Seit Dienstag steht fest, dass die Waadt bei der Anzahl Frauen in der Kantonsregierung zum neuen nationalen Spitzenreiter wird: Weil der Kandidat der SVP auf einen zweiten Wahlgang verzichtet, schafft die SP-Politikerin Rebecca Ruiz den Einzug in den Waadtländer Staatsrat in stiller Wahl. Ruiz gesellt sich zu den vier amtierenden Regierungsrätinnen Nuria Gorrite, Cesla Amerelle (beide SP), Béatrice Métraux (Grüne) und Jacqueline de Quattro (FDP).

Damit sind fünf von sieben Sitzen in Frauenhand. Das ergibt einen Frauenanteil von 71,4 Prozent. In der Überzahl sind die weiblichen Exekutivmitglieder sonst nur noch im Kanton Thurgau. Dort besetzen Carmen Haag (CVP), Monika Knill (SVP) und Cornelia Komposch (SP) drei von fünf Regierungssitzen.

Erfüllen sich bei den anstehenden Wahlen im Kanton Zürich die Prognosen und wird neben den drei bisherigen Regierungsrätinnen auch Natalie Rickli (SVP) in die Exekutive gewählt, dann hätte ein dritter Kanton eine Frauenmehrheit.

38 von 154 Sitzen in Frauenhand

Sonst dominieren die Männer: Mit der Wahl von Ruiz regieren über alle Kantone gesehen insgesamt 38 Frauen und 116 Männer. Die Frauen besetzen also nur rund einen Viertel aller Regierungssitze. In 12 Kantonen sitzt lediglich eine Frau in der Exekutive. In den Kantonen Tessin, Graubünden, Luzern und Appenzell Ausserrhoden sind die Regierungen derzeit sogar reine Männergremien.

 
Die Co-Präsidentin des Frauendachverbandes Alliance F, Maya Graf, spricht von einem «grossen Defizit». Immerhin sei im Kanton Appenzell Ausserrhoden bei den Wahlen vom vergangenen Sonntag der Frauenanteil im Parlament sprunghaft auf einen Drittel gestiegen, so Graf. Auf Twitter jubelte die grüne Baselbieter Nationalrätin:

Mit der Kampagne «Helvetia ruft» will Alliance F zusammen mit der Operation Libero die Zahl der Entscheidungsträgerinnen in der Schweiz erhöhen. Oberstes Ziel ist es, den Frauenanteil im nationalen Parlament bei den Eidgenössischen Wahlen vom Herbst «massiv zu steigern».

32 Prozent Frauen im Nationalrat

Im Nationalrat beträgt der Frauenanteil heute 32 Prozent. Im Ständerat ist die sowieso schon kleine Frauengruppe mit der Wahl von Karin Keller-Sutter in den Bundesrat weiter geschrumpft. Sollte Favorit Benedikt Würth bei den Ersatzwahlen in St. Gallen Keller-Sutters Nachfolge antreten, würde der Frauenanteil in der kleinen Kammer auf 13 Prozent sinken.

Laut Graf ist es entscheidend, dass Politikerinnen von den Kantonalparteien langfristig aufgebaut werden, damit sie bei Wahlen reelle Chancen haben. Alliance F ist im Rahmen von «Helvetia ruft» aber auch selber tätig geworden: Anfang März fand in Bern ein «Vernetzungs- und Mentoringanlass» mit politisch interessierten Frauen statt. Im Fokus von «Helvetia ruft» stehen Frauen, die bis jetzt noch nicht Mitglied einer Partei sind.

Gemäss Graf sind bis jetzt über 500 Frauen dem Ruf gefolgt und haben ihr Interesse an einer Kandidatur im Herbst angemeldet. Mehr als 100 von ihnen sind Politikeinsteigerinnen.