Sozialdienstek
Soziale Dienste wehren sich gegen Spardruck

Ende April lehnten die Gemeindeammänner die Erhöhung der Pensen bei der Mütterberatung sowie bei der Jugend- und Eheberatung des Bezirks Lenzburg ab. Beide Beratungsstellen wehren sich dagegen. Der Entscheid fällt an der heutigen Abgeordnetenversammlung.

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Aargauer Zeitung

Irena Jurinak

Mit grossem Befremden habe der Vorstand den Entscheid der Gemeindeammänner zur Kenntnis genommen, sagt Silvana Richner, Präsidentin der Mütter- und Väterberatung des Bezirks Lenzburg. Die beantragte Pensenerhöhung von 20 Prozent sei minimal, wehrt sie sich im Namen des Vorstands in einem Brief an die 20 Verbandsgemeinden gegen die Ablehnung der zusätzlichen Stellenprozente.

Dazu sagten die Ammänner Ja

Im Herbst vergangenen Jahres gab es massive Kritik an den schleppenden Abläufen bei der Amtsvormundschaft des Bezirks Lenzburg. In der Folge beauftragten die Gemeindeammänner ein externes Beratungsbüro (Social Design AG, Bern) mit der Überprüfung der Abläufe. Die Experten kamen zum Schluss, dass die anstehenden Aufgaben trotz effizienten internen Arbeitsabläufen mit dem zur Verfügung stehenden Stellenetat nicht mehr zu bewältigen seien. An ihrer Versammlung Ende April stimmten die Gemeindeammänner einer Erhöhung der Pensen bei der Amtsvormundschaft um 300 Prozent zu - davon 210 Prozent bei den Amtsvormündern und 90 Prozent beim Sekretariat. Über diese Stellen-
erhöhung stimmen die Abgeordneten der 19 Vertragsgemeinden ebenfalls heute Abend ab. (ju)

Ungenügende Wertschätzung

Ausserdem komme die Beratungsstelle ohne Stellenprozente für Stellenleitung, Sekretariat, Buchhaltung und Personalwesen aus; diese Leistungen würden von den Vorstandsmitgliedern ehrenamtlich erbracht. Der Pro-Kopf-Beitrag für die Verbandsgemeinden würde sich bei einer Pensenaufstockung um Fr. 0.30 erhöhen, betrüge also neu Fr. 6.30. «Ich kann den Entscheid nicht nachvollziehen und betrachte ihn als ungenügende kollegiale Wertschätzung.»

Von einigen Gemeinden hat Richner bereits positive Rückmeldungen erhalten. Mindestens 11 der 20 Vertragsgemeinden müssten der Stellenerhöhung an der heutigen Versammlung zustimmen.
Auch bei der Jugend-, Ehe- und Familienberatung löste der Entscheid der Gemeindeammänner-Versammlung Erstaunen aus. «Ohne die beantragte Aufstockung um 60 Prozent können wir hilfesuchenden Menschen keine sofortige und nachhaltige Betreuung zukommen lassen», schreibt Präsident Peter Grusche in einem Brief an die 20 Vertragsgemeinden. Die Arbeit der Jugend- und Eheberatung sei gerade in Zeiten knapper Kassen eine wichtige Prävention, die helfe, Folgekosten im Gesundheits- und Sozialwesen zu vermeiden.

Ammänner wollen Synergien

Simon Läuchli, Leiter der Arbeitsgruppe Soziale Dienste, begründet die Ablehung der Pensenerhöhungen mit der geplanten Zusammenlegung der Beratungsstellen im Bezirk Lenzburg: Mütter- und Väterberatung, Jugend- Ehe- und Familienberatung sowie die Amtsvormundschaft sollen unter ein Dach kommen. Im Herbst soll an den Gemeindeversammlungen über die Satzungen der neu organisierten Sozialen Dienste befunden werden. «Bevor wir zusätzliche Stellen bewilligen, wollen wir wissen, wo sich Synergien ergeben und wer in Zukunft welche Aufgaben übernimmt.»

Dieses Argument lässt Peter Grusche nicht gelten. «Es ist sinnvoll, Stellen im administrativen Bereich zurückzustellen. Aber die Arbeit am Kunden können wir nicht aufschieben.» Die Zusammenlegung der Sozialen Dienste habe keinen Einfluss auf die Anzahl der Klienten. Die Wartezeit bei den drei Beratern der Jugend- und Eheberatung betrage derzeit drei bis sechs Wochen. «Das ist bereits jetzt in vielen Fällen zu lange, bis zum Beratungstermin ist die Situation in der Familie unter Umständen längst eskaliert.» Man spare damit am falschen Ort. Silvana Richner ergänzt: «Das Bewusstsein für die Wichtigkeit unserer Aufgaben fehlt.» So erreiche die Mütterberatung rund 90 Prozent der Kleinkinder und komme sehr nahe an viele Familien heran.