Nationalrat
Soll jeder Schüler einen Sprachaustausch machen?

Sollen Sprachaufenthalte innerhalb der Schweiz gefördert werden? Darüber debattiert der Nationalrat diese Woche. Zwei, die Erfahrung damit haben, sind Irina Lehner (18) und Heidy Köchli (59).

Drucken
Schüler beim Sprachaufenthalt im Welschland. (Archiv)

Schüler beim Sprachaufenthalt im Welschland. (Archiv)

Irina Lehner: «Sie brauchen mich nicht, ich sie schon» «Bonjour, vous allez bien? Französisch zu sprechen, fiel mir schon immer leicht. Ich habe entsprechend keine Sekunde gezögert, als ich mit 14 Jahren die Möglichkeit erhielt, an unserer Kantonsschule das zweisprachige Profil zu belegen. Fester Bestandteil davon: ein Austausch-Semester in der Romandie. Über einen Fragebogen der Schule wurde mir eine Gastfamilie im kleinen Walliser Dorf Bovernier zugeteilt und wenig später stand ich vor der Haustüre der Dorsazs, damit wir uns gegenseitig beschnuppern konnten. Zuerst kam aber der Sohn der Familie, Valentin, ein halbes Jahr zu uns nach Zürich – der Austausch sollte ja auf Gegenseitigkeit beruhen. Im Januar 2013 war ich dann an der Reihe, ich war damals 16 Jahre alt. Der erste Tag in der Schule war gleich ein Schlüsselerlebnis. Man kommt in einen Raum, die Augen von 25 Personen sind auf einen gerichtet, und man weiss genau: Sie brauchen mich eigentlich nicht, aber ich sie schon – sonst wird dieses halbe Jahr verdammt hart. Eine gewisse Offenheit ist da natürlich zwingend, ich legte meine Schüchternheit schnell ab. Gleichzeitig ist es auch eine Chance, sich nochmals ganz neu zu präsentieren und eigene Verhaltensweise zu hinterfragen. Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. In der Familie haben sie mich respektvoll behandelt, ich hatte mein eigenes Zimmer und war mehr oder weniger unabhängig. Dennoch prallten zwei Welten aufeinander: Eingespielte Strukturen werden plötzlich durcheinandergebracht und man macht Fehler, ohne sich dessen bewusst zu sein. Meine Gastfamilie pflegte zum Beispiel abends ziemlich spät und vor allem nur kalt zu essen. Das machte ich natürlich meistens mit, aber von Zeit zu Zeit wünschte ich mir etwas Warmes, ging einkaufen und kochte dann für die ganze Familie. Oder ich nahm mir die Freiheit, am Abend in meinem Zimmer etwas für mich zu machen, statt mit der ganzen Familie vor dem TV zu sitzen. Sie sagten nie etwas, bis es kurz vor Ende meiner Zeit zum grossen Streit kam und sie mir vorwarfen, dass ich mich nicht anpasse. Da war es leider bereits zu spät, um noch etwas zu ändern. Die Heimkehr nach Zürich war nicht einfach. Denn während ich mich verändert hatte, blieb zu Hause alles gleich. Ich musste mich zuerst wieder daran gewöhnen – und ein paar Beziehungen gingen auch zu Bruch. Das Austauschjahr war dennoch das Beste, das mir passieren konnte. Ich bin sicher schneller gereift, als wenn ich in meinem angestammten Umfeld geblieben wäre. Und ich spreche jetzt fliessend Französisch – was mir nicht zuletzt für mein Jus-Studium mit Aufenthalt in Strassburg viel helfen wird.» aufgezeichnet von Antonio Fumagalli

Irina Lehner: «Sie brauchen mich nicht, ich sie schon» «Bonjour, vous allez bien? Französisch zu sprechen, fiel mir schon immer leicht. Ich habe entsprechend keine Sekunde gezögert, als ich mit 14 Jahren die Möglichkeit erhielt, an unserer Kantonsschule das zweisprachige Profil zu belegen. Fester Bestandteil davon: ein Austausch-Semester in der Romandie. Über einen Fragebogen der Schule wurde mir eine Gastfamilie im kleinen Walliser Dorf Bovernier zugeteilt und wenig später stand ich vor der Haustüre der Dorsazs, damit wir uns gegenseitig beschnuppern konnten. Zuerst kam aber der Sohn der Familie, Valentin, ein halbes Jahr zu uns nach Zürich – der Austausch sollte ja auf Gegenseitigkeit beruhen. Im Januar 2013 war ich dann an der Reihe, ich war damals 16 Jahre alt. Der erste Tag in der Schule war gleich ein Schlüsselerlebnis. Man kommt in einen Raum, die Augen von 25 Personen sind auf einen gerichtet, und man weiss genau: Sie brauchen mich eigentlich nicht, aber ich sie schon – sonst wird dieses halbe Jahr verdammt hart. Eine gewisse Offenheit ist da natürlich zwingend, ich legte meine Schüchternheit schnell ab. Gleichzeitig ist es auch eine Chance, sich nochmals ganz neu zu präsentieren und eigene Verhaltensweise zu hinterfragen. Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. In der Familie haben sie mich respektvoll behandelt, ich hatte mein eigenes Zimmer und war mehr oder weniger unabhängig. Dennoch prallten zwei Welten aufeinander: Eingespielte Strukturen werden plötzlich durcheinandergebracht und man macht Fehler, ohne sich dessen bewusst zu sein. Meine Gastfamilie pflegte zum Beispiel abends ziemlich spät und vor allem nur kalt zu essen. Das machte ich natürlich meistens mit, aber von Zeit zu Zeit wünschte ich mir etwas Warmes, ging einkaufen und kochte dann für die ganze Familie. Oder ich nahm mir die Freiheit, am Abend in meinem Zimmer etwas für mich zu machen, statt mit der ganzen Familie vor dem TV zu sitzen. Sie sagten nie etwas, bis es kurz vor Ende meiner Zeit zum grossen Streit kam und sie mir vorwarfen, dass ich mich nicht anpasse. Da war es leider bereits zu spät, um noch etwas zu ändern. Die Heimkehr nach Zürich war nicht einfach. Denn während ich mich verändert hatte, blieb zu Hause alles gleich. Ich musste mich zuerst wieder daran gewöhnen – und ein paar Beziehungen gingen auch zu Bruch. Das Austauschjahr war dennoch das Beste, das mir passieren konnte. Ich bin sicher schneller gereift, als wenn ich in meinem angestammten Umfeld geblieben wäre. Und ich spreche jetzt fliessend Französisch – was mir nicht zuletzt für mein Jus-Studium mit Aufenthalt in Strassburg viel helfen wird.» aufgezeichnet von Antonio Fumagalli

Jiri Reiner
Heidy Köchli: «Heute wäre das wohl Ausbeutung» «Es gab in jener Zeit – wir sprechen von den 1970er-Jahren – drei Gruppen von jungen Mädchen, die für ein Jahr in die Romandie gingen: diejenigen, die es beruflich in die Pflege oder als Telefonistinnen zur damaligen PTT zog – und diejenigen, die etwas planlos waren und sich orientieren wollten. Zu Letzteren gehörte ich freilich nicht, ich wollte schon als Jugendliche als Pflegefachfrau arbeiten, und dafür war das sogenannte Haushaltjahr im Welschland oder im Tessin Pflicht. Im Frühling 1970 kam ich in Sion an, ich erinnere mich noch haargenau daran. Es war nämlich ein ziemlicher Kulturschock für mich: Ich wuchs in Luzern in einer Polizistenfamilie auf – und plötzlich fand ich mich in dieser Aristokratenfamilie, wo die Vorhänge aus Samt, die Teller aus Silber und der Boden aus Marmor waren. Im Haushalt hatte «Madame» das Sagen und sie liess mich das auch wissen. Ich kriegte alles einmal erklärt und musste es dann können. Sie merkte aber auch schnell, dass ich nicht zwei linke Hände hatte, und schenkte mir Vertrauen. Während sie mit ihren Freundinnen Bridge spielen ging, war ich oft alleine für den Nachwuchs – das Ehepaar hatte drei Kinder zwischen einem und fünf Jahren –, das Kochen und den Abwasch zuständig. Gearbeitet wurde sieben Tage die Woche und mein Lohn betrug monatlich 80 Franken. Heute wäre das wohl Ausbeutung. Es ist gut, dass sich die Jungen dies mittlerweile nicht mehr gefallen lassen. Während des ganzen Jahres hatte ich wahnsinnig Heimweh, ich war ja gerade mal 16 Jahre alt. Es war halt alles so anders und ich durfte nur gerade während dreier Wochen in die Deutschschweiz zurück. Abbrechen war für mich dennoch kein Thema, da habe ich einen zu sturen Schädel. Und ich habe natürlich in vielerlei Hinsicht vom Welschlandaufenthalt profitiert. Die Selbstständigkeit, die ich erlangte, brachte mich persönlich weiter. Sprachlich machte ich grosse Fortschritte, denn obwohl «Madame» aus dem Oberwallis stammte, sprach sie konsequent nur Französisch mit mir. Bis heute ist mir die Liebe zur Sprache von Molière erhalten geblieben. Und ich lernte viele neue Dinge kennen, sodass ich in Sion zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben Muscheln ass. Am schönsten war die Arbeit mit den Kindern, sie sind mir sofort ans Herz gewachsen. Eigentlich schade, dass wir heute keinen Kontakt mehr haben. Sie sind ja mittlerweile auch schon über 40 Jahre alt und haben sicher selbst Kinder. Wenn man denkt, was ich damals als junge Frau für eine Verantwortung hatte, wird einem fast schwindlig. Dennoch würde ich jeder jungen Person sofort empfehlen, solch ein Jahr zu absolvieren. Es ist zwar nur ein temporärer Sprung über den Röstigraben – aber die Erfahrungen prägen einen für den Rest des Lebens.» aufgezeichnet von Antonio Fumagalli

Heidy Köchli: «Heute wäre das wohl Ausbeutung» «Es gab in jener Zeit – wir sprechen von den 1970er-Jahren – drei Gruppen von jungen Mädchen, die für ein Jahr in die Romandie gingen: diejenigen, die es beruflich in die Pflege oder als Telefonistinnen zur damaligen PTT zog – und diejenigen, die etwas planlos waren und sich orientieren wollten. Zu Letzteren gehörte ich freilich nicht, ich wollte schon als Jugendliche als Pflegefachfrau arbeiten, und dafür war das sogenannte Haushaltjahr im Welschland oder im Tessin Pflicht. Im Frühling 1970 kam ich in Sion an, ich erinnere mich noch haargenau daran. Es war nämlich ein ziemlicher Kulturschock für mich: Ich wuchs in Luzern in einer Polizistenfamilie auf – und plötzlich fand ich mich in dieser Aristokratenfamilie, wo die Vorhänge aus Samt, die Teller aus Silber und der Boden aus Marmor waren. Im Haushalt hatte «Madame» das Sagen und sie liess mich das auch wissen. Ich kriegte alles einmal erklärt und musste es dann können. Sie merkte aber auch schnell, dass ich nicht zwei linke Hände hatte, und schenkte mir Vertrauen. Während sie mit ihren Freundinnen Bridge spielen ging, war ich oft alleine für den Nachwuchs – das Ehepaar hatte drei Kinder zwischen einem und fünf Jahren –, das Kochen und den Abwasch zuständig. Gearbeitet wurde sieben Tage die Woche und mein Lohn betrug monatlich 80 Franken. Heute wäre das wohl Ausbeutung. Es ist gut, dass sich die Jungen dies mittlerweile nicht mehr gefallen lassen. Während des ganzen Jahres hatte ich wahnsinnig Heimweh, ich war ja gerade mal 16 Jahre alt. Es war halt alles so anders und ich durfte nur gerade während dreier Wochen in die Deutschschweiz zurück. Abbrechen war für mich dennoch kein Thema, da habe ich einen zu sturen Schädel. Und ich habe natürlich in vielerlei Hinsicht vom Welschlandaufenthalt profitiert. Die Selbstständigkeit, die ich erlangte, brachte mich persönlich weiter. Sprachlich machte ich grosse Fortschritte, denn obwohl «Madame» aus dem Oberwallis stammte, sprach sie konsequent nur Französisch mit mir. Bis heute ist mir die Liebe zur Sprache von Molière erhalten geblieben. Und ich lernte viele neue Dinge kennen, sodass ich in Sion zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben Muscheln ass. Am schönsten war die Arbeit mit den Kindern, sie sind mir sofort ans Herz gewachsen. Eigentlich schade, dass wir heute keinen Kontakt mehr haben. Sie sind ja mittlerweile auch schon über 40 Jahre alt und haben sicher selbst Kinder. Wenn man denkt, was ich damals als junge Frau für eine Verantwortung hatte, wird einem fast schwindlig. Dennoch würde ich jeder jungen Person sofort empfehlen, solch ein Jahr zu absolvieren. Es ist zwar nur ein temporärer Sprung über den Röstigraben – aber die Erfahrungen prägen einen für den Rest des Lebens.» aufgezeichnet von Antonio Fumagalli

Jiri Reiner

Aktuelle Nachrichten