Vor zehn Jahren
So verlief das Tiefgaragen-Unglück in Gretzenbach: Ein Betroffener erzählt

Der Tag, an dem sieben Feuerwehrleute ihr Leben verloren – ein Journalist des «Oltner Tagblatts» erinnert sich an das schreckliche Unglück vom 27. November 2004 im solothurnischen Gretzenbach.

Beat Wyttenbach
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Morgens um 10 Uhr, Rauch dringt aus der Garage. Erst gegen Abend wird die schreckliche Tragweite des Unglücks Gewissheit: Sieben Feuerwehrleute fanden den Tod. Archiv

Morgens um 10 Uhr, Rauch dringt aus der Garage. Erst gegen Abend wird die schreckliche Tragweite des Unglücks Gewissheit: Sieben Feuerwehrleute fanden den Tod. Archiv

HR Aeschbacher

Es war ein klarer, frostiger Novembertag, jener 27. November 2004, als um 9 Uhr Fotograf Hansruedi Aeschbacher unsere Redaktion anrief: Er habe eine Meldung der Polizei Kanton Solothurn erhalten, wonach in Gretzenbach ein «Baraggli» eingestürzt sei, und möglicherweise habe es noch Leute darunter.

Nach dem Eintreffen am Ereignisort war aber schnell klar: Hier musste es sich um eine grössere Sache handeln. Der Mediensprecher der Kantonspolizei, Frank Wilhelm, sammelte schon beim Eintreffen im Staldenacker die Journalisten ein und bat zur ersten von insgesamt vier Pressekonferenzen. Kurz vor zehn Uhr erfuhr man, dass eine Tiefgarage eingestürzt sei. Die Stützpunktfeuerwehr Schönenwerd, wie sie damals noch hiess, sei kurz nach 6 Uhr ausgerückt, weil ein Auto in der Tiefgarage im Staldenacker gebrannt habe. Es würden noch etliche Feuerwehrleute vermisst.

Zweite Pressekonferenz, kurz nach 14 Uhr im Gemeindehaus: Weiterführende Informationen konnten noch nicht gegeben werden. Immerhin war klar: Drei Feuerwehr-Angehörige waren teils schwer verletzt geborgen worden, sieben wurden noch vermisst. Was vorher schon angesagt war, sollte auch am Nachmittag folgen: Warten, warten und nochmals warten – bis zur dritten Pressekonferenz kurz nach 17 Uhr, wiederum im Gemeindehaus: Man arbeite sich zu den Verschütteten vor. Die Angehörigen wurden inzwischen in der Bibliothek des Schulhauses Meridian betreut. «Das war die schwierigste Aufgabe, die ich je hatte, damals gelangte ich an meine persönlichen Grenzen», sollte Gretzenbachs damaliger Gemeindepräsident Hanspeter Jeseneg Jahre später sagen.

Gedenken: Gottesdienst und Kerzen

Diese Feuerwehrangehörigen verloren bei dem Unglück ihr Leben: Rudolf Gäumann, Matthias Heider, Michael Hug, Patrick Kalt und Rolf Schmid (alle Schönenwerd) sowie Rolf Heller und Beat Weber (beide Gretzenbach). Ihrer wird heute Donnerstag, 27. November, um 19 Uhr anlässlich eines nicht öffentlichen Trauergottesdienstes in der Stiftskirche Schönenwerd gedacht. Am Nachmittag ist hingegen die Gedenkwand im Bereich des Feuerwehrmagazins Schönenwerd von 15 bis 18 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. «Es werden Kerzen angezündet», erklärt Vize-Kommandant und Koordinator Daniel Nydegger. (bw)

Nach der dritten PK hiess es, die Medienschaffenden könnten nach Hause gehen; es tue sich wohl an diesem Abend nichts mehr. Das war ein Irrtum: Kurz nach 18 Uhr wurden die entstellten Leichen der vermissten sieben Feuerwehrangehörigen geborgen. Die vierte Pressekonferenz am nächsten Morgen um 10 Uhr, diesmal in der Bibliothek des Schulhauses Meridian, brachte die traurige Gewissheit.

Pausen, um sich zu fassen

In solchen Momenten funktioniert man nur noch, geht in die Redaktion, schreibt den Bericht. Inzwischen waren auch die Namen der Verstorbenen bekannt, es folgte ein Termin mit dem damaligen Feuerwehrkommandanten Markus Gugger und seinem Stellvertreter Daniel Nydegger, am Dienstag darauf. Mühsam wurden die Nachrufe auf die Verstorbenen zusammengetragen, verbunden mit Pausen, in denen dem Kommandanten und seinem Vize Gelegenheit gegeben wurde, innezuhalten und sich zu fassen.

Unterdessen gingen die Aufräumarbeiten im Staldenacker weiter, teils unter misslichen Witterungsbedingungen. Unzählige Menschen suchten den Ort des schrecklichen Ereignisses auf, legten Blumen nieder, sprachen ein kurzes Gebet, hielten inne. Und drei Gemeinden, Eppenberg-Wöschnau, Gretzenbach und Schönenwerd, trafen unterdessen die Vorbereitungsarbeiten für die Trauerfeier, die eine Woche nach dem Unglück in der Schönenwerder Stiftskirche stattfanden.

Deckeneinsturz einer Tiefgarage in Gretzenbach Feuerwehrmänner versuchen am Samtag, 27. November 2004 die sieben verschütteten Feuerwehrmänner zu retten.
12 Bilder
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Ein Bagger auf der Unglücksstelle, 30. November 2004
Deckeneinsturz in Gretzenbach von 2004
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Am 3. Dezember: Die oberste Schicht Humus ist entfernt, die Betondecke wird ersichtlich.
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Am Freitag, 3. Dezember sind beschädigte Autos von aussen sichtbar.
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Angehörige trauern um die verstorbenen Feuerwehrmänner
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach An die Beerdigung eine Woche nach dem Unglück kamen 1000 Feuerwehrmänner aus der ganzen Schweiz. Insgesamt waren 2000 Personen anwesend.
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Aufräumarbeiten
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Die letzten Autos nahe dem Brandherd werden am 10. Dezember 2004 geborgen...
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach ... und werden von Polizisten und Armeeangehörigen untersucht
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Staatsanwalt Rolf von Felten bei einer Medienkonferenz am 15. November 2005. Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt, dass die Haftbarkeit der am Bau beteiligten Personen verjährt ist. Weiter wird bestätigt, dass der Brand selber nicht zum Einsturz führen konnte.
Deckeneinsturtz einer Tiefgarage in Gretzenbach Ein Jahr nach dem Einsturz der Tiefgarage ist das Gelände immer noch eine leere Grube.

Deckeneinsturz einer Tiefgarage in Gretzenbach Feuerwehrmänner versuchen am Samtag, 27. November 2004 die sieben verschütteten Feuerwehrmänner zu retten.

Keystone

Bald war klar: Der Platz würde nicht ausreichen, die Trauerfeier musste ins BallyLab und in die Kirche Gretzenbach übertragen werden, damit die rund 1750 Trauergäste aus dem In- und Ausland von ihren Kameraden Abschied nehmen konnten. Diese Schockwelle hatte nämlich vor den Landesgrenzen nicht Halt gemacht, wie unter anderem Michael Berger von der Freiwilligen Feuerwehr aus dem deutschen Laufenburg unterstrich, und sogar aus Polen waren Feuerwehrangehörige abgereist, um Abschied zu nehmen.

Ein Jahr später wurden zum Jahrestag zwei Gedenksteine für die Verstorbenen errichtet; einer im Staldenacker und einer beim Feuerwehrmagazin der Stützpunktfeuerwehr in Schönenwerd. «Die Kameradschaft innerhalb unseres Korps ist unterdessen sicher gewachsen», hielten Kommandant Gugger und sein Vize Nydegger im November 2005 fest, ein Jahr nach dem Unglück immer noch sichtlich betroffen. Doch wichtig war ihnen eines: «Wir wollen uns bei der Bevölkerung bedanken für die riesengrosse Solidarität und Anteilnahme, die wir in diesen Monaten erfahren durften.»

Nicht alle Narben verheilt

Dass die Narben teilweise bis heute nicht verheilt sind, sollte sich Jahre später zeigen, als die beiden Prozesse zum Unglück geführt wurden. Zuerst jener vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen mit zwei Schuldsprüchen und vier Freisprüchen und ein Jahr später jener vor dem Obergericht in Solothurn, als auch noch die beiden letzten Angeklagten freigesprochen wurden. Fazit: Sieben Menschen sind tot, drei teils schwer verletzt und niemand ist schuld. Es waren nicht wenige, die das verbitterte. Nun sind zehn Jahre ins Land gezogen; die Kinder, die damals ihren Vater verloren haben, sind junge Erwachsene, die Witwen und Eltern mussten ihr Leben neu ordnen.