Das gab es noch nie: Erstmals in der Geschichte des Schweizer Parlaments stehen 2015 zwei Sozialdemokraten an der Spitze der beiden eidgenössischen Räte.

Am kommenden Montag wird der Walliser Stéphane Rossini zum höchsten Schweizer gewählt, gleichentags der Jurassier Claude Hêche zum Vorsitzenden der kleinen Kammer.

Und am 3. Dezember wird mit Simonetta Sommaruga eine dritte SP-Vertreterin zu Höherem berufen: Aus der Bundesrätin wird für ein Jahr die Bundespräsidentin.

Die drei Ämter werden in unterschiedlichen Rhythmen an die grossen Parteien vergeben, weshalb die Machtkumulation bei der SP im kommenden Jahr zufällig ist.

«Es handelt sich um einen glücklichen Zufall für unsere Partei, aber auch für das Land», sagt SP-Präsident Christian Levrat, der eine einmalige Chance wittert. Die drei Präsidialämter würden es seiner Partei ermöglichen, die Botschaft «Für alle statt für wenige» zu verkörpern. «Wir erhalten ein Gesicht, oder präziser: drei Gesichter.»

«Keine sozialistische Revolution»

Rossini und Hêche seien für ihre Aufgaben prädestiniert, weil sie aus Randregionen kämen und sich seit Jahren für sozialen Ausgleich und den nationalen Zusammenhalt eingesetzt hätten, sagt Levrat. «Sie sind unsere Aushängeschilder, die glaubwürdig vertreten, wofür die SP einsteht: Wir glauben an die Kohäsion des Landes, während andere Parteien immer neue Gräben aufreissen.»

Im Oktober 2015 wird das Parlament neu bestellt, die SP will sich von 18,7 auf über 20 Prozent Wähleranteil steigern. Doch wie nützlich sind ihr dabei drei präsidiale Aushängeschilder? «Sie bringen der SP zwar mediale Aufmerksamkeit, doch die sozialistische Revolution darf nicht erwartet werden», sagt der Zürcher Politikberater Louis Perron. «Denn alle drei Präsidialämter sind weitestgehend zeremonieller Art.»

Als Vorteil sieht er die Herkunft der zukünftigen Ratspräsidenten. «In der Westschweiz verfügt die SP über ihre grösste Wählerbasis, sie ist für die Partei die zentrale Region.» Perrons Berner Berufskollege Mark Balsiger widerspricht: «Stéphane Rossini ist in der Deutschschweiz wenigen bekannt, Claude Hêche sogar kaum jemandem. Der Wahlkampf aber hat eine Deutschschweizer Dominanz.»

Geringe Bedeutung für den Wahlkampf misst Balsiger Sommaruga zu. «Nach den konfliktiven Jahren zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts, als die wenig harmoniebedürftigen Christoph Blocher, Pascal Couchepin und Micheline Calmy-Rey das Land mitregierten, haben sich die Bundesräte auffallend zurückgehalten», sagt er. Sommaruga werde sich bestimmt an diesen Kodex halten – zumal sie sich bereits 2011 im letzten Wahlkampf bewusst nicht für ihre Partei exponiert habe.