Grosses Interview
So will Roger Schawinski die SRG retten: 300 Franken Billag-Gebühr und Fusion der Radiosender

Als Radiopirat und TV-Unternehmer war er der wohl schärfste SRG-Kritiker. Nun wehrt sich Roger Schawinski vehement gegen die No-Billag-Initiative. Doch er macht auch brisante Sparvorschläge.

Patrik Müller
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«Die SRG würde deshalb innerhalb von Monaten zusammenbrechen»: Roger Schawinski hält No Billag für fatal.

«Die SRG würde deshalb innerhalb von Monaten zusammenbrechen»: Roger Schawinski hält No Billag für fatal.

SEVERIN BIGLER

Als wir Roger Schawinski in seinen Radio-1-Studios in Zürich treffen, kommt er gerade aus der Talksendung «Roger gegen Markus». Dort duelliert er sich Woche für Woche lautstark mit Markus Somm, dem Chefredaktor der «Basler Zeitung». Schawinski nimmt die Streitlust gleich mit in unser Gespräch. In seinem Büro hängen alte Kioskplakate, die sich um ihn drehen, viele davon aus seiner Zeit als Pirat.

Herr Schawinski, 2002 forderten Sie in Ihrem Buch «TV-Monopoly» die «Abschaffung des Gebührenmonopols der SRG». Genau dieses Ziel verfolgt die No-Billag-Initiative, die Sie bekämpfen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Roger Schawinski: Falsch! Ich habe nie verlangt, dass die SRG keine Gebühren mehr bekommen soll, wie das No Billag will, sondern, dass das SRG-Monopol fallen muss. Das ist etwas komplett anderes. Meine Meinung war und ist: Die Gebühren müssen aufgeteilt werden, auf SRG und Private, weil ein rein werbefinanziertes privates Fernsehen mit einem Informationsangebot in der kleinen Schweiz nicht möglich ist.

Die Gebühren werden zwar inzwischen aufgeteilt – aber 90 Prozent gehen weiterhin an die SRG.

Ja, und bei den Privaten profitieren vor allem regionale TV-Sender, die teuer und meist erfolglos sind. Die SRG konnte ein journalistisches Privat-TV für die ganze Deutschschweiz verhindern. Leider! Denn genau das ist mitschuldig daran, dass die No-Billag-Initiative überhaupt entstanden ist.

Sie sind der Ur-Kritiker der SRG. Haben Sie Ihr neues Buch auch aus schlechtem Gewissen geschrieben: Weil Sie das Terrain für No Billag bereitet haben?

Nochmals falsch! Ich war immer gegen das SRG-Monopol, oft auch gegen das SRG-Management, aber nicht gegen die SRG als Institution. Und ich habe mehr für eine duale Medienlandschaft getan als wohl jeder andere im Land. Vor allem SVP-Kreise wollen das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen nun gänzlich abschaffen. Zu diesen Kreisen gehörte ich nie.

Hätten Sie sich je vorstellen können, dass die SRG derart radikal infrage gestellt würde?

Nein. Das war bis vor Kurzem absolut undenkbar. Aufzuzeigen, wie es dazu kommen konnte, war ein Hauptgrund für das Schreiben dieses Buches. Und aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen will ich auch die Folgen von No Billag aufzeigen. Für mich ist klar: Wären die Politiker und die SRG früher bereit gewesen, den Markt echt zu liberalisieren, hätte die Kritik an der SRG nie bis ins Existenzielle gehen können. Die SRG-Chefs glaubten lange: Je umfassender unser Monopol ist, desto sicherer ist die SRG. Das Gegenteil erweist sich nun als wahr. Jetzt ist die SRG ein Popanz auf tönernen Füssen.

Könnte No Billag tatsächlich angenommen werden?

Diese Gefahr ist real. Wir sehen eine unheilige Allianz. Jeder stört sich beim SRG-Programm an irgendetwas: Linke und Rechte, Junge und Alte – in der Summe ist das ein nicht zu unterschätzendes Ja-Potenzial. Und: Es gibt eine Generation, die generell nicht mehr für Information zu zahlen bereit ist. Die «Digital Natives» können nun mit dem Stimmzettel locker 365 Franken sparen.

Rund 3000 Personen demonstrierten am 26. Januar 1980 in der Zürcher Stadthausanlage für die Wiederinbetriebnahme von Radio 24. Roger Schawinski (Mitte) geniesst das Bad in der Menge.

Rund 3000 Personen demonstrierten am 26. Januar 1980 in der Zürcher Stadthausanlage für die Wiederinbetriebnahme von Radio 24. Roger Schawinski (Mitte) geniesst das Bad in der Menge.

Alex Spichale

Sie schreiben, kein anderes europäisches Land habe das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen abgeschafft. Nur: Ein Ja zu No Billag bedeutet nicht die Abschaffung der SRG. Der Bund dürfte einfach keine Gebühren mehr erheben.

Das ist eine unsinnige und unbelegte Behauptung von Leuten, die keinerlei Erfahrung im Radio- und Fernsehbusiness haben. Ohne Gebühren gibt es keine realen Finanzierungsmöglichkeiten für ein qualitativ hochstehendes Fernsehen in unserem Land. Sogar Unterhaltungssendungen wie «Bachelorette» können allein mit Werbung nicht refinanziert werden, wie 3+ beweist. Regionale News und Talks sind allein in der Grossregion Zürich ohne Gebühren möglich, die ich bei TeleZüri 1994 eingeführt habe. Seither steckt der Sender in einer Wachstumsfalle. Mehr liegt nicht drin. Alles andere – grosse Shows, selbstproduzierte Filme und Serien, grossflächige Sportübertragungen, Dokumentationen – lässt sich in der Schweiz nicht allein mit Werbung finanzieren. Auch dann nicht, wenn die SRG verschwinden würde.

Sie würde bei einem Ja zur Initiative nicht einfach verschwinden. Die Politik würde kreative, neue Lösungen finden.

Es ist unehrlich, wenn das die Initianten behaupten, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Dafür würde allein schon der Zeitplan nie und nimmer ausreichen. Die SRG würde innerhalb weniger Monate drei Viertel ihrer Einnahmen verlieren. Viele Leute würden die Gebühren nach einem Ja wohl schon vorher nicht weiter einzahlen. Die Politik hätte also keine Zeit für Lösungen – zumal es dem Bund durch den Initiativtext ja explizit verboten wäre, Radio und Fernsehen zu finanzieren.

Den Kantonen wäre es nicht verboten, Geld zu sprechen – das Tessin und die Romandie könnten eigene Gebühren erheben.

Das Tessin bekommt heute 220 Millionen Franken aus dem SRG-Topf. Nur 45 Millionen zahlen die Tessiner selber. Das alles wäre weg. Das heisst schlicht und einfach Lichterlöschen.

Sie unterschätzen die politische Dynamik. Bei einem Ja am 4. März würde sich vieles bewegen. Die Masseneinwanderungsinitiative führte auch nicht zu einem Einwanderungsstopp und wurde stark verwässert.

Dort gab es keinen Zeitdruck und eine schwammige Vorgabe. Der No-Billag-Verfassungstext aber ist knallhart formuliert. Nach einer kurzen Übergangsfrist würde der SRG der Geldhahn abgedreht. Es gibt keinen Spielraum! Die SRG würde deshalb innerhalb von Monaten zusammenbrechen.

Selbst wenn es so wäre: Glauben Sie, die Schweiz würde ohne SRG untergehen? NZZ-Chefredaktor Eric Gujer schrieb, niemand käme heute auf die Idee, eine SRG zu gründen, wenn es sie nicht längst gäbe.

Käme jemand auf die Idee, heute eine NZZ zu gründen? Wann wurde bei uns letztmals eine Tageszeitung gegründet? Gujers Logik zeigt vor allem, wie verzweifelt die Zeitungsbranche ist: Weil es mit ihr steil abwärtsgeht, sucht man einen Schuldigen und glaubt, ihn in der finanziell gut ausgestatteten SRG gefunden zu haben. Das ist absurd, denn in den USA, wo es kein relevantes öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen gibt, geht es den Zeitungen mindestens ebenso schlecht wie bei uns. Die Zeitungskrise ist ein weltweites Phänomen.

 Roger Schawinski on air im Studio seines Radiosenders Radio 1 in Zürich. 

Roger Schawinski on air im Studio seines Radiosenders Radio 1 in Zürich. 

SEVERIN BIGLER

Im Unterschied zur SRG finanzieren sich die Zeitungen nicht durch Zwangsgebühren, sondern über den Markt. Wenn die SRG so gut ist, wie sie sagt, könnte auch sie versuchen, freiwillig zahlende Abonnenten zu gewinnen.

Solche Konzepte funktionieren nirgends für Informationsangebote, sondern nur für Sport, Filme und Porno. Auch die Werbeeinnahmen würden sofort einbrechen, wenn es die zuschauerstarken Sendungen nicht mehr gäbe, in deren Umfeld die Werbung heute verkauft wird.

Wohin würde denn das Werbegeld fliessen, wenn es die SRG nicht mehr gäbe?

Vor allem noch schneller ins Internet und zu den deutschen Sendern wie RTL, Pro Sieben und Sat 1. Deren Schweizer Werbefenster wären die grössten Profiteure. Vielleicht würden sie dann neu eine billig gemachte Schweizer «Tagesschau» ins Programm nehmen, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Schon heute fliessen 300 Millionen Werbefranken ins Ausland. Es würde mit einem Schlag noch viel mehr.

Sie bezeichnen eine Annahme von No Billag als «medialen Katastrophenfall». Überschätzen Sie nicht die Rolle der SRG? Das Medienangebot bliebe hierzulande komfortabel.

Einheimische Medien sind essenziell für das Funktionieren jeder Demokratie. Schon heute haben wir beim TV 60 Prozent ausländischen Medienkonsum. Das sind beinahe koloniale Zustände! Wäre das bei den Zeitungen ebenso, würden alle aufheulen. Statt weniger, brauchen wir im Fernsehbereich mehr einheimische Programme. Man müsste den Schweizer TV-Anteil erhöhen, indem man neben der SRG einem privaten sprachnationalen Sender eine Konzession mit journalistischem Leistungsauftrag erteilt. Damit würde der Anteil ausländischen TV-Konsums sinken. No Billag zielt also in die komplett falsche Richtung.

Ist die SRG heute zu gross?

Die SRG muss in einigen Bereichen zurückbuchstabieren. Wo die Verleger recht haben: Bei Online sollte sich die SRG zurücknehmen. Beim Radio bin ich der Meinung, dass man SRF 1 und SRF 3 – die sich musikalisch stark angenähert haben – zusammenlegen und den frei werdenden Kanal privatisieren könnte. Radio SRF 4 News ist keine Erfolgsgeschichte. Auch sonst gibt es Sparpotenzial, auch beim Fernsehen.

Roger Schawinski im SRF-Studio, wo er Gäste seiner Talksendung empfängt.

Roger Schawinski im SRF-Studio, wo er Gäste seiner Talksendung empfängt.

Merly Knörle

Sie haben mit «Tele 24» versucht, einen Sender für die ganze Deutschschweiz zu lancieren. Ohne Erfolg.

Damit ein solcher Sender nachhaltig funktioniert, muss er neben Werbeeinnahmen Konzessionsgelder erhalten. Mit 25 Millionen Franken wäre schon einiges möglich, wie wir bewiesen haben. Das ist viel weniger, als die maroden privaten TV-Regionalsender heute beziehen, die kaum messbare Marktanteile erzielen. Dadurch würde das Schweizer TV-Angebot effektiv bereichert. Eine Gesetzesänderung in diese Richtung ist heute dringender denn je.

Verliert Fernsehen nicht an Bedeutung? Die Zuschauerzahlen sinken seit Jahren, die Digital Natives schauen sich lieber Youtube an, und Video-Beiträge gibt es heute auf jedem Newsportal.

Was die Digital Natives anklicken, sind oft auch Beiträge von TV-Sendern, die sie sich dann einfach über die sozialen Medien reinziehen. Auch diese müssen produziert und finanziert werden. Tatsache ist, dass der Fernsehkonsum sehr stabil ist, trotz Internet und Smartphone. Und die politische Meinungsbildung findet noch immer hauptsächlich übers TV statt, auch im Vorreiterland USA. Die «Arena» hat bei uns nach wie vor grossen Einfluss, und der «Kassensturz», den ich vor mehr als vier Jahrzehnten lanciert habe, funktioniert auch heute noch prima.

Selbst wenn das so ist: Man könnte am Leutschenbach doch viel günstiger Fernsehen machen.

Es ist eine Legende, dass dort immer nur ausgebaut und geklotzt wird. Das erlebe ich beim Talk «Schawinski» anders. Die Zahl der Mitarbeiter ist in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Trotzdem bestreite ich nicht, dass die SRG schlanker werden muss, sonst wird sie von der Politik dazu gezwungen.

Auch wenn es zu einem Nein zu «No Billag» kommt?

Absolut. SVP-Vertreter haben ja bereits eine Initiative für eine Halbierung der SRG-Gebühren angekündigt. 200 Franken – die hätte in einer Abstimmung wohl sehr gute Chancen. Wenn «No Billag» abgelehnt wird, muss sich die SRG sogleich für die nächste Schlacht rüsten. Aus meiner Sicht müsste man einen Gegenvorschlag mit 300 Franken vorbereiten, um das Schlimmste abzuwenden. Die SRG-Führung hat den Ernst der Lage noch nicht erkannt, sonst hätte sie längst signalisiert, dass sie bei den Programmen zu Abstrichen bereit ist.

Sie gehen vor allem mit der alten SRG-Führung, deren Aushängeschild Ihr Freund Roger de Weck war, hart ins Gericht.

Ja, es wurden Fehler gemacht, sonst wäre No Billag nicht in einer solch guten Ausgangslage. Das sagen sogar die heutigen SRG-Chefs. Taktisch war es auch ungeschickt, dass die SRG direkt nach dem knappen Ja zur RTVG-Revision die Werbeallianz Admeira mitbegründet und so die meisten privaten Medienhäuser gegen sich aufgebracht hat, deren Zeitungen nun gegen die SRG schiessen. Admeira war ein «unforced error», das hätte nicht passieren dürfen – ganz abgesehen davon, dass Admeira nicht funktioniert.

Also sollte sich die SRG aus Admeira zurückziehen?

Der neue Generaldirektor Gilles Marchand ist jetzt seit hundert Tagen im Amt. Dies wäre ein guter Zeitpunkt, sein angekündigtes Konzept einer «neuen SRG» zu präsentieren. Damit könnte er punkten.

In Ihrem Buch schreiben Sie: «Es muss Blut fliessen.»

Ich habe lange überlegt, ob ich den Satz stehen lassen soll. Aber er trifft zu. Die Politiker, die privaten Medien und viele Gebührenzahler wollen sehen, dass die SRG zurückbuchstabiert. Um all diese Fragestellung bei No Billag verstehen zu können, muss man sich mit komplexen Zusammenhängen auseinandersetzen. Diese liefere ich in meinem Buch an.

Wenn No Billag durchkommt, wäre es auch das Ende Ihrer eigenen Sendung.

Das wäre wohl das kleinste Problem.

Sie moderieren «Schawinski» seit sieben Jahren. Schaut man Ihre Biografie an, hat sich alle sieben Jahre etwas in Ihrem Leben verändert ...

Na ja, Radio 1 habe ich vor zehn Jahren gegründet. Vielleicht gibt es mit fortschreitendem Alter eine gewisse Entschleunigung ...

Das Buch zu No Billag Für Roger Schawinski (72) – Gründer von Radio 24, Tele Züri, Ex-Geschäftsführer von Sat 1 – ist es «die radikalste Initiative seit langem». Darum hat er sich im Oktober entschieden, zur No-Billag-Vorlage, welche die SRG-Gebühren abschaffen will, ein Buch zu schreiben. Auslöser dafür war eine erste Umfrage, die ein Ja zur Initiative anzeigte. Innert weniger Wochen entstand das Werk – und Schawinski begründete gleich ein neues Genre: Das «aktuelle Taschenbuch». Das 176 Seiten umfassende Œuvre erscheint im Wörterseh-Verlag und kostet 12 Franken. Es ist ab Montag im Handel erhältlich. Schawinski legt darin ein flammendes Plädoyer gegen No Billag ab. Doch der Kämpfer gegen das SRG-Monopol und heutige SRF-1-Talkmaster («Schawinski») geht mit der SRG auch kritisch ins Gericht: Ihre Führung habe das Monopol immer weiter ausgedehnt und sei mitverantwortlich dafür, dass die Initiative überhaupt entstehen konnte.

Das Buch zu No Billag Für Roger Schawinski (72) – Gründer von Radio 24, Tele Züri, Ex-Geschäftsführer von Sat 1 – ist es «die radikalste Initiative seit langem». Darum hat er sich im Oktober entschieden, zur No-Billag-Vorlage, welche die SRG-Gebühren abschaffen will, ein Buch zu schreiben. Auslöser dafür war eine erste Umfrage, die ein Ja zur Initiative anzeigte. Innert weniger Wochen entstand das Werk – und Schawinski begründete gleich ein neues Genre: Das «aktuelle Taschenbuch». Das 176 Seiten umfassende Œuvre erscheint im Wörterseh-Verlag und kostet 12 Franken. Es ist ab Montag im Handel erhältlich. Schawinski legt darin ein flammendes Plädoyer gegen No Billag ab. Doch der Kämpfer gegen das SRG-Monopol und heutige SRF-1-Talkmaster («Schawinski») geht mit der SRG auch kritisch ins Gericht: Ihre Führung habe das Monopol immer weiter ausgedehnt und sei mitverantwortlich dafür, dass die Initiative überhaupt entstehen konnte.

HO

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