Und sie scheiterten alle. Vor Jahresfrist war Paul Rechsteiner ein gefragter Mann. Er galt als Mitarchitekt der (mittlerweile vom Volk abgelehnten) Rentenreform 2020. Als gewiefter Stratege, der einen Ausbau der AHV in die Vorlage einbringen konnte. Als Ständerat arbeitete der Gewerkschaftsboss am Gesetz direkt mit, während der Arbeitgeberverband von aussen her Einfluss nehmen musste. Porträts über Rechsteiner erschienen auf allen Kanälen.

Doch der Versuch, den Menschen Rechsteiner zu erfassen, gelang niemandem. Denn der St. Galler SP-Ständerat redet nicht gerne über sich, sondern lieber über Mindestumwandlungssatz, Koordinationsabzug oder Altersgutschriften. Rechsteiner punktet nicht mit Charisma oder brillanter Rhetorik. Hölzern und spröde wirkt er.

Seine Waffen beschrieb er am Mittwoch Interview mit dem «St. Galler Tagblatt» selbst: «Zentral sind Argumentationskraft, Kenntnisse und Erfahrung.» Via Zeitung gab er bekannt, dass er 2019 wieder zu den Ständeratswahlen antreten wird – aber als Präsident des Gewerkschaftsbundes (SGB) Ende November abtritt.

1998 wurde Rechsteiner in dieses Amt gewählt. Es war ein Bruch mit der Tradition. Erstmals stand nicht mehr der Präsident eines Mitgliederverbandes an der Spitze des SGB. Präsident sollte ein «politischer Kopf» werden, der dem Bundesrat und dem Parlament Dampf macht. Rechsteiner galt schon 1998 als scharfer Linker, leidenschaftlicher Nationalrat und schnelldenkender Jurist. Kritische Stimmen fragten einzig, ob es diesem «Externen» nicht an einer Hausmacht fehlen würde.

20 Jahre später hat sich diese Frage geklärt. Heute fragt man sich, welche ähnlich starke Figur Rechsteiner nach dieser langen Zeit ersetzen könnte. Der Name Corrado Pardini fällt – vor allem deshalb, weil er als Unia-Geschäftsleitungsmitglied auch im Nationalrat sitzt. Der SP-Politiker wollte sich gestern nicht zu seinen Ambitionen äussern – sondern lieber über den abtretenden Präsidenten reden.

«Paul Rechsteiner hat den SGB strategisch neu aufgestellt und die Wende gebracht: weg von einer konservativen hin zu einer progressiven Gewerkschaftspolitik.» Er habe nicht nur aus der Defensive agiert, sondern auch Fortschritte erkämpft. «Noch nie gab es so viele Lohnkontrollen wie heute und eine derartige Ausdehnung von Gesamtarbeitsverträgen», sagt Pardini.

Er spricht damit die Einführung der flankierenden Massnahmen (Flam) zur Personenfreizügigkeit an. Tatsächlich hatte Rechsteiner die Unterstützung der Gewerkschaften für die bilateralen Verträge mit der EU von Massnahmen zum Schutz der Löhne abhängig gemacht. Rechsteiner selbst bezeichnet die «Flam» als «historisch», lobt dabei aber auch die Rolle des damaligen Wirtschaftsministers Pascal Couchepin.

Als weiteren Erfolg nennt der Gewerkschafter die Kampagnen gegen Niedriglöhne. Bei seinem Amtsantritt 1998 gab Rechsteiner die Devise aus: «Keine Löhne unter 3000 Franken.» Später lancierten die Gewerkschaften die Initiative für einen Mindestlohn von 4000 Franken. Sie wurde zwar deutlich abgelehnt, indirekt entfaltete das Volksbegehren aber eine Wirkung.

Erfolg über Misserfolg

Bleiben die Sozialwerke. Hier ist Rechsteiners Bilanz durchzogen. Bei der IV wurde in den letzten Jahren gespart, nicht ausgebaut. Höhere AHV-Renten stoppte das Volk im letzten Herbst. Rechsteiner lässt sich von dieser Niederlage nicht beirren. «Das Thema ist gesetzt.» Sinkende Renten in der Pensionskasse seien «sozialer Sprengstoff» und die AHV eben eine günstige Alternative.

Am SGB-Kongress 2010 hatte Rechsteiner als Ziel höhere AHV-Renten ausgerufen. Er sprach von einem Zeithorizont von 10 bis 15 Jahren. Diese Zeit ist noch nicht um. Schafft Rechsteiner 2019 die Wiederwahl als Ständerat, wird er die Sozialkommission präsidieren und damit bei der nächsten Rentenreform eine Schlüsselrolle innehaben. Dann wird er zwar nicht mehr Gewerkschaftsboss sein, seine Ziele werden jedoch die gleichen sein. Wie sagte er bei seinem Amtsantritt: «Der Weg zum Erfolg führte in der Geschichte der Arbeiter-Bewegung oft über Misserfolge. Wer grosse Ziele verfolgt, kann nicht damit rechnen, dass alles immer auf Anhieb glattgeht.»