Der Mangel an Krebsmedikamenten hat konkrete Folgen: An Schweizer Spitälern müssen immer mehr Chemotherapien abgebrochen werden. «Es handelt sich nicht mehr um Einzelfälle», sagt Enea Martinelli, Chefapotheker am Spital Interlaken. Immer öfter müssten sogenannte Second-Line-Therapien mit Ersatzpräparaten durchgeführt werden. Auch Franco Cavalli, Tessiner SP-Politiker und international renommierter Krebsspezialist, bestätigt auf Anfrage: «Wir haben nur dank Hamsterkäufen Engpässe verhindern können. Doch die Situation ist angespannt.»

Ausweichen auf teurere Präparate

Am Kantonsspital Aarau, wo monatlich zwischen 500 und 600 Chemotherapien durchgeführt werden, ist es derweil gemäss Patienteninformationen, die der az zugetragen wurden, zu Abbrüchen von Chemotherapien gekommen. Chefarzt Martin Wernli vom Zentrum für Onkologie, Hämatologie und Transfusionsmedizin beschwichtigt auf Anfrage: In den vergangenen zwölf Monaten sei die Patientenzahl «an einer Hand» abzuzählen, bei der das Spital vom ursprünglichen Plan wegen Lieferproblemen von Chemotherapiemedikamenten abweichen musste. «Einmal wurde eine Behandlung auf die folgende Woche verschoben und vereinzelt sind wir auf ein anderes, jedoch als gleichwertig beurteiltes Präparat ausgewichen», sagt Wernli.

Eine medizinische Gefährdung der Patienten habe zu keiner Zeit bestanden. Chefonkologe Franco Cavalli teilt die Einschätzung seines Aargauer Kollegen: «Die Spitäler unternehmen derzeit alles, damit die Patienten nichts merken.» Die Qualität der Ersatzpräparate sei gleichwertig. Die Therapien könnten nach wie vor durchgeführt werden. Allerdings seien diese oft «wesentlich teurer» als jene mit den Originalpräparaten. Und auch die Ersatzbeschaffung der Medikamente im Ausland sei viel aufwendiger.

Ein internationales Phänomen

Die Verknappung gewisser Krebsmedikamente ist ein internationales Problem, das sich weiter verschärfen dürfte. Pharmafirmen machen dafür komplizierte Produktionsprozesse aufgrund regulatorischer Anforderungen verantwortlich. Gewisse Präparate würden nur einmal im Jahr hergestellt. Steige die Nachfrage stark an, dann könne die Produktion häufig nicht sofort hochgefahren werden. Die Branche verweist aber auch auf den Kostendruck. Die Produktion gewisser Präparate lohne sich daher ökonomisch nicht mehr.

Chefarzt Cavalli sieht das anders: «Die Pharma maximiert ihre Gewinne.» Medikamente würden vor allem dort angeboten, wo die Preise am höchsten seien – in den USA. Besonders ärgerlich sei, dass gute, aber ältere und deshalb billigere Medikamente laufend aussortiert oder reduziert werden. «Die Pharma zwingt uns, laufend teurere Medikamente zu kaufen.» Die leicht verbesserte Qualität der neuen Medikamente stehe in keinem Verhältnis zu den massiv höheren Preisen.

Angesichts der Situation reagiert der Bund jetzt. Das Bundesamt für Gesundheit richtet eine «Plattform Versorgungssicherheit Medikamente» ein. Die erste Sitzung findet am 29.Mai statt. Eingeladen sind Vertreter von Spitälern, Zulassungsbehörden und Kantonen.