Jugendverbände

Sommerlager bald ohne Sarasani? Dem Bund gehen die Zeltblachen aus

Ohne Armeematerial sind Grosslager, wie hier das Kantonslager der Berner Pfadi 2014, nicht machbar.

Ohne Armeematerial sind Grosslager, wie hier das Kantonslager der Berner Pfadi 2014, nicht machbar.

Seit das Material für die Jugendverbände vom Zentrallager der Armee in Thun verwaltet wird, schrumpft die Zahl der Blachen rapide - und neue werden nicht nachproduziert. Pfadi, Jubla und Cevi wollen nun vom Bund wissen, wie es weitergeht.

Die Militärblache ist für ein Pfadi-, Cevi- oder Jubla-Kind sozusagen das Lagerhaus. Sie bauen daraus Aufenthaltszelte und Küchen. Die Blachen werden zudem vielseitig beim Lagersport verwendet. Kein Sommerlager ohne Blachen.

Doch nun wird das robuste Zelttuch im Tarnmuster zur Rarität. Denn der Bestand schrumpft rapide. 2007 besass das Bundesamt für Sport (Baspo) noch rund 330 000 Blachen, heute sind es noch knapp 200 000. Die Logistikbasis der Armee konnte deshalb 2013 nicht mehr allen Sommerlagern die bestellte Anzahl Blachen liefern. Letztes Jahr wurden sie dann von zwei auf eine Blache pro Teilnehmer rationiert.

Die Blachen sind uralt

Doch warum ist die altbewährte Militärblache plötzlich Mangelware? Der wichtigste Grund: Die Zelttücher werden seit Jahrzehnten nicht mehr produziert. Das «neuste» Modell wurde 1964 eingeführt und mindestens seit den 1990er-Jahren nicht mehr hergestellt. Erst jetzt wurden wegen des akuten Mangels erstmals wieder neue Blachen produziert: Der Bund hat 2013 einmalig eine Million Franken für die Beschaffung von 18 000 Blachen gesprochen. Den Zuschlag bekam laut Kaj-Gunnar Sievert, Mediensprecher der Armasuisse, die Firma Habegger AG in Thun.

Dennoch gilt die Rationierung von einer Blache pro Teilnehmer auch für die diesjährigen Sommerlager, denn die 18 000 neuen reichen nirgends hin. Dies ist laut Caspar Zimmermann, Mediensprecher der Logistikbasis der Armee, so, weil jährlich viele Zelttücher liquidiert werden müssen. Die Logistikbasis sieht den Grund dafür im Alter und der intensiven Nutzung der Blachen. Dass in den letzten sieben Jahren rund 135 000 Zelttücher aussortiert werden mussten, liege nicht an einer schlechten Bewirtschaftung durch die Armee. Vielmehr komme das Material, das zugunsten von Jugend+Sport (J+S) abgegeben wird, teilweise in erschreckendem Zustand zurück.

Viele Blachen sind verschimmelt

Die Logistikbasis hat nun beschlossen, die «Instandhaltungsaufwände» zu erhöhen, um so viele Blachen wie möglich zu erhalten. Mit anderen Worten: Es soll wieder mehr repariert und besser gelagert werden. Repariert wurden die Militärblachen schon seit den 1990er-Jahren kaum noch. «Der Protzensatz der weggeworfenen Blachen war schon immer hoch», sagt ein langjähriger Mitarbeiter. Aber früher seien nasse Blachen zeitig getrocknet worden. Andere berichten, dass seit dem Wechsel des J+S-Materials vom Zeughaus in Biel zur Logistikbasis in Thun viele Blachen verschimmelt seien.

Die Logistikbasis ist seit 2008 für die Lagerung und Reparatur des J+S-Materials zuständig. Das Zeughaus Biel wurde im Rahmen der Armee-Reform XXI aufgelöst. Die Logistikbasis hat offenbar zuerst den Aufwand unterschätzt, den die Blachen benötigen, wenn sie nach schlechtem Wetter nass von den Jugendverbänden zurückgeliefert werden.

1000 Blachen sind gemäss Schätzungen so pro Jahr verfault. Ein WK-Soldat berichtet aus dem Jahr 2010, er habe Ende September Nass-Sendungen bearbeitet, die zwei Monate davor angeliefert worden waren. «Ich muss nicht erläutern, dass sämtliche Blachen halb verfault waren, dass auf den Griffen der Spaten Pilze wuchsen und wir die Wolldecken mit Gummihandschuhen aus den Paletten heben mussten.»

«Wir sind keine Engel», sagt Pascal Prétôt, J+S-Ausbildungsverantwortlicher bei der Cevi, «die Lagerverantwortlichen liefern das Material teilweise in schlechtem Zustand zurück. Aber dass ganze Bünde verschimmelter Blachen fortgeworfen wurden, geht nicht.»

Als sich der Engpass bei den Blachen vor zwei Jahren abzeichnete, habe die Logistikbasis den Jugendverbänden stattdessen zuerst Bausätze mit Bauplastiken und Dachlatten abgeben wollen. «Wie hätten wir damit zum Beispiel ein Sarasani bauen sollen?», sagt Prétôt, «das hält nie.»

Manuela Mühlemann, Ausbildungsverantwortliche bei der Pfadi Schweiz, sagt: «Blachen sind wichtig für unsere Lager, jetzt fehlen sie überall.» «Die Blachen sind zentral», sagt auch die Geschäftsleiterin der Jubla Schweiz, Monika Elmiger, «vor allem für Aktivitäten im Freien sind die Jugendverbände darauf angewiesen. Wir wissen nicht, was wir ohne machen würden, ich hoffe sehr, wir finden eine Lösung.»

Neues Material für die Armee

Auch beim übrigen Material wie Kochkessel, Spaten und Seilen ist nicht klar, wie es weitergeht. Denn die Armee selbst benötigt zwar noch Spaten, aber beispielsweise keine Kochkessel mehr. Zum Biwakieren beschafft die Armee nun neues, modernes Material. Ob dieses auch für die Jugendverbände geeignet sein und an diese ausgeliehen wird, ist noch nicht entschieden.

«Wir wollen wissen, wie es weitergeht, um Planungssicherheit zu haben», sagt Manuela Mühlemann. Deswegen haben sich die Jugendverbände der Schweiz zu einer Arbeitsgruppe zusammen geschlossen, welche vom Baspo Antworten verlangt. Bis 2018 soll eine Ersatzlösung gefunden werden. Eine Möglichkeit wäre, dass die Jugendverbände das restliche Material der Armee abkaufen und künftig selber verwalten.

Inzwischen versuchen die Jugendgruppen, sich untereinander mit eigenem Material auszuhelfen. Und: Die Aufenthaltzelte müssen kleiner gebaut werden.

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