Coronavirus

Sprühtrupps im öffentlichen Verkehr: Die Schweiz bezweifelt den Nutzen

In Schutzanzügen reinigen Arbeiter eine U-Bahn in Südkorea.

In Schutzanzügen reinigen Arbeiter eine U-Bahn in Südkorea.

China und andere Länder desinfizieren Busse und Züge mit grossem Aufwand. In der Schweiz setzen die Bahn- und Busunternehmen im Kampf gegen das Coronavirus auf gründliche Reinigung.

Die Bilder sind eindrücklich. Putztrupps in Schutzanzügen desinfizieren in China Züge und Busse rigoros. In Shenzhen passiert dies scheinbar alle zwei Stunden, wie das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» berichtet.

Auch in Südkorea, Italien oder Spanien treten Reinigungskräfte mit Sprühgeräten in Aktion, damit sich die Passagiere nicht mit dem Coronavirus anstecken. Die italienischen Staatsbahnen stellen den übrig gebliebenen Gästen Desinfektionsmittel zur Verfügung.

Indonesien: Mit Desinfektions-Drohnen gegen das Coronavirus

Indonesien: Mit Desinfektions-Drohnen gegen das Coronavirus (29. März)

Indonesien kämpft mit Drohnen gegen die Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19. In der Hauptstadt Jakarta werden die Fluggeräte zur grossflächigen Desinfektion genutzt.

Klar ist: Das Virus kann auf Oberflächen und Gegenständen haften bleiben. Wie lange es dort ansteckend bleibt, darüber liegen laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) derzeit keine exakten Erkenntnisse vor. Doch wie sinnvoll ist die grossflächige Desinfektionen von Bahnen und Bussen? Beda Stadler, emeritierter Professor für Immunologie an der Universität Bern, steht dieser Idee skeptisch gegenüber:

Viren könnten einige Tage existieren, aber deren Konzentration sinke stetig, sagt Stadler. «Damit sie an einem Türgriff für längere Zeit haften bleiben würden, müsste man Speichel darauf schmieren.» An trockener Oberfläche würden Viren nicht lange überleben. An einem Autotürgriff im Sonnenlicht werde ein Virus innert weniger Minuten abgetötet. Anstatt in Zügen und Bussen Desinfektionstrupps aufmarschieren zu lassen, schlägt er «kreativere» Massnahmen vor:

  • Busse und Zugabteile heizen, und eventuell Lampen mit Ultraviolettstrahlung einsetzen. So können Viren unschädlich gemacht werden.
  • ÖV-Passagiere öffnen Türen mit den Ellbogen und/oder ziehen den Ärmel über die Hand, damit die Viren nicht mit der Haut in Berührung kommen.
  • ÖV-Passagiere waschen sich nach Bus- und Zugfahrten mit Desinfektionsmittel die Hände.

Das Bundesamt für Gesundheit taxiert derweil das Versprühen von Desinfektionsmitteln in Zügen oder auf Bahnhöfen als eine «wirkungslose Massnahme», wie ein Sprecher gegenüber der NZZ sagte. Man stecke sich nicht primär im Kontakt mit Viren auf Trottoirs oder Wänden an, sondern beim Kontakt über Tröpfchen von Mensch zu Mensch oder via kontaminierte Oberflächen. Anstatt für die Desinfektion ganzer Züge viel Desinfektionsmittel zu verbrauchen, sei es besser, häufig berührte Stellen regelmässig zu reinigen. Diese Losung setzen die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs denn auch um. «Alle Züge und öffentlichen Bereiche in Bahnhöfen der SBB werden auch weiterhin mehrmals täglich gereinigt, insbesondere Oberflächen im Bereich Einstieg, Fahrgastraum und WC», sagt Sprecher Martin Meier. In der Nacht werden die Züge zudem wie bisher gründlich gereinigt.

Nachfrage ist eingebrochen

Auch die BLS setzt auf Gründlichkeit. «Unsere Züge und Busse in der Schweiz werden mehrmals täglich mit Reinigungsmittel mit desinfizierender Wirkung gereinigt», sagt Sprecher Stefan Dauner. Im Fokus stünden Kontaktpunkte wie Griffe, Türöffner, Armlehnen oder Tischflächen. In den Bussen der BLS bleibe die vorderste Tür geschlossen und der Ticketverkauf durch das Fahrpersonal sei eingestellt.

Die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Verkehr hat sich ohnehin entschärft. Durch die verschiedenen Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus ist die Nachfrage um mehr als 80 Prozent eingebrochen. Der Bund empfiehlt, Fahrten in Zügen und Bussen wenn möglich zu vermeiden – und konsequent die Hygiene- und Abstandsregeln umzusetzen.

Desinfektionstücher für die Postautochauffeure

Auch die Postauto AG putzt ihre Fahrzeuge täglich und noch intensiver als vor Ausbruch der Coronapandemie. «Zudem hat das Fahrpersonal Desinfektionstücher zur Reinigung des Fahrerarbeitsplatzes erhalten», sagt Sprecher Urs Bloch. Zur Sicherheit der Passagiere öffnen sich die Türen an Haltestellen, ohne dass dafür der Halteknopf gedrückt werden muss.

Das Bundesamt für Gesundheit kann die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs verpflichten, Massnahmen im Kampf gegen eine Pandemie umzusetzen. Innerhalb der Transportunternehmen haben die SBB für den Schienen- und die Postauto AG für den Strassenverkehr die Systemführerschaft inne. Das bedeutet, dass sich alle anderen Unternehmen an deren Vorgaben orientieren.

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Autor

Kari Kälin

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