Ferien ohne Eltern
Sommerlager boomen, Ski fahren will keiner mehr

Auf die Sommerlager von Jungwächtlern, Cevis und Pfadfinder gibt es einen regelrechten Ansturm. Allein die Pfadi bringt es diesen Sommer auf 520 Lager mit 25000 Teilnehmenden - das sind 3000 Teilnehmer mehr als vor einem Jahr.

Dennis Bühler
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Schlafen im Zelt, Kochen über dem Feuer, Duschen im Wald: Teilnehmer des kantonalen Pfadilagers der Pfadi Aargau in Pfäffikon. timon krebs

Schlafen im Zelt, Kochen über dem Feuer, Duschen im Wald: Teilnehmer des kantonalen Pfadilagers der Pfadi Aargau in Pfäffikon. timon krebs

Die Planung dauerte drei Jahre, der Aufbau wochenlang, am Montag sind sie endlich alle in Bever im Oberengadin eingetroffen: die Römer aus Chur, die Wikinger aus Landquart, die Sioux aus Domat/Ems. Zum ersten Mal seit 14 Jahren findet in Graubünden wieder ein kantonales Pfadfinderlager statt. Bis jetzt verläuft alles nach Plan, die Hitze hält sich zurück, die Kinder und Jugendlichen sind mit Begeisterung dabei. «Die Stimmung ist prächtig», sagt die 25-jährige Leiterin Jolanda Jost, Pfadiname Rottola. «Es ist, als ob ganz viele Freunde zusammen Ferien machen würden.»

«Einmaliges Gemeinschaftsgefühl»

300 Pfadfinderinnen und Pfadfinder aus Graubünden zelten in dieser und der kommenden Woche in Bever, im zürcherischen Pfäffikon sind es 1300 Aargauer, in Sursee im Kanton Luzern 1500 Basler. In der ganzen Schweiz finden momentan Ferienlager statt. 25 000 Kinder und Jugendliche in insgesamt 520 kleineren und grösseren Pfadilagern verbringen einen Teil ihrer Sommerferien mit Gleichaltrigen statt mit ihren Eltern – rund 3000 mehr als im letzten Jahr.

Auch die meisten der rund 20 000 Angehörigen des zweitgrössten Kinder- und Jugendverbandes der Schweiz, der Jungwacht Blauring, weilen während zweier Wochen in Ferienlagern. Gleich ist es bei der christlichen Jugendbewegung Cevi, die während der Sommerferien mehr als hundert Lager durchführt. «Im Lager entsteht ein einmaliges Gemeinschaftsgefühl», sagt Marion Schmid, Co-Präsidentin des Cevi Schweiz. «Ohne den üblichen Komfort in der Natur zu leben, ist für die Kinder ein Erlebnis: Nachts im Schlafsack zu liegen, wenn der Regen auf das Zeltdach prasselt, im grossen Kochtopf über dem Feuer das eigene Essen zu kochen, die Wald-Toiletten und -Duschen zu benützen.»

Dass sich Erfahrungen, die man in den Freizeitlagern macht, durchaus ein Leben lang auswirken können, weiss Melanie Röthlisberger alias Cambia, Medienverantwortliche des kantonalen Sommerlagers der Aargauer Pfadfinder. So gibt es in ihrem Zeltlager in Pfäffikon Kinder, deren Eltern sich beim letzten kantonalen Zusammentreffen vor 14 Jahren kennen gelernt haben. «Die Pfadi kann schon mal zu Nachwuchs und Eheschliessungen führen», sagt Röthlisberger und lacht.

Während die Pfader gleich selbst für Nachwuchs sorgen, fehlt dieser den Skilagern zunehmend. Gab es im Jahr 2005 noch 2703 beim staatlichen Breitensport-Förderungsprogramm Jugend + Sport gemeldete Schneesportlager, waren es 2011 nur noch 2180 – ein Rückgang von stattlichen 26 Prozent.

Bund will Skibegeisterung wecken

Die Gründe sind vielfältig: Zum einen können oder wollen sich viele Familien bis weit in den Mittelstand hinein die Skiausrüstung, das Abo für die Bergbahnen und die Verpflegung in Bergrestaurants nicht mehr leisten. Zum anderen fehlen immer mehr Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund frühe Erfahrungen mit Schneesport. Und schliesslich fehlt es an Leitern, die während ihrer Ferien Verantwortung übernehmen wollen.

Mit dem im letzten Oktober in Kraft getretenen neuen Sportförderungsgesetz hat der Bund die finanziellen Zulagen für Skilager erhöht. Neu werden auch Lager unterstützt, die während der Schulzeit stattfinden. Für eine erste Bilanz, ob die Anstrengungen Wirkung zeigen, sei es zu früh, sagt Kurt Henauer vom Bundesamt für Sport. Auch mithilfe des geplanten nationalen Schneesportzentrums, für das sich nur schon die sechs Bündner Gemeinden Scuol, S-chanf, Arosa, Lenzerheide, Davos und Brigels bewerben, will der Bund die Begeisterung für Wintersport zu neuem Leben erwecken. Dort sollen ideale Bedingungen für Skilager geschaffen werden, zumal in den vergangenen Jahren viele Unterlandsgemeinden ihre Lagerhäuser aus Spargründen verkauft haben.

«Kinder bevorzugen die Badehose»

Glaubt man den beiden Pfadfinderinnen Melanie Röthlisberger und Jolanda Jost, sollten sich die Bergregionen wenig Chancen ausrechnen, dass Ski- den Sommerlagern dereinst wieder den Rang ablaufen. «Kinder fühlen sich in den Sommermonaten einfach wohler», sagt die Aargauerin. «Sie rennen lieber in der Badehose als dick eingepackt umher.» Und die Bündnerin sagt: «Wer ins Sommerlager einer Jugendorganisation reist, braucht keine teure Skiausrüstung. Nur Wanderschuhe, Sonnencreme und vielleicht einen Regenschutz.»