Statistik
Todesrekord im Coronajahr – warum wuchs die Bevölkerung in der Schweiz trotzdem?

Weniger Zuwanderung, mehr Todesfälle als Geburten: In Deutschland ist die Bevölkerung erstmals seit 2011 geschrumpft. In der Schweiz hingegen lebten Ende 2020 mehr Menschen, obwohl im Coronajahr eine Rekordzahl an Todesfällen verzeichnet wurden. Die entscheidende Rolle spielt die Zuwanderung.

Kari Kälin
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Alexandra Wey/Keystone

Zum ersten Mal seit 2011 leben in Deutschland weniger Menschen. Ende 2020 waren es 12'000 weniger als Ende 2019, wie das Statistische Bundesamt Anfang Woche mitteilte. Den Schrumpfprozess ausgelöst hat das Coronavirus. Zum einen registrierte Deutschland im Vergleich zum Vorjahr 5 Prozent mehr Todesfälle (986'000). Damit stiegt die Differenz zu den Geburten (773'000) gegenüber dem Vorjahr deutlich an. Zum andern sank die Zuwanderung markant.

Auch in der Schweiz hinterliess das Coronajahr spürbare demografische Spuren. Das Bundesamt für Statistik vermeldete Anfang Woche einen Rekordwert an Todesfällen (fast 76'200). Gleichzeitig wurden leicht weniger Babys geboren (85'900) als 2019. Im Gegensatz zu Deutschland resultierte unter dem Strich immer noch ein Geburtenüberschuss.

Todesfälle in der Schweiz

in Tausend
20162017201820192020020406080

Eine zweite wesentliche Differenz: Der Wanderungssaldo fiel letztes Jahr in der Schweiz (+61'390 Personen) im Verhältnis zu Deutschland viel höher aus. 2020 zogen weniger Ausländer neu in die Schweiz. Noch stärker fiel aber der Rückgang bei der Abwanderung von Ausländern aus. Insgesamt wuchs Gesamtbevölkerung um 0,7 Prozent auf 8'667'100 Personen.

Gastgewerbe: Zuwanderung und Arbeitslosigkeit hoch

Interessant: Obwohl das Gastgewerbe teilweise wegen der Pandemie ihre Tore schliessen musste, obwohl die Arbeitslosenquote in keinem anderen Wirtschaftszweig so stark stieg, wanderten zwischen März 2020 und Februar 2021 am meisten Arbeitskräfte aus den EU/Efta-Staaten in diese Branche ein. Dies offenbart der aktuelle Observatoriumsbericht zur Personenfreizügigkeit, den das Staatssekretariat für Wirtschaft am Freitag präsentierte.

Im Durchschnitt erhielten monatlich 1700 Personen eine Arbeitsbewilligung, um im Gastgewerbe eine Stelle anzutreten. Gegenüber der Vorjahresperiode (2500 Bewilligungen pro Monat) sank diese Zahl allerdings markant. Zum Vergleich: Im Gesundheits- und Sozialwesen wurde letztes Jahr monatlich bloss gut 500 EU/Efta-Bürgern eine Arbeitsbewilligung erteilt.

Wie lässt sich die vergleichsweise nach wie vor hohe Zuwanderung bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit erklären? «Unsere Branche bekundet Mühe, qualifizierte Fachkräfte im Inland zu rekrutieren», sagt Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer. Offenbar würden die Personen, die bei den regionalen Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) gemeldet seien, das erforderte Jobprofil für die zu besetzenden Stellen nicht erfüllen.

Bevölkerung Ende 2020

Demografische Entwicklung im Coronajahr
Schweiz 8' 667'100 (+0,7%)
Deutschland 83'155'000 (-0,01%)
Frankreich 67'422'000 (+0,3%)
Österreich 8'932'700 (+0,36%)
Italien 59'257'600 (- 0,64%)

Ähnlich wie in der Schweiz entwickelte sich die Bevölkerung im vergangenen Jahr in Österreich. Das östliche Nachbarland verzeichnete eine Zunahme um 0,36 Prozent auf 8'932'700 Personen. Der Zuwachs ist auf den positiven Wanderungssaldo (plus 40'100 Personen) zurückzuführen.

Auch in Frankreich stieg die Bevölkerung um 0,3 Prozent auf 67'422'000 Personen. Ein Geburtenüberschuss sowie ein positiver Wanderungssaldo erklären den leichten Anstieg.

Immer weniger Geburten in Italien

Ein demografisches Sorgenkind ist Italien. Die Geburtenrate ist notorisch tief, letztes Jahr wurde mit 404'000 Geburten der tiefste Wert seit der italienischen Einigung im Jahr 1861 registriert. Gleichzeitig verzeichnete das Land 746'000 Todesfälle. Italien ist damit deutlich unter die 60-Millionen-Grenze (59,26 Millionen Einwohner) gerutscht.

Peppe Provenzano, ehemaliger Minister für Süditalien, kommentiert diese Entwicklung Anfang Jahr wie folgt: «Der wahre Notstand in diesem Land ist nicht die Einwanderung, sondern die Auswanderung und der Bevölkerungsschwund ganz allgemein.»