St. Gallen
St. Galler Behörden suchen seit 1960 verschwundene Frau

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hat anfangs Juli im Amtsblatt einen Verschollenheitsruf für Maria Theresia Wilhelm veröffentlicht, die letztmals 1960 gesehen wurde. Ihr unglückliches Leben war Vorbild für den Film «Das Deckelbad.»

Andreas Kneubühler
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Vermisst, und seit letztem Jahr auch verfilmt: Maria Theresia Wilhelm (alias Katharina Walser in «Das Deckelbad») wird nun noch offiziell gesucht.ho

Vermisst, und seit letztem Jahr auch verfilmt: Maria Theresia Wilhelm (alias Katharina Walser in «Das Deckelbad») wird nun noch offiziell gesucht.ho

zvg

Im Kanton St. Gallen läuft eine nicht alltägliche Suche. Via Amtsblatt bittet das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland seit Anfang Monat um Hinweise auf den Verbleib von Maria Theresia Wilhelm. Die Frau, die heute 104 Jahre alt wäre, wurde letztmals 1960 gesehen. «Wer Nachrichten über die Verschollene geben kann, wird ersucht, sich innert der Frist von einem Jahr zu melden», steht im Verschollenheitsruf.

Die verschwundene Frau ist inzwischen zu so etwas wie einer Person der Zeitgeschichte geworden. Über ihr unglückliches Leben veröffentlichte der Autor und «WoZ»-Redaktor Stefan Keller 1991 das Buch «Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden».

Verfilmt in «Das Deckelbad»

An ihre Geschichte lehnt sich auch die Handlung des Spielfilms «Das Deckelbad» des Werdenberger Regisseurs Kuno Bont an. Das Drama wurde an den diesjährigen Solothurner Filmtagen gezeigt und lief danach in verschiedenen Schweizer Kinos.

In Kellers Buch – wie in Bonts Film – wird geschildert, wie die lebenslustige Frau aus Vorarlberg nach einer Affäre mit dem Grabser Wildhüter Ulrich Gantenbein von der Obrigkeit drangsaliert und wie ihre Persönlichkeit in der Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg durch Elektroschocks und Deckelbäder systematisch gebrochen wurde. Zudem wurden ihr die Kinder weggenommen und dann als Pflege- oder Verdingkinder versorgt.

Am 20. Juli 1960 sei Maria Theresia Wilhelm von Grabs SG aufgebrochen, um in Buchs Schuhe zu kaufen, heisst es in Kellers Buch. Und: Es sei ein kalter Sommer gewesen, wahrscheinlich habe es geregnet. Seit jenem Tag fehlt von der damals 49-Jährigen jede Spur. Allerdings hatten die Behörden seither auch keinerlei Anstrengungen unternommen, sie zu finden.

Dies soll nun, ein halbes Jahrhundert später, zumindest via offiziellen Aufruf im kantonalen Amtsblatt, nachgeholt werden. Hinter dem Verschollenheitsruf des zuständigen Kreisgerichts steht Christina Giovanoli, die Tochter von Maria Theresia Wilhelm. Sie hat das Verfahren zusammen mit ihren Brüdern lanciert.

Versuch eines Schlussstrichs

Einerseits könne so zumindest ein gesetzlicher Schlussstrich gezogen werden, erklärte sie auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Dies sei nämlich nie geschehen. Andererseits sei der Aufruf auch so etwas wie ein weiterer Anlauf, vielleicht doch noch neue Informationen über das Schicksal ihrer Mutter zu erhalten.

Christina Giovanoli war beim Verschwinden ihrer Mutter Maria Theresia Wilhelm dreizehnjährig und hat immer wieder versucht, das Rätsel zu lösen. Oft sei sie dabei gegen Mauern angelaufen, schilderte sie.

Im Zusammenhang mit der schweizweiten Aufarbeitung der Schicksale von Verdingkindern und administrativ Versorgten konnte sie in den letzten Monaten Einblick in Akten nehmen, die ihre Eltern und sie betreffen. Sie habe darin keinen Hinweis gefunden, dass je nach ihrer Mutter gesucht wurde. «Ein Mensch verschwindet – und niemand sucht nach ihm», stellte sie fest. (sda)

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