Amr Abdelaziz lädt zum Gespräch im arabischen Kulturzentrum Diwan in Zürich, das sein Vater gegründet hat. «Ich bin eindeutig Schweizer», stellt der 33-Jährige klar. «Ich politisiere hier und das würde sich auch nicht ändern, wenn die Revolution in Ägypten gelingt.»

1986 zog er mit seiner Familie aus Ägypten in die Schweiz. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Kartellrecht in Zürich und ist Fraktionschef der SP im Gemeinderat der Zürcher Vorortsgemeinde Opfikon. Er kandidiert zudem für den Zürcher Kantonsrat.

Schweizer sensibilisieren

Seit in Ägypten die Menschen für die Absetzung des Mubarak-Regimes protestieren, organisiert er Demonstrationen und Aktionen in der Schweiz. Das primäre Ziel sei, den Menschen in Ägypten, die ihre Karriere oder sogar ihr Leben aufs Spiel setzten, zu zeigen, dass sie weltweit unterstützt würden.

Zudem wolle man den Schweizern zeigen, dass Ägypten keine heile Welt war – trotz der Pyramiden und der schönen Strände. «Die Leute haben nicht zum Spass 30 Jahre lang mit Notstandsgesetzen gelebt.»

Mubarak gibt Grübel Geld

Heute Mittag ist auf dem Paradeplatz in Zürich eine weitere Aktion geplant. «Es soll eine Art Inszenierung werden», sagt Amr Abdelaziz. «Mubarak übergibt Oswald Grübel und Brady Dougan einen Koffer voll Geld.»

Das solle zeigen, dass auch die Schweiz vom Geld arabischer Diktatoren profitiere. Ansonsten hält Abdelaziz sich aber zurück mit Kritik an der Schweizer Politik, wenn auch die Schweiz wie andere westliche Staaten das ägyptische Regime lange geduldet habe. «Die Politik des Westens gegenüber dem Nahen Osten in den letzten 50 Jahren war verfehlt», stellt er nüchtern fest.

Insbesondere die USA, die Ägypten mit Milliardenbeträgen unterstützt haben, hätten mehr für die Menschenrechte im Land tun müssen. «Als Gegenleistung nur die Einhaltung des Friedensvertrags mit Israel zu fordern, ist zu wenig.»

Wirtschaftsanwalt auf der Strasse

Dass er nun seine Freizeit für den Protest gegen Mubarak opfere, sei sicherlich seinen arabischen Wurzeln geschuldet, meint der ägyptisch-schweizerische Doppelbürger. Allerdings komme er auch aus dem linken politischen Spektrum, wo es üblich sei, für seine Anliegen auf die Strasse zu gehen.

«Als Juso-Mitglied interessiert man sich grundsätzlich für Menschenrechte und Demokratie.» Abdelaziz findet es auch nicht ungewöhnlich, dass er als Wirtschaftsanwalt so offensiv für seine Anliegen eintritt. Als Beispiel nennt er Wael Ghonim, den ägyptischen Google-Chef, der von der ägyptischen Polizei zwölf Tage lang gefangen gehalten wurde. «Er war ein erfolgreicher Manager in Dubai. Es gibt viele Privilegierte, die jetzt aus ideellen Gründen protestieren, ohne daraus einen persönlichen Profit zu ziehen.»

Sein Engagement will Abdelaziz so lange weiterführen, wie die Proteste in Ägypten andauern. «Das was jetzt passiert, ist eine Chance, auf die man schon so lange gewartet hat.»

Vorsichtig optimistisch

Was die Zukunft Ägyptens angeht, gibt sich Amr Abdelaziz vorsichtig optimistisch: «Ich hoffe, dass die Demonstranten durchhalten, bis Mubarak zurücktritt.» Danach sollen möglichst schnell die Notstandsgesetze aufgehoben und demokratische Reformen eingeleitet werden.

Angst vor einem totalitären Islamistenstaat hat er nicht: «Eine grosse Mehrheit der Ägypter würde das nicht akzeptieren. Das wissen auch die Muslimbrüder», ist er überzeugt. Man dürfe aber nicht erwarten, dass sich Ägypten sofort in eine Demokratie nach westlicher Vorstellung verwandle, schliesslich sei es ein konservatives Land. «Auch in einer ägyptischen Demokratie wird es wohl keine Gay-Parade in den Strassen Kairos geben.»