Internet-sucht

Ständig im Netz: Neuer Bericht des BAG zeigt problematische Internet-Nutzung

Die Aufmerksamkeit gilt immer häufiger den digitalen Geräten.

Die Aufmerksamkeit gilt immer häufiger den digitalen Geräten.

Laut Experten haben 270.000 Menschen in der Schweiz eine problematische Internet-Nutzung. Covid-19 hat die Lage wohl noch verschlimmert.

Eine Expertengruppe hat im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG die Internetnutzung und ihre Folgen auf die Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer näher unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich: Über eine Viertel Million Menschen sind hierzulande von einer problematischen Internetnutzung betroffen - konkret 270.000 Personen ab 15 Jahren, wie die Verfasser am Montag publizierten. Die jüngste erfasste Kategorie (15-24 Jahre) ist dabei mit 11,2 Prozent die am stärksten betroffene Altersgruppe. Eine problematische Internetnutzung ist nicht mit einer "Onlinesucht" gleichzusetzen, kann aber zu einer solchen führen.

Wissenschaftlich klar ist: Nicht das Medium Internet an sich ist gefährlich oder suchtfördernd, sondern die einzelnen Nutzungen wie exzessives Online-Gaming oder Social Media. Offiziell von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Krankheit anerkannt ist bisher lediglich die Sucht nach Videospielen.

Internetsucht wird bei Mädchen kaum erkannt

Was mitunter dazu führt, dass Mädchen im Gegensatz zu Jungen viel seltener mit einer problematischen Internet-Nutzung in Verbindung gebracht werden. "Mädchen sind wegen Magersucht oder Depression in Behandlung - dabei kann eine problematische Internetnutzung eine verstärkende Rolle spielen.

Das wird von vielen Fachpersonen aber gar nicht erst erkannt", sagt Projektleiter Cédric Stortz vom Fachverband Sucht. Auch, weil Geschlechter-Klischees eine Rolle spielen."Gamende Buben werden eher als Problem wahrgenommen als Mädchen, die sich oft über Whatsapp austauschen", sagt Stortz.

Jugendliche reflektieren die Konsequenzen für sich selbst jedoch eher als Erwachsene und wenden öfter Regulierungsstrategien an, schreiben die Autorinnen und Autoren des Berichts weiter. Knapp 10 Prozent der Jugendlichen erlebten häufig mehrere negative Folgen wegen ihrer intensiven Internetnutzung. Fast ein Viertel der befragten Kinder zwischen 9 und 16 Jahren habe im letzten Monat vor der Befragung vergeblich versucht, weniger Zeit online zu verbringen.

Der Bund und die Kantone müssen nun reagieren- und vor allem auch mehr in die Prävention und Forschung investieren, fordern die Autorinnen. Sie plädieren auch für deutlich kürzere Befragungsintervalle.

Datenerhebung viel zu langsam - nächste Informationen erst 2023

Die Daten zur Gesamtbevölkerung stammen von der Gesundheitsbefragung 2017- und sind bereits jetzt veraltet, wie Projektleiter Stortz sagt. "Die technologische Entwicklung verläuft so rasant, dass wir wissenschaftlich nicht hinterherkommen." Die Gesundheitsbefragung findet derzeit nur alle fünf Jahre statt - die nächste Auswertung durch Experten zur potenziellen Online-Sucht würde demzufolge erst etwa 2023 publiziert.

Cédric Stortz, Projektleiter Fachverband Sucht

Cédric Stortz, Projektleiter Fachverband Sucht

Auch auf wissenschaftlicher Seite gibt es viel Nachholbedarf: Trotz des wachsenden wissenschaftlichen Interesses existieren weder eine allgemeingültige Definition noch offizielle Diagnosekriterien, um die Störungsbilder im Umfeld der internetbezogenen Störungen (IBS) einzugrenzen.

Auch gebe es bisher kaum Erkenntnisse darüber, was mit einer Gesellschaft in einer Situation wie der Covid-19-Pandemie passiere, welche sich rasant in den digitalen Raum verschiebt. "Es geht am Ende um die Sensibilisierung der gesamten Gesellschaft für den digitalen Raum", sagt Stortz. "Man muss nicht meinen, man habe sein Online-Verhalten besser im Griff, nur, weil man älter ist oder mit dem Smartphone in der Hand geboren wurde.

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