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Patrizia Laeri in Gleichstellungs-«Arena»: «Ich verstehe Leute nicht, die sagen, Gleichstellung sei erreicht – meinen die das zynisch?»

In der Gleichstellungs-«Arena» fand sich SRF-Moderator Sandro Brotz in einem Studio voller Frauen wieder. Stimmung machte dabei besonders Wirtschaftsjournalistin und Unternehmerin Patrizia Laeri – bis zu den Zähnen mit Zahlen bewaffnet.

Helene Obrist / Watson
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Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri kennt sie alle: Die Zahlen zur Gleichstellung in der Schweiz.

Wirtschaftsjournalistin Patrizia Laeri kennt sie alle: Die Zahlen zur Gleichstellung in der Schweiz.

Bild: Screenshot SRF / Montage: Watson

Nicht nur in der Frauensession im Bundeshaus war das weibliche Geschlecht am Freitag in der Überzahl, auch am Leutschenbach lud Moderator Sandro Brotz zur Gleichstellung-Arena in eine reine Frauenrunde.

Journalistin und Unternehmerin Patrizia Laeri, Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter, SP-Nationalrätin Gabriela Suter und SVP-Nationalrätin Monika Rüegger kreuzten dabei die Klingen und tauschten sich zuerst über Sinn und Unsinn der Frauensession aus.

Erfreut über die Diversität in der Frauensession sei sie gewesen, schwärmt SP-Frau Suter. Auch Laeri, die im Vorfeld bei einigen Kommissionssitzungen der Frauensession dabei war, sagt: «Die Gespräche waren sehr konstruktiv und es gab keinerlei Machtspiele.»

Weniger begeistert zeigte sich SVP-Nationalrätin Rüegger. Zu links sei die Frauensession gewesen, Vertreterinnen aus rechten Lagern habe es kaum gegeben. «Das widerspiegelt nicht die Schweiz, weil es gibt nicht nur linke Frauen. Es wird nur Symbolpolitik gemacht.» Auch Schneider-Schneiter zeigt sich eher kritisch. Die Frauensession sei wichtig, so die Mitte-Nationalrätin. «Aber ich würde mir wünschen, dass auch Männer mehr Raum erhalten würden, sich zum Thema Gleichstellung zu äussern.»

Kein weiblicher CEO in top SMI-Unternehmen

So geht es noch eine Weile weiter. Die Zuschauenden brauchen einiges an Geduld, bis wirklich konkrete Gleichstellungs-Themen diskutiert werden. Erst im zweiten Drittel beginnt eine gehaltvollere Debatte. Und damit auch Laeris Sternstunde. Nach einer kurzen Präsentation der Frauenanteile in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft mittels Erklärvideo der «Arena»-Redaktion ist die Wirtschaftsjournalistin on fire, wie man auf Neudeutsch sagen würde.

Denn Laeri, die Herrin der Zahlen, kennt sie alle im Schlaf. Der Anteil Professorinnen an Schweizer Universitäten? 25 Prozent! Der Anteil Frauen in Verwaltungsräten bei den grössten Schweizer Unternehmen? 24 Prozent! Der Anteil weiblicher CEOs in den grössten SMI gelisteten Unternehmen? 0 Prozent!

Und mit den Zahlen im Rücken holt sie zum Rundumschlag aus: «Ich verstehe Leute nicht, die sagen, die Gleichstellung sei erreicht. Meinen die das zynisch? Oder können sie einfach nicht rechnen? Was kann man an der Zahl 0 denn nicht verstehen?», poltert die Ökonomin in die Runde und erntet dafür gar Applaus aus männlichen Zuschauerhänden.

Schneider-Schneiter in gewohnter Mitte-Manier versucht zu beschwichtigen: «Wir haben punkto Gleichstellung schon viel erreicht, der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen wächst. Wir sollten auch die Fortschritte einmal beachten!» Gewachsen sei der Frauenanteil nur, weil börsenkotierte Unternehmen seit Anfang Jahr dazu verpflichtet seien, 20 Prozent weibliche Angestellte in der Geschäftsleitung haben müssen, fügt SP-Nationalrätin Suter darauf trocken an.

Das bringt Moderator Brotz zur einstweilig konkreteren Frage, ob Freiwilligkeit denn die Gleichstellung weiter bringe, oder ob es verbindliche Frauenquoten in der Wirtschaft brauche. Wenig überraschend läuft es SVP-Nationalrätin Rüegger beim Wort ‹Quoten› kalt den Rücken runter. Ein Rückschritt sei das. «Wir Frauen hätten es doch in der Hand. Wir haben die beste Ausbildung, alles steht uns offen. Wir brauchen doch niemanden, der uns am Schluss noch die Tür ins Geschäftsleitungsbüro aufmacht.»

Schweiz gibt für Kinder achtmal weniger als OECD-Länder

Rechts neben Rüegger entgleisen Journalistin Laeri beinahe die Gesichtszüge. «Mathematisch ist das Problem ganz klar detektiert. Frauen und Männer haben im Durchschnitt genau den gleichen Intelligenzquotienten. Dennoch ist dort, wo die Macht kumuliert ist, keine einzige Frau anzutreffen», redet sich Laeri nach Rüeggers Statement erneut in Rage. Das Instrument, um dieses Problem zu lösen, sei eine Quote. «Von mir aus auch gern temporär. Aber ich habe einfach keine Zeit mehr darauf zu warten, dass freiwillig etwas passiert.»

Bevor Laeri mit ihren Statistiken noch weitere Studiogäste in Grund und Boden reden kann, wechselt der einmal ziemlich zurückhaltende Brotz zum nächsten Themenblock: Kinderbetreuung.

Schneider-Schneiter plädiert für ein Tagesschulmodell, dass Eltern und vor allem Müttern die Möglichkeit geben, auch weiterhin berufstätig zu bleiben. Nicht nur, weil Mütter damit auch fürs Alter vorsorgen können. «In wenigen Jahren ist unser Arbeitsmarkt dermassen ausgetrocknet, dass wir auf weibliche Fachkräfte zwingend angewiesen sind», so die Mitte-Nationalrätin.

Doch auch hier hat Laeri, die Fachfrau für Finanzen, wie sie Moderator Brotz schelmisch bezeichnet, die passende Zahl bereit: 600 Millionen Franken lasse sich die Schweiz Kinder kosten. Das sei 20 Mal weniger als skandinavische Länder, achtmal weniger als die OECD-Länder. «Damit gibt die Schweiz mehr Geld für Kühe als für Kinder aus.»

Gleichstellung: «Ende noch nicht in Sicht»

Mehr Geld in Kinder respektive deren Erziehung zu stecken, davon will Kontrahentin Rüegger nichts wissen. «Ich will nicht, dass der Staat plötzlich die Rolle der Mutter übernimmt und Kinder erzieht», konstatiert die SVP-Frau. Sie selbst habe sich anfangs zu Hause um ihre Kinder gekümmert bis sie in die Politik eingestiegen sei. Dieses Mal ist es SP-Nationalrätin Gabriela Suter, die versucht zu vermitteln: «Alle Familienmodelle sollten möglich sein. Wir müssen aber das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie irgendwie lösen.»

Zu guter Letzt versucht es Moderator Brotz noch mit einem letzten Thema: Gender Budgeting. Dabei sollen alle Ausgaben des Staates darauf untersucht werden, ob sie die Gleichstellung der Geschlechter verstärken oder eher verschlechtern.

Doch die Diskussion scheitert kläglich an der Unbekanntheit des Begriffs. Rüegger und Schneider-Schneiter sind nur vage mit Gender Budgeting vertraut. Die einzige, die auch hier abliefern kann, ist erneut Laeri. Doch weil Brotz seine Berufskollegin nicht alleine mit sich debattieren lassen will, zieht er schon bald die Reissleine und wendet sich an die Gäste in den hinteren Reihen für ein Sendefazit. Eine Schülerin aus Obwalden liefert darauf diplomatisch ab: «Die Gleichstellung hat Fortschritte gemacht. Aber das Ende ist noch lange nicht in Sicht.»

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