Irgendwie ist es tragisch: Jetzt, wo der Sprachatlas der deutschen Schweiz einigermassen fertig ist und man sich auch den Kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz zum Hausgebrauch erwerben kann, wird er zum historischen Dokument. Man weiss jetzt, wo es «Anke» heisst und wo «Butter». Aber all die wunderbaren Wörter drohen in den passiven Wortschatz abzudriften.

Ich sage den Kindern, sie sollten das «Öpfelbütschgi» doch nicht in den Papierkorb werfen. Immerhin, verstehen tun sie es noch. Wie aber werden sie ihren Kindern sagen, wie diese mit dem Apfelrest verfahren sollen? Dabei ist es doch so einfach: Je grösser die Reichweite einer Sprache, desto gefährdeter sind ihre regionalen Eigenheiten.

Die Mobilität hat in der Schweiz nicht abgenommen. Man kann hoffen, dass sich das «Bütschgi» erhält und nicht «Öpfelräschte» oder so was in Gebrauch kommt. Aber behördlich verordnen? Wir lachen heute auch über «Gesichtserker» und «Schlauchapfel». Zu Recht.

Sprache gehört zur Kultur und Kultur zur Identität. Wenn man fordert, dass Kultur nicht für Identitätspolitik missbraucht werden soll, spricht das nicht gegen die Kultur und schon gar nicht gegen die Mundart. Aber gegen Politik.

Das Schweizerdeutsch und das Deutsch der Schweizer. Der emeritierte Zürcher Germanistikprofessor Peter von Matt hat die Debatte mit einem polemischen Artikel im «Tages-Anzeiger» wieder angestossen. Und siehe da: Die alten Reflexe funktionieren noch. Mit dem Ergebnis, dass uralte Verwirrung wieder Einzug hält. Über Sprachen zu sprechen, ist eben nicht einfach.

Da wäre einmal der Gegensatz «Schweizerdeutsch» – «Hochdeutsch». Der ist nur so lange sinnvoll, als man damit meint, dass die Schweizer etwas anders sprechen als die «Schwaben» aus dem grossen Kanton. Nur: Das Deutsch, das in der Schweiz gesprochen wird, ist in sich ebenso vielfältig wie das Deutsch, das in Deutschland gesprochen wird.

«Hochdeutsch» lässt anklingen, es sei etwas Hochstehenderes als Mundart. Aber das ist Nonsense. «Standardsprache» ist zwar ein Wortungetüm, aber es sagt wenigstens klar, was es ist, dass es nämlich um ein mehr oder weniger künstliches Idiom geht. Ein standardisiertes Produkt eben, mit Grammatik und der mühsamen Unterscheidung von korrekt und falsch.

Die SVP und ihre Sympathisanten sind flugs aufs Zügli aufgesprungen. Wer nicht wisse, dass «die sprachliche Abgrenzung gegenüber dem übermächtigen Deutschland (...) zu den Konstanten des helvetischen Selbstbewusstseins» gehöre, habe nicht begriffen, wie die Mundart den Schweizern Identität verleihe, trompetete die «Weltwoche». Ursache oder Wirkung? Ein «Tagi»-Leser monierte gar, wir stammten doch von den Helvetiern ab und nicht von den Germanen. Und wie sprachen die alten Helvetier? Eben.

Auch die Alemannen helfen nicht viel weiter. Vielleicht haben sie früher unter anderem etwas gesprochen, was mit den in der Schweiz gesprochenen Dialekten zu tun hat. Aber das stimmt genauso für den Süden Deutschlands.

Dass das «Hochdeutsche» nicht unsere Muttersprache sei – der Satz öffnet Abgründe. «Hochdeutsch« ist niemandes Muttersprache. Dabei wäre es doch so einfach – und Professor von Matt sagt es auch: Wir wachsen doch mit beidem auf. Und es hat schlicht keinen Sinn, das eine dem anderen gegenüber auszuspielen. Der grösste Unterschied liegt darin, dass man beim einen Fehler machen kann. Dass es sehr schwierig ist, Mundart zu verschriftlichen, hat wahrscheinlich vor allem damit zu tun, dass es das «Schweizerdeutsche» eben nicht gibt, gar nicht geben soll. Es gibt Mundartliteratur, auch gedruckte und durchaus manchmal auch lesbare. Aber da hilft es sehr, vorher zu wissen, in welchem Dialekt da gedichtet worden ist.

Fehlt noch der Aufstieg ins Metaphysische. «Haus des Seins», «Sprache des Herzens» – dem Dialekt werden gar wundersame Fähigkeiten angedichtet. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger war es, der von den Sprachen, die sich am besten zur philosophischen Wahrheitssuche eigneten, besonders das Deutsche als dem Altgriechischen ebenbürtig adelte. Wenn man unter «Philosophie» raunendes Etymologisieren versteht, dürften sich überall versierte «Muttersprachler» finden, die ebenso raffinierte Entdeckungen zu machen imstande sind wie die Enthüllung der «Wahrheit» als «Unverborgenheit» (griechisch Ale-theia) oder Ähnliches.

Versteht man aber unter Philosophie das menschliche Gespräch über die eigenen Existenz- und Erkenntnisbedingungen und dergleichen, wird man darauf achten, dass das Gespräch eben nicht innerhalb der eigenen Dialektgrenzen bleibt. Etwa so, wie ein berühmter Philosoph empfahl, einen Gedanken erst mal auf Latein zu formulieren, um zu sehen, ob er etwas tauge.

Der ganze Komplex «Gibt es ein Denken ausserhalb jeder Sprache?» oder «Prägt nicht meine Sprache meine Wahrnehmung von Welt?» ist ziemlich verwickelt. Verschiedene Kulturen unterscheiden sich nicht zuletzt in ihrer Art der Weltwahrnehmung, das ist unbestritten. Aber in der Regel ist es möglich, sich darüber zu verständigen – in einer andern Sprache. Und wenn es nicht so gut geht? Dann heisst das nicht, dass das schlecht sei oder nicht gemacht werden sollte.

Aber man muss sich halt bewusst sein, dass Mundartgebrauch einschränkt. Wenn nicht beim Denken, dann sicher beim Mitteilen. Oder anders gesagt: Die Lehrpersonen im Kindergarten (dass sie nicht «Tanten» genannt werden wollen, einverstanden, aber so?) wissen selber am besten, wie sie es ihren Kindern sagen. Herrn Schlüer lieber nicht fragen. Vielleicht manchmal doch eher schon in Standarddeutsch. Ist ja keine Hexerei. (Nur noch zum Spracherwerb: Die ersten Worte in Hochdeutsch früher waren sicher «Hände hoch!» und «Du hast mich erwischt, Joe». Wenigstens unter Buben, die heute «Jungs» heissen. Und kaum im Kindergarten gelernt.)

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