Zulassungsstopp
Spezialärzte drängen in die Ambulatorien

Der Zulassungsstopp hält die Ärzte nicht nur davon ab, eine eigene Praxis zu eröffnen. Viele weichen auf Ambulatorien aus. Wie Zahlen aus der Vergangenheit zeigen, verlagern sich dadurch die Kosten.

Anna Wanner
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Das Ende des Zulassungsstopps von Ärzten vor einem Jahr schreckte die Politik auf. Die Anträge für eine Zahlstellenregister-Nummer, die für die Eröffnung einer Praxis benötigt wird, häuften sich – und zwar in einem solchen Ausmass, dass der Bundesrat nach nur neun Monaten ankündigte, den Zulassungsstopp wieder einzuführen. Auch der Nationalrat will den Spezialärzten einen Riegel schieben: Gestern stimmte er dem Gesetz für eine «vorübergehende Wiedereinführung der bedarfsabhängigen Zulassung» zu. Während das Gesetz Haus- und Kinderärzte ausschliesst, sind Spezialärzte in Spital-Ambulatorien vom Zulassungsstopp betroffen.

Neben den bürgerlichen Parteien, die gegen staatliche Eingriffe ankämpfen, stossen sich im Parlament vor allem die Ärzte an der erneuten Beschränkung. Jacques de Haller, bis Ende 2012 Präsident des Ärzteverbands FMH, hatte in der «Schweizerischen Ärztezeitung» schon im Vorfeld vor einer Zustimmung gewarnt: Es sei sowohl für das Gesundheitswesen als auch für die jungen Kollegen eine unangebrachte Massnahme.

Jungärzte profitieren von Ausnahme

Obwohl nun die Mehrheit des Nationalrats dem Zulassungsstopp zustimmte, konnte ein dringendes Anliegen des FMH ins Gesetz aufgenommen werden: Ärzte, die mindestens fünf Jahre an einer «anerkannten schweizerischen Weiterbildungsstätte» gearbeitet haben, fallen nicht unter die Beschränkung. Davon profitieren vor allem junge Ärzte. Trotzdem warnen die Ärzte vor den negativen Folgen des Zulassungsstopps. Die grüne St. Galler Nationalrätin Yvonne Gilli enthielt sich gestern ihrer Stimme. Sie sagt, indem die Eröffnung neuer Arztpraxen durch das Gesetz verhindert werde, wanderten die Spezialisten in Spital-Ambulatorien ab.

Vergleicht man die Leistungen der Spitäler mit jenen der Arztpraxen, zeichnet sich folgendes Bild ab: Während die Kosten bei den Ärzten zwischen 2009 und 2011 um 6,5 Prozent stiegen, nahmen sie in den Spital-Ambulatorien in der gleichen Zeit um 18,4 Prozent zu. Auffälligerweise gingen die Kosten im ambulanten Spitalbereich gerade in jenem Jahr stark zurück, als der Zulassungsstopp für Ärzte aufgehoben wurde. Laut Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) stiegen die Kosten für ambulante Spitalbehandlungen 2012 um 2,9 Prozent – 2011 waren es 5,1 Prozent). Die Kosten für ärztliche Behandlungen stiegen um 3,5 Prozent (2011: 1,9 Prozent).

Dass die Spital-Ambulatorien dank dem Zulassungsstopp wachsen, bestätigt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitaldachverbandes H+: «Wenn die Spezialisten keine Praxen eröffnen dürfen, arbeiten sie eben in den Spitälern.» Das wirke sich entsprechend auch auf das Verhalten der Patienten aus: Wer keine Praxis in der Nähe finde, suche immer öfter direkt die Notfallstation auf, sagt er.

Interessenkonflikt der Kantone

Wegmüller macht aber nicht den Zulassungsstopp alleine für das überproportionale Wachstum verantwortlich. Technische Fortschritte in der Medizin führten beispielsweise dazu, dass Patienten noch am Tag der Behandlung wieder nach Hause gehen können. Ein stationärer Aufenthalt sei in solchen Fällen nicht mehr nötig.

Obwohl die neue Gesetzgebung die Spezialärzte in den Spitälern einschliesst, sieht Nationalrätin Gilli das Problem nicht gelöst. «Weil die Kantone die Bewilligungen bedarfsgerecht herausgeben können und gleichzeitig kein Interesse haben, die Spezialisten in den Spitälern zu beschränken, wird sich an der Situation nichts ändern», sagt sie. Es gebe einen Interessenkonflikt, weil die Kantone an den Spitälern beteiligt seien und von wachsenden Ambulatorien profitierten.