AKW-Debatte
So unabhängig ist der SF-Atom-Experte

Horst-Michael Prasser erklärt derzeit auf allen Kanälen, was in den japanischen Reaktoren abläuft. Der Professor für Kernenergiesysteme ist aber nicht der unabhängige Experte, als der er in den Sendungen des SF präsentiert wird.

Christof Forster
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Atomexperte Horst-Michael Prasser erklärt derzeit auf allen Kanälen, was in den japanischen Pannenreaktoren abläuft. Der Professor für Kernenergiesysteme ist allerdings nicht der unabhängige Experte, als der er beispielsweise in den Sendungen des Schweizer Fernsehens präsentiert wird. Der ETH-Forscher hat Seminarteilnehmer ermutigt, AKW-freundliche Leserbriefe zu schreiben.

Kein Geheimnis ist, dass Prassers Lehrstuhl von den Schweizer Kernkraftwerken finanziert ist. Der gebürtige Ostdeutsche sieht darin kein Problem. Er habe als Professor einen Vertrag mit der ETH und sei ausschliesslich der Wissenschaft verpflichtet, antwortet er jeweils auf Fragen von Journalisten.

Prasser sitzt auch im Überwachungsgremium der Schweizer Atomaufsichtsbehörde, dem Ensi-Rat. Auf Podien und gegenüber Medien gibt er sich als glühender Befürworter der Kernkraft zu erkennen. Prassers Einsatz für Atomkraftwerke geht allerdings noch weiter. Der Professor rief an einem Seminar im November 2008 dazu auf, AKW-freundliche Leserbriefe zu schreiben. Er bedient sich dabei am klassischen Propagandainstrumentarium von Parteien und Verbänden, die vor Wahlen und Abstimmungskämpfen als Teil ihrer Kampagne gezielt Leserbriefe schreiben lassen.

«Cool bleiben, aber nicht humorlos»

«Kernenergie hat einen besonderen Bedarf an Öffentlichkeitsarbeit», heisst es in Prassers Powerpoint-Präsentation zum Seminar. Der ETH-Professor weist auf «gravierende Diskrepanzen» zwischen den Ängsten der Bevölkerung und den «tatsächlichen Risiken» hin. Auf jeder Seite prangt das offizielle Logo der ETH. Es entsteht der Eindruck, Prasser referiert als Vertreter der technischen Hochschule. Organisiert hat das Seminar die Schweizerische Gesellschaft für Kernfachleute. Deren Veranstaltungen sind jeweils öffentlich.

Nach einer Einführung über die starke Beachtung von Leserbriefen zeigt Prasser, welche Fallen beim Schreiben lauern: «Nicht andere Kernenergienutzer schlechtmachen.» Er gibt ganz konkrete Tipps, wie Leserbriefe möglichst wirksam zu formulieren sind. Die Schreiber sollten schnell reagieren auf eine Nachricht, kurz und bündig bleiben und keine persönlichen Angriffe starten. In Prassers Worten: «Cool bleiben, aber nicht unbedingt humorlos.» Er rät, die erneuerbaren Energien als Partner und nicht als Gegner zu bezeichnen. Und er mahnt zur Vorsicht beim «Hochpowern» von neuen Kerntechnologien. Damit würden bewährte technische Lösungen indirekt schlechtgemacht.

Prasser weiss, wovon er spricht. Schweizer Zeitungen publizieren regelmässig Zuschriften des ETH-Professors. Im zweiten Teil zeigt er eine Auswahl davon – und gibt sich in Kommentaren dazu auch selbstkritisch: «Reine Polemik – würde ich heute nicht mehr machen», heisst es zu einem Leserbrief, der in der deutschen «TAZ» erschienen ist.

Prasser verteidigt Seminar

Der ETH-Experte sieht nichts Problematisches an seinem Seminar: «Ich halte das für einen Aufruf zu einer aktiveren Teilnahme der Kernfachleute an der Meinungsfreiheit, die auch einem Professor zusteht.» Es gab weder einen Druck von «irgendwelchen Kreisen», dieses Seminar zu halten, noch werde er von «irgendeiner Seite in seiner akademischen Freiheit eingeschränkt, teilte er gestern auf Anfrage mit.