Dass eine Frau vor ihm steht, ist sich der Präsident des Militärgerichts nicht gewohnt. In der Vorladung schreibt er deshalb über «den Angeklagten» in männlicher Form, obwohl es sich um eine Soldatin handelt. Auch der Ankläger der Militärjustiz spricht die 35-jährige Thurgauerin als «Soldat» an.

Die Frau hat versucht, sich in einer speziellen Männerwelt zu behaupten. Sie leistete einen freiwilligen Dienst für die Swisscoy, den Verband der Schweizer Armee in Kosovo. Ihr Team war dafür zuständig, bei der Bevölkerung und Behörden Informationen zu sammeln. Aus ihrer Sicht geht das im Kosovo nur, wenn man sich der Balkan-Kultur anpasst. Wenn man Schnaps trinkt. Besonders schwierig war die Kontaktaufnahme mit den orthodoxen Kirchenvertretern. Besonders viel Schnaps war dazu nötig.

Der Schweizer Armee gelang es, den Draht zu einem Priester zu finden. In einer Bar in einem kosovarischen Dorf feierten die Schweizer Soldatin, ihr Vorgesetzter und eine Übersetzerin mit dem Kirchenvertreter den Aufbau ihrer Beziehung. Die Übersetzerin schilderte in einer Einvernahme den Ablauf. Die erste Runde Schnaps habe der Priester bestellt, die zweite Runde sei auf den Offizier gegangen, und die dritte habe die Soldatin spendiert. Danach seien die Armeeangehörige auf Bier umgestiegen. Die Beschuldigten bestritten dies am Freitag vor dem Militärgericht in Zürich, konnten sich an den genauen Ablauf allerdings nicht mehr erinnern.

Das Desaster ereignete sich 2016 auf der einstündigen Rückfahrt vom Dorf ins Militärcamp. Weil der Offizier, ein ehemaliger Polizist aus dem Baselbiet, den Schnaps schlechter verträgt als die Soldatin, überliess er ihr das Steuer. In einer S-Kurve stiess sie mit dem Auto der Übersetzerin zusammen und verlor die Kontrolle über das Militärfahrzeug. Wahrscheinlich war sie zu schnell unterwegs. Nicht nur der Mercedes im Wert von 25'000 Franken war schrottreif. Auch der Elektrizitätsmast, in den das Fahrzeug prallte, war zerstört. Für die Reparatur musste die Stromversorgung unterbrochen werden. Die Übersetzerin erlitt Schnittverletzungen und eine Gehirnerschütterung.

Vier Verkehrsunfälle pro Woche

Dass Fahrzeuge der Schweizer Armee in einen Crash verwickelt sind, kommt gemäss der Statistik der Militärversicherung immer häufiger vor. Für das vergangene Jahr verbucht sie einen Rekord. 215 Motorfahrzeuge verunfallten. Das sind 4 Unfälle pro Woche. 2012 waren es 182 Unfälle pro Jahr. 2013 sogar nur 169. Seither steigen die Zahlen.

Das Schadenszentrum des Verteidigungsdepartements registriert im Vorjahr ebenfalls einen Anstieg, allerdings nur einen geringen. 2016 verbuchte es eine Schadensumme von 14 Millionen Franken. Die Armee verweist auf eine weitere Statistik. Durchschnittlich verunfalle ein Militärfahrzeug erst nach 19'000 Kilometern; im zivilen Strassenverkehr sei dieser Wert deutlich tiefer.

Dass es sogar zur dienstlichen Pflicht gehört, sich alkoholisiert ans Steuer zu setzen, wollten die beiden Angeklagten vor dem Militärgericht weismachen. In einem Dienstbefehl werde Alkoholkonsum zur Kontaktpflege mit der Bevölkerung nämlich explizit erlaubt. Allerdings gilt dies nicht für Fahrer. Und gemeint sei damit auch nicht mehr als ein Gläschen, befand Gerichtspräsident Gian Moeri.

Das Militärgericht verurteilte die ehemalige Soldatin zu einer bedingten Geldstrafe von 9100 Franken. Erschwerend kam hinzu, dass sie bei ihrem Absturz auch eine Pistole und 18 Schuss auf sich trug. Auf dem heiklen Terrain in Kosovo sei das besonders gefährlich. Gleichzeitig wurde ihr Vorgesetzter zu einer Geldstrafe von 3600 Franken verurteilt, weil er die Fahrt seiner Untergebenen nicht verhindert hatte.

Die Militärjustiz wirft dem Offizier vor, er hätte wissen müssen, dass «eine schlanke Frau» nicht viel Schnaps vertrage. Die Übersetzerin hatte zudem zu Protokoll gegeben, dass er wissen konnte, dass der Soldatin in der Bar viel Alkohol angeboten werde: «Als attraktive Frau in Uniform stand sie bei den Einheimischen immer im Zentrum des Interesses.»