Studierenden-Mobilität
Statt mit Erasmus ins Ausland, bleiben Schweizer Studenten lieber zu Hause

Seit der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative ist das Austauschprogramm Erasmus ist in aller Munde – dabei ist das Interesse unter gering. Der Grund: Die Studenten wollen im Studium nicht in Verzug geraten.

Stefan Schmid
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Symbolische Beerdigung des Erasmus-Programms.

Symbolische Beerdigung des Erasmus-Programms.

Keystone

Seit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar ist das Studenten-Austauschprogramm Erasmus das Sorgenkind Nummer eins. Die EU hat die Schweiz zu einem Drittstaat degradiert und ihren Studenten den Zugang zum Programm eingeschränkt. Seither trauern Hochschüler in aller Öffentlichkeit dem Ausland-Semester nach.

Ein Minderheitenprogramm

Allein: Das Interesse dafür ist seit Jahren gering, wie Zahlen der CH-Stiftung und des Bundesamtes für Statistik zeigen. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre studierte nur gut jeder 100. Studierende, der an einer Schweizer Hochschule immatrikuliert war, ein oder mehrere Semester an einer europäischen Partneruniversität.

Die steigende Zahl der Teilnehmer wird zwar von den Promotoren des Austauschprogrammes stets als Beleg für die Popularität und den Erfolg von Erasmus beigezogen. Doch stellt man diese Zahlen in Relation zur stark wachsenden Gesamtzahl aller Studierenden in der Schweiz, fällt die Bilanz nüchterner aus. «Erasmus ist ein absolutes Minderheitenprogramm», sagt Strafrechtsprofessor Martin Killias, der sich seit 20 Jahren mit der studentischen Mobilität beschäftigt.

Schlecht ist es auch um die Mobilität innerhalb der mehrsprachigen Schweiz bestellt. Ein Semester an einer anderen Uni kommt laut Zahlen der CH-Stiftung jährlich nur für gut 300 Studierende infrage - bei insgesamt über 130 000 Immatrikulierten an Universitäten und technischen Hochschulen. Das Interesse ist seit Jahren tief und gemessen an der starken Zunahme der Studierenden gar sinkend.

Bologna behindert

Nebst diesen offiziellen Zahlen hat Martin Killias eigene Berechnungen zur Mobilität der Schweizer Jusstudenten angestellt - innerhalb und ausserhalb der Schweiz. Die angehenden Juristen gehören im Fächervergleich zu den mobilsten Studenten, weil für sie das Beherrschen einer zweiten Landessprache ein entscheidender Berufsvorteil sein kann. Sein ernüchterndes Fazit: Die Mobilität über Sprachgrenzen hinweg gibt es faktisch nicht.

Schuld daran sind laut Killias die neuen Studienmodule, die im Rahmen der Bologna-Reform in den vergangenen Jahren flächendeckend eingeführt wurden. Fächer werden nicht mehr wie früher einzeln geprüft, sondern am Semesterende in einem Kanon. Dies habe zur Folge, dass ein Romand, der gerne ein Semester in der Deutschschweiz studieren würde, später das verpasste Modul an seiner Heimuni nachholen müsse.

Studierende wollen Effizienz

Killias findet diese sinkende Mobilität und die damit einhergehenden mangelnden Fremdsprachenkenntnisse bedenklich: «Wenn der juristische Nachwuchs die beiden wichtigsten Landessprachen selbst passiv nicht mehr beherrscht, wird die überregionale Kommunikation wohl auf Englisch umstellen müssen», schrieb er in einem Gastbeitrag für die NZZ.

Von der «Nordwestschweiz» angefragte Studierende bestätigen Martin Killias' Einschätzung. «Das Interesse am Austausch ist zwar grundsätzlich vorhanden, doch sind die meisten nur bereit, die Uni zu wechseln, wenn damit das Studium nicht verlängert wird», sagt eine Studentin.

Heute aber sei genau dies in der Praxis die Konsequenz. Wegen dichter Studienpläne raten einige Universitäten zumindest in den ersten zwei Jahren des Bachelor-Studiums gar von einem Austausch ab. Bei der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Fribourg etwa heisst es in einer Broschüre: «Wir raten, einen Mobilitäts-Aufenthalt erst im dritten Studienjahr einzuplanen. Dann lässt der Studienplan dazu mehr Freiheiten.» Wer vorher gehe, müsse halt den einen oder anderen Kurs nachholen.

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