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Die «Arena» zum Verhüllungsverbot oder: Wer am lautesten schreit, gewinnt

In der SRF-«Arena» zum Verhüllungsverbot gingen die Wogen hoch. Es ging um Feminismus und den Islam. Aber vor allem darum, wer am lautesten schreien kann.

Dennis Frasch/watson.ch
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In der Arena zum Verhüllungsverbot ging es lautstark zu und her.

In der Arena zum Verhüllungsverbot ging es lautstark zu und her.

bild: screenshot srf

Ungefähr 30 in der Schweiz wohnhafte Frauen sollen eine Niqab tragen. Also eine Vollverschleierung, bei der man nur noch die Augen sieht. Zu viel für Walter Wobmann und das Egerkinger Komitee der SVP. Die Initiative zum Verhüllungsverbot wurde gestartet, am 07. März darf die Schweizer Bevölkerung ihre Stimme dazu abgeben.

Ein bisschen früher durften die Gäste der gestrigen «Arena» ihre Meinung zu dem Thema kundtun. Die Gästeliste versprach bereits im voraus explosive Wortgefechte, und zumindest in dieser Hinsicht hat sie nicht enttäuscht.

Mitdiskutiert haben:

  • Walter Wobmann, Nationalrat SVP und Präsident des Egerkinger Komitees
  • Saïda Keller-Messahli, Präsidentin «Forum für einen fortschrittlichen Islam»
  • Fabian Molina, Nationalrat SP
  • Susanne Vincenz-Stauffacher, Nationalrätin FDP

In den ersten zehn Minuten lief noch alles ganz gesittet ab. Jeder durfte vortragen, warum er oder sie für oder gegen die Initiative ist.

Walter Wobmann griff in seinem Einstiegspladoyer zum mittlerweile etablierten Mittel des Faktenanzweifelns und erklärte, dass er nicht daran glaube, dass es nur 30 Frauen in der Schweiz seien, die sich verschleiern. Und auch wenn: «In unserem Kulturkreis zeigt man sich das Gesicht, wenn man miteinander redet».

Etwas anders sah das Susanne Vincenz: «Das ist ein absolutes Randphänomen. Hier wird Symbolpolitik betrieben», sagte sie. Setze man die Zahlen der Niqabträgerinnern in Relation, so würde man feststellen, das diese genau 0,00035 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen. «Ein dreifaches null-Thema, das auch ganz bestimmt nicht den Frauen hilft.»

Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam hingegen interessierte die Arithmetik nicht. «Das ist ein ethisches Problem». Auch wenn es nur eine Frau in der Schweiz gebe, die sich gegen ihren Willen verschleiern müsse, so sollte etwas dagegen gemacht werden.

Dass schon etwas dagegen gemacht wird, legte Fabian Molina dar. «Wenn man in der Schweiz jemanden dazu zwingt, etwas gegen seinen Willen anzuziehen, so nennt man das Nötigung und das ist strafbar». Die Initiative würde daran nichts ändern. Ganz im Gegenteil: «Man macht so Opfer zu Täter», sagte Molina. Wenn man Gewaltopfern wirklich helfen wolle, so sollte man den Opferschutz verbessern oder darüber sprechen, wie man die Nötiger besser in Griff bekommen könne. «Doch das macht die Initiative nicht, sie führt auf dem Körper der Frau eine Symboldebatte über den Islam».

Danach war fertig mit Friede Freude Eierkuchen. Wer in die Arena reingezappt hat, um sich besser über die Initiative zu informieren, konnte an dieser Stelle getrost den Fernseher wieder ausschalten. Wer sich jedoch mehr für dramaturgische Auswüchse interessierte, der kam jetzt voll auf seine Kosten. Denn fortan hiess es: Saïda Keller-Messahli gegen den Rest der Welt.

Fight 1: Keller-Messahli vs. Molina

Angestachelt durch Molinas Kommentar knüpfte sich Keller-Messahli in Runde eins gleich die gesamte SP vor. Trägerinnen von Niqabs seien keine Opfer, denn sie würden sich bewusst so kleiden wie IS-Terroristinnen. Die SP hingegen suche immer nach Opfern, welche sie beschützen kann. Mehr noch: Die Linke würde sich lieber mit Islamisten verbünden, als sich der Frage zu stellen, was für ein Frauenbild der Islam habe.

Molina liess das nicht auf sich sitzen. Die SP setze sich seit langem gegen Waffenverkäufe oder Kollaberationen mit islamistischen Regimes ein. All das hätte jedoch nichts mit der Initiative zu tun. Es sei einfach so, dass man Frauen, die dazu gezwungen werden, eine Niqab zu tragen, nicht helfen würde, wenn man sie zu Tätern mache.

Fight 2: Keller-Messahli vs. Afshar

Fast nahtlos ging es mit Runde zwei weiter. Publikumsgast Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, sagte, dass seit der Coronapandemie Millionen von Menschen eine faktische Niqab tragen würden. «So ein Blödsinn, das ist einfach stumpfsinnig!», empörte sich Keller-Messahli. Das könne man nicht vergleichen. Masken würden alle tragen, Mann sowie Frau, um sich zu schützen. Verhüllungen hingegen würden Frauen unterdrücken.

Zwischen den beiden Argumentationslinien, dass Frauen bewusst eine Uniform des IS tragen und Niqabs Frauen unterdrücken würden sollte Keller-Messahli noch einige Male wechseln.

Fight 3: Keller-Messahli vs. Ifthikar (mit Molina-Cameo)

Zuerst gab es für Keller-Messahli aber eine kleine Verschnaufspause. Währenddessen äusserte Walter Wobmann seine Sorgen über den politischen Islam in Europa und philosophierte darüber, dass «dieser schwarze Sack» den Frauen die Persönlichkeit stehlen würde.

Dann hatte Fathima Ifthikar ihren Auftritt. Und Keller-Messahli ihren Drittrundengegner. Ifthikar, die in Bern aufgewachsen ist und ein Kopftuch trägt, warf dem Ja-Lager in breitem Bärndütsch vor, massenhaft Geld für diese Initiative aus dem Fenster zu werfen. Dies mit dem Vorwand, etwas für die Frauen tun zu wollen. Gleichzeitig würden in der Schweiz die Frauenhäuser aus allen Nähten platzen.

Zum Streit mit Saïda Keller-Messahli kam es einige Minuten später. Ifthikar führte gerade aus, dass sie das Kopftuch aus eigenem Willen trägt und sie die Challenge, sich stets mehr beweisen zu müssen als andere Frauen sogar mag. Keller-Messahli sah das anders: «Wieso müssen sie in der Öffentlichkeit so ein Statement abgeben, dass ...» – woraufhin Molina dazwischenschrie: «Das geht sie nichts an!». Punkt Molina.

Fight 4: Keller-Messahli vs. Vincenz

In der letzten Runde knöpfte sich Keller-Messahli noch Susanne Vincenz vor, die bisher vom gewaltigen Stimmorgan der Keller-Messahli verschont wurde. Zum Streit kam es, als Keller-Messahli darüber referierte, in welchen europäischen Ländern bereits ein Verhüllungsverbot eingeführt wurde. Vincenz entgegnete, dass es in Frankreich trotz Verhüllungsverbot immer wieder zu tragischen Terroranschlägen komme und die beiden Dinge deswegen absolut nichts miteinander zu tun hätten. Sie warf Keller-Messahli vor, mit ihrer Argumentation Ängste zu schüren. «Wir werden mit der Annahme dieser Initiative keinen einzigen Terroranschlag verhindern können.» Keller-Messahli konterte wiederum, dass es auch in der Schweiz «im Namen des Niqabs» bereits zu Terroranschlägen gekommen sei. In Morges und Lugano zum Beispiel.

Zu einem Konsens ist es letztlich nicht gekommen. Auch ein Gewinner oder eine Gewinnerin liess sich nicht ausmachen. Höchstens zwei Verlierer: Moderator Sandro Brotz vermochte es nicht, die lautstarken Streithähne in geordnete Diskussionsbahnen zu lenken und die Debatte an sich scheiterte aufgrund dieser Umstände ebenso.