Gesellschaft

Starke Zunahme von Zwangsehen in der Sommerzeit

Die 15-jährige Roma-Braut Narcisa Tranca an ihrer Hochzeit. Eigentlich ist es auch in Rumänien verboten, unter 16 Jahren zu heiraten.

Heirat im Dorf Voluntari in der Nähe von Bukarest

Die 15-jährige Roma-Braut Narcisa Tranca an ihrer Hochzeit. Eigentlich ist es auch in Rumänien verboten, unter 16 Jahren zu heiraten.

Die Beratungsstelle Zwangsheirat.ch hat derzeit alle Hände voll zu tun. Dort melden sich Mädchen und Burschen, wenn sie von ihren Eltern zwangsverheiratet werden sollen. Im Sommer, während den Ferien im Ausland, ist die Gefahr am grössten.

Es sei der schönste Tag im Leben, sagt ein Sprichwort. Für manche jedoch ist es ein Alptraum, dem zu entrinnen in manchen Fällen schlicht unmöglich ist. Nämlich dann, wenn die Heirat unter Zwang vollzogen wird. Wie viele Mädchen und Burschen davon in der Schweiz betroffen sind, ist schwer zu sagen. 2007 hat der Bundesrat eine nicht repräsentative Studie der Stiftung Surgir zitiert, wonach es in der Schweiz ungefähr 17000 erzwungene Ehen geben soll. Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher ausfallen. Beobachter kritisieren, dass es hierzulande an wissenschaftlich fundierten Untersuchungen mangelt.

Sommerzeit ist Heiratszeit

Bei der Beratungsstelle Zwangsheirat.ch (siehe Box) gingen dieses Jahr bereits 42 Meldungen aus den Kantonen Aargau, Solothurn, Baselland und Bern über mögliche Zwangsehen ein. Vor und nach den Sommerferien sei die Anzahl der Betroffenen besonders hoch, sagt Kampagnenleiterin Anu Sivaganesan. «Wir erhalten aktuell bis zu neun Meldungen wöchentlich, wogegen es normalerweise ein bis vier pro Woche sind.» Ein Grund für diesen Anstieg ist die Ferienzeit. Die Eltern nutzen dann die Möglichkeit, ihre Kinder im Heimatland unter Zwang in den Stand der Ehe zu führen.

Ein anderer Grund für die steigende Anzahl der gemeldeten Fälle lasse sich darauf zurückführen, dass die öffentliche Sensibilisierung über Zwangsheiraten merklich zunehme, stellt Sivaganesan fest. «Betroffene und ihr Umfeld wissen immer häufiger, dass sie gegen geplant oder aktuelle Zwangsheiraten vorgehen können.»

Beide Geschlechter betroffen

Das Alter der betroffenen Mädchen und Burschen bewegt sich zwischen 14 und 29 Jahren. «Es gab davon auch Ausnahmen», erwähnt Sivaganesan, «in der Beratung ging es einmal um ein elfjähriges Mädchen aus dem Kanton Bern. In einem anderen Fall von Zwangsehe handelte es sich um eine 52-jährige Frau. Sie konnte sich wider ihres Willens nicht von ihrem Mann trennen.»

Auch Burschen sind von Zwangsheiraten betroffen: «Bei unseren gemeldeten Fällen aus der kosovarischen Gemeinde betrifft jeder dritte einen Mann», sagt Sivaganesan. Zwar hätten junge Männer bessere Auswegsmöglichkeiten als Frauen, «doch es besteht die grosse Erwartung, dass sie sich nicht gegen das Patriarchat auflehnen». In der Regel seien Mädchen als Traditionsträgerinnen in einem patriarchalisch geprägten System häufiger von Zwangsheiraten betroffen als junge Männer.

Religion spielt nur untergeordnete Rolle

Zwangsheiraten kommen vor allem in unterprivilegierten Familien mit Migrationshintergrund vor. Sivaganesan spricht von Fällen aus kosovarischen, türkischen, kurdischen oder tamilischen Community. Aber auch in kleineren Gemeinschaften wie in der der Roma oder der orthodoxen Christen aus Osteuropa und dem Nahen Osten und den Jesiden aus der Türkei gebe es Fälle von Zwangsheiraten.

Interessanterweise spielt die Religion nur eine untergeordnete Rolle: «Beispielsweise ist im Islam als einziger Weltreligion die Zwangsheirat explizit verboten. Indirekt kann aber jede Religion einen Einfluss ausüben, schliesslich werden Religionen von Männern gemacht», sagt Sivaganesan.

Bundesrat sieht Handlungsbedarf

Auch der Bundesrat will Eheschliessungen wider Willen ausdrücklich unter Strafe stellen. Er verabschiedete Ende Februar die Botschaft zum Gesetz über Massnahmen gegen Zwangsehen. Neu soll mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe belegt werden, wer jemanden zur Ehe zwingt. Die Vorlage wird am 19. August von der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates und schliesslich im Parlament behandelt werden.

Die Vorlage ist nach Einschätzung von Sivaganesan jedoch nicht umfassend: «Es mangelt dem Gesetzesentwurf an der Berücksichtigung der Zwangsehe, als der Aufrechterhaltung der Ehe unter Zwang. Ebenfalls wird dem Opferschutz zu wenig Rechnung getragen.»

Es sei hingegen sehr erfreulich, dass ein zivilstandsunabhängiges Aufenthaltsrecht vorgeschlagen wird, sagt Sivaganesan. Trennt sich eine betroffene Person von ihrem Ehemann oder ihrer Ehefrau, kann dieser Person ein unabhängiges Bleiberecht in der Schweiz gewährt werden. «Dies ist ein zentrale Neuerung, weil es ermöglicht, dass sich Betroffene ohne Angst vor der direkten Abschiebung ins Herkunftsland - wo ihnen vielleicht Gewalt droht - wehren können.»

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