Medikamentenmangel
Spitäler brechen immer mehr Chemotherapien ab

Der Mangel an Krebsmedikamenten nimmt immer grössere Ausmasse an – und es ist keine Besserung in Sicht. Die Branche verweist auf den Kostendruck und komplizierte Produktionsprozesse.

Stefan Schmid
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Am Kantonsspital Aarau mussten einzelne Chemotherapien medizinisch neu zusammengesetzt werden

Am Kantonsspital Aarau mussten einzelne Chemotherapien medizinisch neu zusammengesetzt werden

HO

Der Mangel an Krebsmedikamenten hat konkrete Folgen: An Schweizer Spitälern müssen immer mehr Chemotherapien abgebrochen werden. «Es handelt sich nicht mehr um Einzelfälle», sagt Enea Martinelli, Chefapotheker am Spital Interlaken. Immer öfter müssten sogenannte Second-Line-Therapien mit Ersatzpräparaten durchgeführt werden. Auch Franco Cavalli, Tessiner SP-Politiker und international renommierter Krebsspezialist, bestätigt auf Anfrage: «Wir haben nur dank Hamsterkäufen Engpässe verhindern können. Doch die Situation ist angespannt.»

Ausweichen auf teurere Präparate

Chemotherapien werden imemr teurer

Die Pharmafirmen orientieren sich mit ihrer Preispolitik weitgehend an den Vereinigten Staaten, wo zwei Drittel aller Medikamente abgesetzt werden. Laut dem Tessiner Krebsspezialisten Franco Cavalli hätten die republikanischen Präsidenten unter Einfluss der US-Pharmaindustrie eine Preiskontrolle stets abgelehnt. Und auch Präsident Barack Obama habe aufgrund massiven Drucks der Pharmaindustrie entsprechende Pläne im Rahmen seiner Gesundheitsreform wieder fallen gelassen. Die Folge davon: Der amerikanische Markt ist für die Pharma lukrativer als die meisten anderen Märkte.
Doch auch in der Schweiz, die sich bei den Arzneimittelpreisen an sechs vergleichbaren europäischen Ländern orientiert, sind die Preise in den letzten Jahren teilweise stark gestiegen. So habe in der Schweiz eine einmonatige Chemotherapie vor 15 Jahren zwischen 600 und 700 Franken gekostet. Vor zehn Jahren sei der Preis auf 3000 Franken gestiegen. Aktuell liegt er laut Chef-Onkologe Cavalli bei 12 000 Franken. Eine durchschnittliche Chemotherapie koste hierzulande rund 170 000 Franken - «Kosten, die das Schweizer Gesundheitssystem bald nicht mehr tragen kann», befürchtet Cavalli.
Gesundheitsminister Alain Berset habe daher richtig gehandelt, als er jüngst den Euro-Umrechnungskurs für Medikamente von Fr. 1.58 auf Fr. 1.29 gesenkt habe. «Viel mehr kann er allerdings nicht tun», sagt Cavalli. (ssm)

Eine medizinische Gefährdung der Patienten habe zu keiner Zeit bestanden. Chefonkologe Franco Cavalli teilt die Einschätzung seines Aargauer Kollegen: «Die Spitäler unternehmen derzeit alles, damit die Patienten nichts merken.» Die Qualität der Ersatzpräparate sei gleichwertig. Die Therapien könnten nach wie vor durchgeführt werden. Allerdings seien diese oft «wesentlich teurer» als jene mit den Originalpräparaten. Und auch die Ersatzbeschaffung der Medikamente im Ausland sei viel aufwendiger.

Ein internationales Phänomen

Die Verknappung gewisser Krebsmedikamente ist ein internationales Problem, das sich weiter verschärfen dürfte. Pharmafirmen machen dafür komplizierte Produktionsprozesse aufgrund regulatorischer Anforderungen verantwortlich. Gewisse Präparate würden nur einmal im Jahr hergestellt. Steige die Nachfrage stark an, dann könne die Produktion häufig nicht sofort hochgefahren werden. Die Branche verweist aber auch auf den Kostendruck. Die Produktion gewisser Präparate lohne sich daher ökonomisch nicht mehr.

Chefarzt Cavalli sieht das anders: «Die Pharma maximiert ihre Gewinne.» Medikamente würden vor allem dort angeboten, wo die Preise am höchsten seien – in den USA. Besonders ärgerlich sei, dass gute, aber ältere und deshalb billigere Medikamente laufend aussortiert oder reduziert werden. «Die Pharma zwingt uns, laufend teurere Medikamente zu kaufen.» Die leicht verbesserte Qualität der neuen Medikamente stehe in keinem Verhältnis zu den massiv höheren Preisen.

Angesichts der Situation reagiert der Bund jetzt. Das Bundesamt für Gesundheit richtet eine «Plattform Versorgungssicherheit Medikamente» ein. Die erste Sitzung findet am 29.Mai statt. Eingeladen sind Vertreter von Spitälern, Zulassungsbehörden und Kantonen.

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