Atomverhandlungen
Spionage in Schweizer Luxushotels – steckt Israel dahinter?

Die Atomgespräche mit dem Iran in Genf sollen mithilfe eines Computervirus ausspioniert worden sein, die Bundesanwaltschaft hat ein Verfahren eröffnet. Überraschend ist das nicht: Spionage ist in der Schweiz an der Tagesordnung.

Dennis Bühler und Stefan Schmid
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Der iranische Aussenminister Mohammad Javad Zarif und sein amerikanischer Kollege John Kerry bei der Endrunde der Atomverhandlungen in Genf.

Der iranische Aussenminister Mohammad Javad Zarif und sein amerikanischer Kollege John Kerry bei der Endrunde der Atomverhandlungen in Genf.

Keystone

Dank Edward Snowden, dem ehemaligen CIA-Mitarbeiter in Genf, weiss es die ganze Welt: Ausländische Spione mögen die Schweiz. Der US-Geheimdienst NSA betreibt in der UNO-Stadt eine Abhöranlage. Auch andere Staaten spionieren gezielt am Genfersee. Das kommt nicht von ungefähr: Genf ist ein beliebter Konferenzort, internationale Organisationen sind dort ansässig. Das Interesse an geheimen Informationen ist daher besonders hoch.

Das «Wall Street Journal» macht nun einen neuen Fall publik, der weltweit für Schlagzeilen sorgt: Der israelische Geheimdienst Mossad soll die hochkarätig besetzten Atom-Verhandlungen von Anfang Jahr mit dem Iran ausspioniert haben. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat nach Hinweisen des Schweizer Geheimdienstes NDB Ermittlungen wegen verbotenen Nachrichtendiensts aufgenommen. Verteidigungsminister Ueli Maurer, oberster Chef des NDB, zeigte sich gestern nicht überrascht: «Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen, auch bei uns sind ausländische Geheimdienste aktiv.» Solche Vorgänge seien auf internationalem Parkett «leider an der Tagesordnung».

Was ist ein Trojaner?

Damit gemeint ist ein Computerprogramm, das als nützliche Anwendung getarnt ist, im Hintergrund aber ohne Wissen des Nutzers andere Funktionen ausübt. Auf diese Weise können beispielsweise Daten gestohlen und den Nutzer über die Webcam seines Computers ausspioniert werden. Der Name geht auf das trojanische Pferd der griechischen Mythologie zurück. Um die Stadt Troja einzunehmen, bedienten sich die Griechen einer List: Sie schenkten den Bewohnern ein grosses hölzernes Pferd, in dessen Innern sich Soldaten versteckten. Diese kamen nachts aus ihrem Versteck und liessen den unvorbereiteten Gegnern keine Chance.

Die Geschichte liest sich wie ein Spionage-Krimi: Jeweils zwei, drei Wochen, bevor sich der Iran, die fünf UNO-Vetomächte USA, Russland, China, Grossbritannien, Frankreich sowie Deutschland in Genf, Lausanne, Montreux, München oder Wien zu internationalen Atomgesprächen treffen, werden die Spione aktiv. Sie infiltrieren den Virus Duqu 2.0 in die Computer der Luxushotels, wo die hochrangigen Politiker und Unterhändler absteigen. Bleibt der Virus unerkannt, können sich die Spione in die Videos einhacken, welche die Hotel-Überwachungsanlagen aufzeichnen. Sie können die Telefone in den Zimmern abhören. Sie können sich in die Computer der Rezeption einwählen. Sie können das WLAN-Netzwerk überwachen. Ja sie können sich sogar in die Mikrofonanlagen einwählen, die in den Hotellifts installiert sind. So berichtet es das «Wall Street Journal» in seiner Mittwochsausgabe.

Die Spionagefälle entdeckt hat die in Moskau beheimatete IT-Sicherheitsfirma Kaspersky, die mit ihren Antiviren-Programmen Hunderte Millionen Computer weltweit vor Eindringlingen zu schützen versucht. Ausgerechnet diese Programme erwiesen sich nun als anfällig für den Duqu-Virus. Unbekannte Hacker hätten das Unternehmen über Monate ausgespäht, gab Kaspersky am Mittwoch bekannt. Zuerst sei ein Firmencomputer in Asien angegriffen worden. Sei der Virus erst einmal innerhalb des Netzwerks gewesen, habe er langsam von einem Computer auf den nächsten übergegriffen. «Wir haben nie etwas Vergleichbares gesehen. Dies ist eine neue Generation», sagte Firmengründer Eugene Kaspersky auf einer Pressekonferenz.

Schweizer Hotels betroffen

Schliesslich landete der Virus – sehr gezielt – in den Computersystemen dreier europäischer Luxushotels. Kaspersky habe Millionen der vom Unternehmen geschützten Computer weltweit überprüft, doch wurden nur ganz wenige Systeme infiziert. Darunter drei der sechs Hotels, in denen jeweils die Teilnehmer der Atomverhandlungen abstiegen. Vier dieser Hotels liegen in der Schweiz: das Beau-Rivage Palace in Lausanne, das Royal Plaza in Montreux sowie das Intercontinental und das Hotel President Wilson in Genf. Welche dieser Hotels betroffen waren, gibt Kaspersky nicht bekannt.

Im Frühjahr 2015 wurde der Schweizer Nachrichtendienst (NDB) auf die Vorgänge aufmerksam. Offen bleibt, ob von sich aus oder auf Hinweis des US-amerikanischen Auslandgeheimdienstes NSA hin. Jedenfalls informierte der NDB die Bundesanwaltschaft (BA), die seit dem 6. Mai wegen Verdachts auf verbotenen politischen Nachrichtendienst ermittelt. Zum Verfahren ermächtigt worden war die BA von Justizministerin Simonetta Sommaruga höchstpersönlich. Am 12. Mai wurde in einem Genfer Hotel eine Hausdurchsuchung durchgeführt und IT-Material beschlagnahmt, wie BA-Sprecher André Marty am Donnerstag bestätigte.

Leidet Genfs Ruf?

Bundesrat Ueli Maurer, der als Verteidigungsminister dem NDB vorsteht, sagte gestern am Rand der Ständeratsdebatte zum Nachrichtendienstgesetz, die Spionagefälle kämen für ihn nicht überraschend. «Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen, auch bei uns sind ausländische Geheimdienste aktiv.» Um den Ruf der UNO-Stadt Genf ist Maurer nicht besorgt. «Insbesondere deshalb, weil die Atomgespräche mit dem Iran weder von der Schweiz organisiert wurden, noch in Gebäuden der Schweiz stattgefunden haben. Wir tragen deshalb keine Verantwortung.» Auf diesem Niveau internationaler Diplomatie gehöre es dazu, Vorkehrungen gegen Spionage zu treffen, so Maurer. Damit die Schweiz gegen solche Angriffe gerüstet wäre, brauche der NDB bessere Mittel, versuchte der SVP-Magistrat den Bogen zur Ständeratsdebatte zu schlagen.

Israel weist Vorwürfe zurück

Das «Wall Street Journal» ist sich sicher, dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter den Cyberattacken steckt. Der israelische Verteidigungsminister Eli Ben-Dahan verneint, etwas mit den Spionage-Vorfällen zu tun zu haben. Klar ist aber: Die israelische Regierung stört sich an den internationalen Atom-Verhandlungen mit dem Iran, die sie als Entgegenkommen gegenüber jenem Land wertet, das für sie eine grosse Bedrohung darstellt.

Trotz israelischem Widerstand einigten sich die fünf UNO-Vetomächte und Deutschland mit dem Iran im April auf einen Rahmenvertrag für einen Kompromiss, mit dem Teheran sein Atomprogramm für die nächsten zehn Jahre einer Kontrolle unterzieht. Beide Verhandlungsseiten hoffen, noch diesen Monat eine endgültige Einigung zu erzielen.

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