Zweitwohnungen
Sörenberg baut trotz Zweitwohnungs-Initiative weiter

60 Prozent: So hoch ist der Anteil der Zweitwohnungen im luzernischen Sörenberg. Im Entlebucher Ferienort kommt die Umsetzung der Zweitwohnungs-Initiative zu spät. Die letzten Flächen werden nun noch schnell verbaut.

Daniel Fuchs
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Noch wird in Sörenberg gebaut
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Noch behandelt Sörenberg Gesuche für Bauten mit Zweitwohnungen gleich wie vor der Abstimmung Im Bild: Gemeindepräsident Guido Bucher (FDP)
Boxte sich nach der Abstimmung den Frust weg: Tourismusdirektorin Carolina Rüegg
Will die Ferienwohnungen im Neubau neben ihrem Wohnsitz selber bewirtschaften: Erika Künzle

Noch wird in Sörenberg gebaut

Emanuel Freudiger

In Sörenberg im hintersten Entlebuch spürt man den katholischen Feiertag. Ein paar Freizeitsportler haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt, die ihnen Mariä Himmelfahrt bietet. Im Ferienort machen die Rennvelofahrer Rast. Über dem Dorf thronen die Schrattenfluh und der höchste Luzerner, dessen Name von der bernischen Seite herrührt: das Brienzer Rothorn. Sie wachen über die 500 Einwohner des Ortsteils von Flühli-Sörenberg, wohin während der Fasnachtsferien jeweils ein Vielfaches an Wintersportlern pilgert: vorwiegend Schweizer Familien. Viele von ihnen sind stolze Ferienhäuschen-Besitzer.
Zu wenige Ferienwohnungen
Der Anteil an Zweitwohnungen beträgt 60 Prozent. Verwundert rieben sich die Bergler die Augen, als das Stimmvolk am 11. März Ja zur Zweitwohnungsinitiative sagte.
Verwundert war auch Carolina Rüegg, Sörenbergs Tourismusdirektorin. Die gebürtige Bündnerin musste ihrem Ärger noch am Abend jenes Abstimmungssonntags Luft machen. Wütend über die Unterländer, welche die Bergler überstimmten, malträtierte sie ihren Boxsack in ihrem Büro. Heute ist sie den Unterländern gütiger gesinnt, vor allem wenn sie an ihre Heimat, die Lenzerheide, denkt: «Dort können sich Einheimische kein Land und keine Wohnungen mehr leisten.» Der Run auf die Ferienwohnungen habe die Preise zu sehr in die Höhe getrieben.
Die jetzige Situation in Sörenberg könne man aber nicht mit jener auf der Lenzerheide vergleichen. «Hier kennen wir weder Spekulationsobjekte noch überteuerte Bodenpreise», sagt Carolina Rüegg. Jedoch fehle es insbesondere während der Wintersportferien an vermittelbaren Ferienwohnungen. Der Grund: Die Häuschenbesitzer hängen emotional an ihrem Eigentum, das sie sich dank hart erarbeitetem Geld während der 1970er- und 1980er-Jahre geleistet hatten. Viele möchten das Häuschen ihrer Träume nicht einfach so an «Fremde» geben. Die Folge: kalte Betten. «Es ist extrem schwierig, jemanden zur externen Vermietung anzuregen», so Carolina Rüegg.
Sörenbergs Ziel: Wärmere Betten
Nach der Annahme der Initiative stieg die Zahl der Baugesuche für Zweitwohnungen in vielen Ferienregionen. Das belegen die Zahlen (siehe Grafik). Auch für Sörenberg ist ein solcher Trend zu beobachten. Bereits liegt das 52. Baugesuch dieses Jahres bei der Gemeindeverwaltung auf. Dauert der Trend an, dann muss Sörenberg dieses Jahr doppelt so viele Baugesuche wie in den Vorjahren bearbeiten.
Gemeindepräsident Guido Bucher (FDP) wiegelt ab: Bei den meisten Baugesuchen handle es sich um Einheimische, die für sich selber bauen wollten, allenfalls eine «Einlegerwohnung» planten, welche sie an Feriengäste vermieten möchten. Die Gemeinde halte sich an die Weisung des Kantons: bis Ende Jahr auch Baugesuche für Zweitwohnungen zu bearbeiten.
Ganz so sicher scheint man sich in Sörenberg trotzdem nicht zu sein. Haften will man bei einer Erteilung der Baubewilligung nicht. Der Bundesrat hat noch immer nicht entschieden, wie er den Zweitwohnungsbau regeln will, bis das Parlament ein Gesetz verabschiedet hat. Gesuchstellern teilt die Gemeinde mit, dass das Risiko bei der Bauherrschaft liege. Auch Bucher zielt auf die bessere Bewirtschaftung bestehender Wohnungen. Schliesslich will der Bundesrat weiterhin den Zweitwohnungsbau zulassen, wenn «professionell bewirtschaftet» wird, durch den Tourismusverein zum Beispiel.
Was aber heisst «professionelle Bewirtschaftung»? Darüber scheint sich der Bundesrat noch nicht im Klaren zu sein. Doch ein Sörenberger Ehepaar kümmert das nicht: Erika und Peter Künzle wollen ihre Ferienwohnungen selber professionell bewirtschaften. Noch vor der Abstimmung haben Künzles ein Gesuch für einen Neubau eines Ferienhauses neben ihrem Wohnhaus eingereicht, in dem sie Gäste einquartieren wollen. Dies im Wissen darum, dass es ein Gesuch schwierig gehabt hätte, wäre es nach der Abstimmung eingereicht worden. Ende 2012 soll das Haus fertig sein. Mit warmen Betten, hoffentlich.