100 Jahre Nationalpark

«Städter haben grundsätzlich eine Sehnsucht nach Natur und Wildnis»

Direktor Heinrich Haller über die Bedeutung des Nationalparks.

Direktor Heinrich Haller über die Bedeutung des Nationalparks.

Der Schweizerische Nationalpark ist ein nationales Symbol. Wer im Alltag auf Natur verzichten muss, schätzt den Park umso mehr. Direktor Heinrich Haller nutzt das 100-Jahr-Jubiläum, um auf die Sonderstellung der Institution aufmerksam zu machen.

Vor 100 Jahren haben Pioniere und Visionäre den Schweizerischen Nationalpark gegründet. Wie viel Pioniergeist und Visionen sind ein Jahrhundert später noch vorhanden?

Heinrich Haller: Sehr viel, um nicht zu sagen fast alles. Die Idee ist absolut zeitlos und hat in nichts an Aktualität verloren. Im Grundansatz hat es keine grossen Veränderungen gegeben, was auch sinnvoll ist. Der Nationalpark macht nur dann Sinn, wenn man gleiche Ziele langfristig verfolgt, insbesondere beim wissenschaftlichen Aspekt. Der Schweizerische Nationalpark ist ja das Urmodell eines wissenschaftlichen Naturschutzgebietes. Man konnte bisher wirklich grundlegende Erkenntnisse gewinnen, die für unser heutiges Naturverständnis wichtig sind.

Der Nationalpark erfüllt aber nicht nur einen wissenschaftlichen Zweck.

Nebst Naturschutz und der wissenschaftlichen Forschung gibt es auch noch andere Aufgaben. Naturpädagogik und Umweltbildung sind immer wichtiger geworden. Die Leute wieder an die echte Natur heranzuführen, ist heutzutage eine zentrale Aufgabe.

Welche Bedeutung hat der Schweizerische Nationalpark denn heute?

Ich denke, dass der Schweizerische Nationalpark zu einem nationalen Symbol geworden ist und darum eine sehr grosse Bedeutung hat. Durch Umfragen wissen wir auch, dass die Institution gut bekannt ist.

Die Wahrnehmung bei den Städtern und den Einheimischen ist sicher unterschiedlich.

Die urbanen Menschen haben grundsätzlich eine Sehnsucht nach Natur und Wildnis, weil sie das vor der Türe nicht haben. Wir wissen, dass es ein grosses Bedürfnis der Bevölkerung generell ist, in die Natur gehen zu können oder wenigstens zu wissen, dass es im Land dieses Naturparadies gibt. Viele kommen eigens wegen des Nationalparks in die Region.

Naturschutz und Tourismus sind ein Spannungsfeld.

Das könnte ein Widerspruch sein, aber im Nationalpark glauben wir, dass die Verbindung gelungen ist. Der Nationalpark ist ein hochwertiges Angebot der Region – wir bieten den Gästen ein gutes Erlebnis und perfekte Infrastrukturen. Der Park ist als Wildnisgebiet wichtig, aber er ist auch eine von Menschen geschaffene Institution, die Teil unserer Kultur ist. Es ist also auch notwendig, dass der Nationalpark auf öffentliches Interesse stösst.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es noch für den Nationalpark?

Es gibt eine ganz wichtige im Rahmen des Biosphärenreservats Val Müstair Parc Naziunal. Im Jahr 2010 hat die Unesco dieser Zone das Biosphären-Label erteilt. Der wichtigste Vorbehalt ist, dass die Pflegezone um die ganze Kernzone, also um den Nationalpark herum, entwickelt werden muss – folglich auch auf der Engadiner Seite. Und dort verläuft die Entwicklung dieses Projekts schleppend.

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