Der Kampf zwischen dem autonomen Kulturzentrum und den Berner Behörden hat eine lange Tradition. «Alle Beteiligten halten den eigenen Opfermythos aufrecht», sagt Ueli Mäder, Soziologe an der Universität Basel, im Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Rund ein Vierteljahrhundert reiben sich Reitschule und Berner Behörden nun schon aneinander. Dabei kam es in der Vergangenheit auch immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen im Umfeld des Kulturzentrums.

Die Stadt Bern setzte bislang auf Deeskalation und Verhandlungslösungen. Eine solche Verhandlungslösung hätte das Stadtparlament in einigen Wochen absegnen sollen. Nun wurde der Vertrag auf Eis gelegt. Die Reitschule erhält so lange kein Geld mehr von der Stadt, bis der Vertrag inklusive Sicherheitskonzept unter Dach und Fach ist. Derweil gibt sich die Reitschule weiter unbeeindruckt. An einer Medienkonferenz verurteilten Reitschul-Vertreter die Gewalt, machten gleichzeitig aber auch deutlich, am besten lasse die Polizei das Zentrum in Ruhe.

Verzerrtes Bild

Sorgen über die von der Stadt beschlossenen Sanktionen machen sich die Reitschüler nicht. Sie sehen die Reitschule als besetztes Haus an, und das werde sie auch bleiben. Das Anliegen, dass es an einem solchen Ort möglichst viel Freiheit gebe, macht für den Soziologen Ueli Mäder Sinn: «Die Reitschule ist ein Lernfeld für viele Jugendliche, und nicht nur für sie. Aber sie darf keine rechtsfreie Zone sein», sagt er in einem Interview mit der «SonntagsZeitung». Die von der Berner Stadtregierung ergriffenen Sanktionen gegen die Reitschule dürften laut Mäder eher zu einer weiteren Verhärtung der Fronten führen. Das sei schade, denn die Reitschule mache eine wichtige Arbeit.

Die aktuelle Debatte zeichne ein verzerrtes Bild des Kulturzentrums, betonten am Samstag auch der Dachverband Schweizer Musikclubs (PETZI) sowie weitere Kulturhäuser und Kulturinteressierte in einem offenen Brief. Es falle kein Wort zu den Konzerten und Shows, die Woche für Woche im Dachstock oder im Rössli über die Bühne gingen. Sie forderten die Stadt Bern auf, die Sistierung der finanziellen Mittel für die Reitschule per sofort aufzuheben. Der Freiraum als solcher müsse erhalten und respektiert werden.

Härtere Gangart

So regelmässig wie die Ausschreitungen erschallt jeweils auch der Ruf nach härteren Massnahmen, etwa nach einer Schliessung der Reitschule, wie dies rechtsbürgerliche Kreise seit langem fordern, bislang stets ohne Erfolg. Nun hat die Junge SVP eine neue Initiative eingereicht, diesmal auf kantonaler Ebene. Die Jungpartei hofft auf Stimmen vom Land, wo die Reitschule nicht dieselbe Unterstützung in der Bevölkerung erfährt wie in der Stadt Bern. Immer wieder taucht auch die Forderung nach einem härteren Eingreifen der Polizei auf. Diese solle die Chaoten, die sich regelmässig unerkannt in die Reitschule zurückziehen, dingfest machen. Doch in der Menge der Reitschul-Besucher können sich die Chaoten sicher fühlen. Um grosse Kollateralschäden zu vermeiden, verzichtete die Polizei bisher auf einen Zugriff in dem autonomen Kulturzentrum.

Der Kommandant der Berner Kantonspolizei verteidigte dieses Vorgehen und verwies in der «SonntagsZeitung» auf die Politik. Die Polizei könne die Rahmenbedingungen nicht ändern. Bereits kurz nach dem Krawall hatte sich der Verband Schweizerischer Polizei-Beamter zu Wort gemeldet: «Mit grosser Wut und Unverständnis» habe der Verband von den Vorfällen erfahren. Er fordert die Politik auf, endlich aufzuwachen und zu handeln.

Vor einer Woche kam es nach einer Polizeiaktion in der Umgebung der Reitschule zu Krawallen. Elf Polizisten wurden verletzt. Wenig später bekannte sich eine anonyme Gruppierung zu dem «selbstbestimmten und entschlossenen Schritt in die offene Konfrontation mit den herrschenden Zwängen». (sda)