren es 48,3 Prozent.

Bei kantonalen Wahlen ist die Beteiligung noch viel tiefer. In Zürich haben letztes Wochenende gerade mal 35,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Diese Zahl erstaunt sogar Experten: «Ich hätte in Zürich eine höhere Beteiligung erwartet, weil mit den Grünliberalen und der BDP neue Parteien antraten», sagt Daniel Kübler, Professor für Demokratieforschung am Zentrum für Demokratie in Aarau. In Luzern erwarten die Behörden morgen eine rekordtiefe Wahlbeteiligung, wie die «Neue Luzerner Zeitung» berichtete.

Allzeithoch im Jahr 1919

Dabei war es einmal ganz anders. 1919 lag die Wahlbeteiligung in der Schweiz bei über 80 Prozent. Ein Allzeithoch, das laut dem Politologen Georg Lutz von der Universität Lausanne mit der Einführung des Proporzwahlrechts zusammenhing. «Das liess die Wählerzahlen um 20 Prozent hochschnellen.» Doch seither geht die Wahlbeteiligung kontinuierlich zurück: Mitschuld daran hat laut Lutz die politische Stabilität in der Schweiz.

Aber was ist mit dem Aufstieg der SVP, der Abwahl Blochers? «Eine einzige Sitzveränderung in der Regierung ist nur in der Schweiz ein politisches Erdbeben», sagt Lutz. Auch Demokratieforscher Kübler glaubt, dass die berechenbare Konkordanz die Leute von der Urne fernhält. «Die Menschen gehen dann wählen, wenn sie das Gefühl haben, etwas bewirken zu können.» Das sei bei Parlamentswahlen selten der Fall. Wer in Deutschland für den Atomausstieg sei, wähle die Grünen, sagt Lutz als Beispiel. «In der Schweiz können sie sicher sein, dass sie irgendwann über die wirklich wichtigen Fragen abstimmen können.»

Nur gerade ein Drittel der Stimmbürger wählt das Parlament aller Schweizer. Demokratieforscher Kübler sagt allerdings: «Sorgen bereitet mir nicht die tiefe Wahlbeteiligung, sondern die Gründe dafür.»

Besorgniserregend sind laut Kübler diejenigen, die den Urnen fernbleiben, weil sie das Vertrauen in die Politik verloren haben oder weil sie das politische System nicht verstehen. Und der Anteil der Politikverdrossenen und der Politik-Analphabeten steigt in der Schweiz - besonders unter Jugendlichen.

Die Folge: «Es gibt Hinweise, dass Jugendliche, die nicht wählen, auch mit fortschreitendem Alter der Urne fernbleiben», sagt Kübler.

Mehr Staatskundeunterricht nötig?

Für Daniel Kübler ist klar: «Wir müssen den Staatskundeunterricht intensivieren, um die Jungen wieder für Politik zu interessieren.» Früher hätte es sozialen Druck gegeben, der die Bürger in die Wahllokale getrieben habe. Heute fehle das. Georg Lutz hingegen sagt: «Die Möglichkeiten, Jugendliche für die Politik zu interessieren, sind beschränkt.»

Doch es gibt auch noch einen anderen Weg, die Bürger zum Wählen zu bringen: die Wahlpflicht. Der Kanton Schaffhausen kennt sie für kantonale Wahlen und Abstimmungen: Wer nicht wählen geht, muss eine symbolische Busse von drei Franken bezahlen.

Kübler befürwortet dieses System: «Wir haben festgestellt, dass die Bürger in Schaffhausen politisch besser gebildet sind als im Rest der Schweiz.» Und die Schaffhauser gehen öfter wählen, auch wenn sie nicht müssen. Bei nationalen Wahlen gilt der Zwang nicht, trotzdem hatte Schaffhausen 2007 mit 65,3 Prozent bei Weitem die höchste Wahlbeteiligung.