Stadtratsanwärter kreuzen stumpfe Klingen

Die zehn Kandidierenden (von links) Erich Frensdorff («Wage es»), Stephan Müller (Jetzt!), Jolanda Urech (SP), Michael Ganz (Pro Aarau), Beat Blattner (SP), Moderator Thomas Röthlin (AZ),  Marcel Guignard (FDP), Carlo Mettauer (CVP), Lukas Pfisterer (FDP), Regina Jäggi (SVP) und Hans Peter Hilfiker (FDP). (Bild: Raphael Hünerfauth)

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Die zehn Kandidierenden (von links) Erich Frensdorff («Wage es»), Stephan Müller (Jetzt!), Jolanda Urech (SP), Michael Ganz (Pro Aarau), Beat Blattner (SP), Moderator Thomas Röthlin (AZ), Marcel Guignard (FDP), Carlo Mettauer (CVP), Lukas Pfisterer (FDP), Regina Jäggi (SVP) und Hans Peter Hilfiker (FDP). (Bild: Raphael Hünerfauth)

Alle zehn Kandidatinnen und Kandidaten für die sieben Sitze im Aarauer Stadtrat stellten sich einer gemeinsamen Wahlarena. Der Ton blieb sachlich und fair, die oft brave Debatte eröffnete aber wenig neue Perspektiven.

Hermann Rauber

Die AZ mit Thomas Röthlin als Moderator und die Aarauer Stadtparteien hatten im Vorfeld der Stadtratswahl vom 27. September sämtliche zehn Kandidatinnen und Kandidaten an einen Tisch gebracht. Stehtische notabene, die neben politischer Schlagfertigkeit auch ein respektables Mass an Stehvermögen abverlangten. Die Wählerschaft honorierte die Aarauer Arena im Kultur- und Kongresshaus mit einem ansehnlichen Aufmarsch von mehr als hundert aufmerksamen Personen.

Der Wunsch von Christoph Schmid, dem Präsidenten der SP Aarau, nach einem «fairen Wahlkampf» blieb mindestens im Podium nicht ungehört. Angesprochen auf die Wahlwerbung, bestätigte der freisinnige Stadtammann Marcel Guignard, dass er für eine «letzte Amtsperiode» kandidiere. Dies habe nichts mit Amtsmüdigkeit zu tun, sondern mit «meinem Prinzip der Transparenz und Offenheit», betonte der 60-jährige Guignard. Man müsse auch in der Lokalpolitik oft «dicke Bretter bohren», deshalb brauche es ein gesundes Mass an Hartnäckigkeit.

Erster Herausforderer von Guignard ist der bisherige Vizeammann Beat Blattner, der auch schon seit 13 Jahren für die Sozialdemokraten im Stadtrat sitzt. Er hofft auf das «veränderte Wählerverhalten» in der Kantonshauptstadt, auf «den Abschied von der freisinnigen Dominanz» und auf «neue Mehrheiten». Der 53-jährige Blattner will gemäss dem SP-Slogan «Be de Lüüt» näher beim Volk sein. Im Rennen um das nach wie vor einzige Hauptamt im Unteren Rathaus ist auch Michael Ganz von Pro Aarau, einer rein lokalen Gruppierung. Der 37-jährige Clubbetreiber hat zu allen Generationen «einen guten Draht» und ist «ideologisch nicht mit einer historischen Mutterpartei behaftet», könne also «befreit» und «unabhängig» politisieren.

Stephan Müllers dritter Versuch

Zu einer Kampfwahl kommt es am 27. September aber auch um das Amt des Aarauer Vizeammanns. Nachdem der Bisherige Beat Blattner nach Höherem strebt, ist die CVP mit dem 52-jährigen Carlo Mettauer geschickt in die Lücke gesprungen. Dieser sieht sich nach eigenen Worten «dank meinen bisherigen Ressorts Kultur und Sport» quasi «prädestiniert» für diesen Posten. Gefordert wird er vom mittlerweile 44-jährigen Stephan Müller von der Gruppierung Jetzt!, der bereits zum dritten Mal zum Sprung ins Rathaus ansetzt. Er habe «bereits harte Arbeit für die Öffentlichkeit geleistet» und wolle diesen Einsatz nun «effizient» in der Behörde fortsetzen. Er könne sich durchaus vorstellen, das auf Ende Jahr frei werdende Ressort von Ruedi Zinniker (mit dem Stadtbauamt und der Stadtpolizei) zu übernehmen, betonte Müller.

«Nicht auf die Karte Frau» setzen will und muss die bisherige Aarauer Verkehrsministerin Jolanda Urech von der SP. In der Politik sei nicht das Geschlecht massgebend, sondern «Inhalt und Programm». Die 55-Jährige bekennt sich wie ihr Genosse Blattner zum «direkten Kontakt mit der Bevölkerung» und bestreitet mit solchen Aktionen auch ihren Wahlkampf. Der Jüngste unter den sechs Bisherigen ist der 36-jährige Lukas Pfisterer von den Freisinnigen. Er betreut folglich das Ressort Schule und Jugend und hat hier einen «runden Tisch» gegen Jugendgewalt eingeführt, mit Erfolg, sei Aarau doch - von Ausnahmen abgesehen - «cooler», das heisse «ruhiger» geworden. Man werde die sinnvolle Aktion fortsetzen mit Prävention und Massnahmen gegen den zunehmend überbordenden Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen.

Regina Jäggi als Rohrer Kandidatin

Einzige Kandidatin aus Rohr ist Regina Jäggi, bisher Gemeindeammann im künftigen Aarauer Ortsteil. Die 52-jährige SVP-Frau bezeichnet sich als Allrounderin und als «krisenerprobt». Wählt Aarau Jäggi am 27. September nur aus «Anstand», wie Moderator Thomas Röthlin maliziös in den Raum stellte? «Nein», meinte Jäggi, sie möchte künftig auch im Rathaus das öffentliche Leben mitgestalten und findet, dass dem Aarauer Stadtrat nach acht Jahren Abstinenz ein SVP-Sitz zustehe und «gut tun würde».

Unter der Bezeichnung «neu» kandidiert der Freisinnige Hans Peter Hilfiker (der just am Podiumstermin seinen 44. Geburtstag feiern durfte). Aarau sei mit drei FDP-Stadträten «bisher sehr gut gefahren», verteidigte Hilfiker den parteipolitischen Anspruch, doch es gehe weniger um die Partei als vielmehr um einen «privatwirtschaftlichen Ansatz» in einer Regierung, die bisher praktisch nur aus Lehrern und Juristen bestanden hat. Bereits vor vier Jahren zum ersten Mal angetreten ist Erich Frensdorff («Wage es»). Der 53-jährige Wirt in der Aarauer «Waage» will mit seiner Kandidatur dafür sorgen, dass «das Volk am 27. September eine Auswahl hat», zudem wisse er dank seinem Beruf, wo an der Basis der Schuh drücke.

Vom Steuerfuss und Fusionen

Wo aber konnte das Publikum deutliche Unterschiede der Auffassungen ausmachen? Offenbar nicht bei der Finanzpolitik, hier schlossen sich sowohl Beat Blattner als auch Michael Ganz Stadtammann Marcel Guignard mehr oder minder an, der für eine «gewisse Konstanz» beim Steuerfuss (gegenwärtig in Aarau bei 94 Prozent) plädierte. Allerdings zeichneten sich bereits für das laufende Jahr «schwere Einbrüche» auf der Ertragsseite ab, die eine mittelfristige Prognose schwierig mache. In Sachen Gemeindefusionen brauche es «Fingerspitzengefühl» und den «Rückhalt der Bevölkerung» (Jäggi), während Hans Peter Hilfiker sich auch eine «verstärkte Zusammenarbeit» ohne einen gebietsmässigen und politischen Zusammenschluss vorstellen kann, um «der Stadt und Region mehr Strahlkraft» zu verleihen. Für Stephan Müller möglich ist gemäss einer Auskunft von Regierungsrat Urs Hofmann eine Fusion unter Beibehaltung der angestammten Wahlkreise, man müsste lediglich die entsprechenden Gemeindeordnungen ändern.

Umstrittene Buslinie in der Altstadt

Differenzen gab es auch bei der Frage, ob der Bus weiterhin durch die verkehrsberuhigte Altstadt fahren soll. Frensdorff will die BBA-Fahrzeuge aus dem historischen Kern verbannnen, während für Jolanda Urech «im Herzen der Stadt viele Interessen unter einen Hut zu bringen sind». Im Moment arbeite man noch immer an einem Bericht über alternative Linienführungen für den Busbetrieb im Zentrum. Entscheidend sei das Ziel, «die Attraktivität der Altstadt zu erhalten und zu förden», sagte Urech.

Bei der allgemeinen Publikumsdiskussion, die Gelegenheit für Gefälligkeits- und Fangfragen an den eigenen Favoriten oder den politischen Gegner gab, tauchten kaum neue Aspekte auf. Stephan Müller durfte immerhin die Idee eines neuen «Aarebades» lancieren, wobei er den möglichen Perimeter bis nach Rohr zog. Nicht zuletzt deshalb wolle er in den Stadtrat, «dann kann ich 30 Mitarbeiter des Bauamtes mit der Ausarbeitung solcher Ideen beschäftigen». Moniert wurde auch das zunehmende Littering im Aareraum, das allerdings «ein gesellschaftliches Problem» darstelle. Ähnliches gilt für illegale Haus- oder Landbesetzungen in Aarau. Die Stadt verfüge bereits über Angebote für den geforderten Freiraum und sei zum Gespräch bereit, «aber nur unter Einhaltung klarer Spielregeln», sagte Lukas Pfisterer.

Zehn verschiedene Wahlversprechen

Nach gut anderthalb Stunden forderte der Gesprächsleiter der AZ-Wahlarena die zehn Kandidatinnen und Kandidaten auf, in einem einzigen Satz ein «Wahlversprechen» zu formulieren.

Erich Frensdorff versicherte, er werde im Falle einer Wahl «alles daransetzen, die Arbeit korrekt zu machen», während sich Stephan Müller «jenen Geist von 1798» zurückwünscht, als das Jakobiner-Nest Aarau kurzzeitig zur Hauptstadt der Helvetik aufstieg. Jolanda Urech will «weiterhin zu den Leuten gehen» und «offen sein für neue Entwicklungen». Michael Ganz versichert, in die Erarbeitung des neuen Stadtentwicklungskonzeptes «auch Kinder, Mütter, Senioren oder Kulturschaffende einzubeziehen». Beat Blattner verspricht, das grösste Manko im jüngsten Städteranking von Aarau, die fehlende Dynamik, zu eliminieren, und zwar «vorausschauend». Marcel Guignard will die «Standortgunst von Stadt und Region erhalten und ausbauen», zusammen mit den Aarauer Nachbargemeinden, Carlo Mettauer setzt auf eine «umsichtige Sachpolitik» und erklärt, «nicht vom bisherigen Erfolgskurs abzuweichen». Lukas Pfisterer gibt das Versprechen ab, «lösungsorientiert Projekte zusammen mit der Bevölkerung zu entwickeln und zu realisieren», während Regina Jäggi «ein offenes Ohr für alle Anliegen hat» und die Entwicklung von Aarau-Rohr gemeinsam erarbeiten möchte. Hans Peter Hilfiker schliesslich sieht sich in der Pflicht, «nachhaltige Lösungen zu forcieren», die «nicht auf Kosten der folgenden Generationen gehen».

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