Mit teilweise radikalen Ideen wartet ein Gutachten der Basler Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer auf, das sie zuhanden von SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga erarbeitet hat. Diese basieren auf der Überzeugung, dass das Recht in einem modernen Staat keine Familienform bevorteilen dürfe.

Statt auf die Ehe soll demnach auf die «Lebensgemeinschaft» abgestellt werden. Eine solche liegt vor, wenn das Paar seit mehr als drei Jahren zusammen ist und entweder gemeinsam Nachwuchs hat oder wenn einer der beiden oder beide erhebliche Beiträge für die Gemeinschaft erbracht haben.

Homosexuelle, Halbgeschwister, polygame Gemeinschaften

Weil die Ehe nach dieser Lesart nur noch eine Form einer Lebensgemeinschaft ist, soll der Staat Ehehindernisse abbauen: Auch Homosexuelle sollen heiraten dürfen - und zu diskutieren sei gar die Ehe zwischen Halbgeschwistern oder mit mehreren Partnern. «Die Zunahme der Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern islamischen Glaubens wird in der Zukunft auch die Diskussion über polygame Gemeinschaften erfordern», schreibt Schwenzer. Betreffend Adoption sollen verheiratete, nicht verheiratete, verschiedengeschlechtliche und gleichgeschlechtliche Paare gleichgestellt werden.

Das Gutachten dient nun als Diskussionsgrundlage einer Fachtagung, an der Sommaruga Ende Juni mit Experten und interessierten Politikern Alternativen für ein modernes Familienrecht diskutieren möchte.

Konflikt mit Traditionalisten

Die progressiven Vorschläge sorgen in der SVP für Empörung: «Es ist nichts Neues, dass die Sozialisten versuchen, die Familien zu zerstören und die Ehe zu einer Alternative unter vielen möglichen Formen des Zusammenlebens zu degradieren», sagt der Basler Nationalrat Sebastian Frehner.

Auf das Gutachten hätte man verzichten können, wenn ohnehin nur drinstehe, was Simonetta Sommaruga habe hören wollen. «Wenn ich bei Christoph Mörgeli ein Gutachten bestelle, erhalte ich auch eines, das meinen Interessen entspricht.»

Verhaltener äussern sich die Familienpolitikerinnen Lucrezia Meier-Schatz (CVP/SG) und Christa Markwalder (FDP/BE). «Dieses Gutachten schafft eine Diskussionsgrundlage, nicht mehr und nicht weniger», sagt Meier-Schatz. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen sei es zwingend, dass neue Diskussionen geführt würden, vor allem im Steuer- und Erbrecht. Einige der Vorschläge Schwenzers kämen jedoch gesellschaftlichen Rückschritten gleich, findet sie. «Doch es ist einer Professorin freigestellt, Grenzen zu überschreiten.»

Markwalder sagt: «Ich finde es gut, dass eine breite Auslegeordnung gemacht wird.» Die Kernfrage sei, ob man der Ehe weiterhin einen besonderen rechtlichen Status zumessen wolle. «Diese Frage wird zum Konflikt zwischen Traditionalisten und jenen führen, die den gesellschaftlichen Realitäten Rechnung tragen wollen.»

Mehr Ledige als Verheiratete

Erstmals lebten Ende letzten Jahres mehr Einwohner mit dem Zivilstand «ledig» in der Schweiz als Verheiratete. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) sind 3,54 Millionen Menschen ungebunden, 3,53 Millionen verheiratet.

Generell heiraten Schweizer heute später und seltener als noch vor ein paar Jahrzehnten. Zudem lassen sie sich häufiger scheiden. Seit 1980 hat sich die Zahl der Geschiedenen verdreifacht. Derzeit ist gemäss BFS davon auszugehen, dass 43 Prozent der Ehen nicht erst vom Tod geschieden werden.