Studie
So werden wir heute alt: Abschied vom Ruhestand

Das AHV-Alter muss kein Einschnitt sein: Künftige Alte bleiben produktiv und aktiv. Das zeigt eine prospektive Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts.

Karen Schärer
Drucken
Teilen
Vielen ist ein langes und gesundes Leben vergönnt: Das erfordert soziale Anpassungen. keystone

Vielen ist ein langes und gesundes Leben vergönnt: Das erfordert soziale Anpassungen. keystone

Nach dem Eintritt ins AHV-Alter haben Männer durchschnittlich noch 19 Jahre Lebenszeit vor sich, davon bleiben sie (wiederum rein statistisch gesehen) bis auf die letzten zwei bis drei Jahre weitgehend beschwerdefrei.

Frauen werden noch älter: Sie haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 87 Jahren und haben damit nach dem Eintritt ins Rentenalter noch 23 Jahre vor sich, die sie gestalten können. Viel Zeit also. Wir leben in einer «Gesellschaft des langen Lebens».

Anlässlich der Präsentation einer gleichnamigen Studie plädierte David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Institutes (GDI), gestern in Rüschlikon dafür, die Vorzüge des langen Lebens zu entdecken und diese kreativ weiterzuentwickeln, anstatt im langen Leben ausschliesslich ein finanzielles und wirtschaftliches Problem zu sehen.

Clovis Défago, Präsident des Verbands Senesuisse, der die Studie in Auftrag gegeben hat, sagte: «Das Altern können wir nicht verhindern, doch wir können das Altsein massgeblich beeinflussen.»

Innovation bei Wohnen und Pflege

Die GDI-Studie stellt in sechs Thesen dar, wie die Zukunft von Altern, Wohnen und Pflege aussehen könnte.

Es gibt keine Kategorie «Alter». Starre biografische Momente, die den Anfang und das Ende der Alterskategorien markieren, sind weitgehend weggefallen. Lebensphasen gehen heute fliessend ineinander über.

70- oder 80-Jährige bilden keine heterogene Gruppe; die Lebensentwürfe von Senioren sind höchst unterschiedlich.

Aussagekräftiger als das Alter sind andere Einordnungen wie zum Beispiel Sozialstatus, Bildung und Einkommen. So sind Menschen aus benachteiligten Verhältnissen im Alter stärker von gesundheitlichen Problemen betroffen als finanziell besser gestellte Schichten.

Ruhestand ist ein Begriff der Vergangenheit. Über ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz arbeitet heute über das AHV-Alter hinaus. «Angesichts der höheren Lebenserwartung ist es legitim und zumutbar, dass Menschen fliessend in den Ruhestand treten und beispielsweise in einem Teilzeitpensum weiterarbeiten», sagte GDI-Chef Bosshart.

Das Rentensystem erweist sich angesichts der Diversität der Biografien als zu starres Korsett. Das lange Leben bedinge neue Vorstellungen von Tätigkeit, heisst es in der Studie: «Neben und nach der Erwerbsarbeit sind wir aktiv und produktiv.» Dies kommt der ganzen Gesellschaft zugute, die vom Wissen und den Erfahrungen der Senioren profitiert.

Keinesfalls im Altersheim

Heim und Daheim sind eins. Schon heute lebt die grosse Mehrheit der über 80-Jährigen in den eigenen vier Wänden. Die künftigen Alten werden vermehrt ein Umfeld einfordern, das sie am öffentlichen Leben teilhaben lässt.

Cafés, Gemeinschaftszentren und Treffpunkte gewinnen an Bedeutung, denn hier fühlen sich ältere Menschen sowohl mobil als auch zu Hause. Neue, innovative Wohnformen nehmen zu: Senioren wollen nicht mehr in einem Heim an der Peripherie untergebracht werden.

Künftige Alte bleiben reiselustig. Wer international Karriere gemacht hat, wird auch im Alter mobil bleiben. Hotels rund um die Welt richten sich verstärkt auf die Bedürfnisse von Senioren aus und bieten neben Wellness auch medizinische Dienstleistungen an.

Die Zeiten der Fremdbestimmung sind vorbei. Künftige Alte sind gut gebildet, weit gereist und medienkompetent, zum Teil auch kinderlos. Sie lassen sich nicht «ins Heim abschieben», sondern bestimmen selbst über die Form ihres Unterstützungsbedarfs. Eine breite Palette von Pflegeangeboten ist die Antwort auf die individuellen Bedürfnisse.

Roboter ziehen in die Haushalte ein. Der Einsatz von sogenannten «Care-Robotern» kann Pflegepersonal und Angehörige entlasten. «Die Verbindung von Intimität und Anonymität macht es für pflegebedürftige Senioren einfacher, Schwächen zu zeigen und sich helfen zu lassen», sagte David Bosshart.

Roboter übernehmen nicht nur unangenehme Aufgaben der Pflege, sondern lassen sich auch als feinfühlige Gefährten einsetzen. Da die künftigen Alten technikaffin sind, lassen sie sich gern von immer mehr Hightech-Produkten in ihrer Autonomie unterstützen.

Aktuelle Nachrichten