Bundesstrafgericht

«Sommermärchen»-Prozess in Bellinzona bereits vertagt – weil deutsche Beschuldigte unentschuldigt fernblieben

Urs Linsi (Mitte) kommt mit seinen Anwälten zum Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Urs Linsi (Mitte) kommt mit seinen Anwälten zum Bundesstrafgericht in Bellinzona.

Bundesstrafrichterin Sylvia Frei hat das Verfahren um das «Sommermärchen» nach wenigen Minuten bereits vertagt – auf kommenden Mittwoch.

Im Zeichen des Virus: Urs Linsi, Schweizer Beschuldigter im Prozess um das «Sommermärchen», begehrte heute gegen halb neun Uhr vorzeitig Einlass ins Gebäude des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. Er wollte nicht in der Warteschlange vor dem Eingang warten, wie er dem Polizisten sagte. Er müsse zwei Meter Abstand halten wegen dem gefährlichen Coronavirus, sagte Linsi, und das sei in der Warteschlange nicht möglich. Der Beamte winkte höflich, aber bestimmt ab. Linsi müsse draussen warten wie die anderen auch.

Gruppenweise tauchten gegen neun Uhr in Bellinzona die Rechtsvertererinnen und Rechtsverterer der Beschuldigten vor dem Bundesstrafgericht auf. Sie fassten draussen vor dem Eingang zum Gericht ein Formular mit Gesundheitsfragen, das jeder und jede ausfüllen und unterzeichnen musste. Haben Sie Fieber? Hatten Sie Kontakt zu Leuten mit Coronavirus – und so weiter.

Vor Betreten des Gebäudes hielt ein Beamter jedem und jeder einen Fiebermesser vor die Stirn. Nur eine dieser Gruppen hatte einen Beschuldigten dabei, das war Urs Linsi, ehemaliger Fifa-Generalsekretär. Horst Rudolf Schmidt, Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger, die drei beschuldigten Altfunktionäre des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) waren alle nicht angereist, sie liessen sich durch ihre Anwälte vertreten.

Aus Angst vor Corona, aber vor allem wegen unterschiedlicher Gebrechen, die sie einzeln in Attests vorgebracht hatten.

Auch im Gebäude herrschte das Virus. Als Massnahme zum Schutz vor dem Coronavirus durften die Medienleute die Verhandlung nicht im im Gerichtssaal verfolgen, sondern in den zwei flankierenden Nebenräumen auf Monitoren.

Um 9 Uhr waren alle bereit, ausser der Spruchkörper um Präsidentin Syliva Frei (SVP). Und zwanzig nach 9 kam die Durchsage: «Der Beginn der Hauptverhandlung ist auf viertel vor 10 verschoben.» Der Prozess wird von Syliva Frei (SVP) geleitet, Bundesstrafrichterin, die derzeit auch das Gesamtgericht präsidiert.

Fehlstart zum «Sommermärchen»-Prozess in Bellinzona also. Das passt zum Gericht, das unlängst wegen Sittenzerfall in die Schlagzeilen kam. Von arbeitsscheuen Richtern, Sexismus, Mobbing und weiterem mehr war die Rede.

Beschuldigt sind im «Sommermärchen»-Verfahren, das derzeit in Bellinzona vor sich hin holpert: Horst Rudolf Schmidt, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, allesamt Altfunktionäre der Deutschen Fussball-Bundes DFB. Sowie der Schweizer Urs Linsi, zum Tatzeitpunkt Generalsekretär der Fifa. Dem Quartett wird Mittäterschaft oder Gehilfenschaft bei einem Betrug im Zusammenhang mit der Verschiebung von 10 Millionen Franken aus den der DFB-Kasse im Jahr 2005 vorgeworfen.

Und zwar am 27. April 2005, was bedeutet, dass die ganze Sache in etwa anderthalb Monaten verjährt – denn die Verjährungsfrist beträgt 15 Jahre.

Das Geld floss vom DFB via Fifa, die als Vernebelungsstation wirkte, an den Milliarden schweren ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus.

Mit der Zahlung beglich der DFB eine Schuld von Franz Beckenbauer, Präsident und Aushängeschild des OK der Fussball-WM 2006 in Deutschland. Dreyfuss hatte Beckenbauer drei Jahre zuvor 10 Millionen geliehen, die der Deutsche an den Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam nach Katar weiterleitete. Bin Hammam will das Geld seinerseits weitergeleitet haben, weigert sich aber zu sagen, wohin.

Was mit dem Geld geschah, fand die Bundesanwaltschaft bei ihren Ermittlungen nicht heraus. Fest steht, dass Louis-Dreyfus das Geld 2005 zurückverlangte und Beckenbauer nicht zahlen wollte oder zahlen konnte. Also sprang die Herren vom DFB ein und schleusten die Mittel via Fifa an den ehemaligen Adidas-Chef.

Die Hauptfigur Franz Beckenbauer, dessen Schulden mit der Überweisung getilgt wurden, steht in Bellinzona nicht vor Gericht. Weil er gesundheitlich angeblich schwer angeschlagen, trennte die Bundesanwaltschaft sein Verfahren von dem seiner angeblichen Mittäter ab. Beckenbauers Fall wird nun am 27. April sang- und klanglos verjähren.

Theo Zwanzigers Anwalt sagte, bevor er in Bellinzona das Gericht betrat: Die Beschuldigten hätten das Sommermärchen vor grossem Schaden bewahrt durch ihr Handeln. Wenn nämlich Beckenbauer, wie er 2005 androhte, das OK-Präsidium des Fussball-WM hingeschmissen hätte, wäre der „Schaden viel grösser gewesen“.

Um 09.41 die Durchsage: «Beginn der Hauptverhandlung verschoben auf 10 Uhr 15.» Offenbar ist eine Reihe von Anträgen eingegangen, die das Gericht derzeit zu bearbeiten versucht. Linsis Anwalt hatte schon im Vorfeld die Sistierung des Prozesses verlangt - wegen des vernichtenden Berichts der Aufsichtsbehörde zu Bundesanwalt Michael Lauber. Der Bericht letzte Woche erschienen war und wirft Lauber vor, er habe rund um die Fifa-Verfahren mehrmals die Unwahrheit gesagt.

Stand 10. 30 Uhr ist der Spruchkörper ohne weitere Verschiebungsansage nicht aufgetaucht.

11.00. Entgegen einer zwischenzeitlichen, diskret erfolgten Durchsage ist vom Spruchkörper um Sylvia Frei weiterhin nichts zu sehen. Die Vertreter der Anklage studieren vorne im Saal fleissig Akten. Die etwa 20 Vertreter der Verteidigung diskutieren sitzend oder im Stehen über den Coronavirus im nahen Italien und das verschwundene Gericht. Die eigenartige Verzögerung wird zunehmend als symptomatisch für das ganze schleppende bis verkorkste Verfahren um das «Sommermärchen» angesehen.

Frohe Botschaft: Spruchkörper aufgetaucht um 11.06 Uhr. Es geht los.

Um 11. 27 Uhr schliesst die Vorsitzende Frei allerdings die Verhandlung bereits wieder. Der Grund: Die drei nicht angereisten Deutschen seien allesamt unentschuldigt abwesend. Zwar habe jeder von ihnen ärztliches Attest, aber keiner von ihnen habe geltend gemacht, dass er nicht reisefähig sei. Will heissen: Die drei hätten sich in privaten Verkehrsmitteln nach Bellinzona verschieben müssen, damit das Gericht ihre Verhandlungsfähig beurteilen konnte.

Präsidentin Frei erklärte, das Gericht habe mit Fragebogen und durch EInhalten der zwei Meter Distanz zwischen den Sitzplätzen im Gerichtssaal dafür gesorgt, dass alle notwendigen Massnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus eingehalten würden. Also könne sicher keiner darauf berufen, seine Gesundheit sei gefährdet.

Das Verfahren geht nun gemäss Verfügung der Präsidentin am Mittwoch weiter. Die drei Deutschen werden damit aufgefordert, in Bellinzona zu erscheinen.

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